Springsteen-Hits, die keine wurden

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Neues Album mit bisher unveröffentlichten Songs der 70er Jahre von Bruce Springsteen veröffentlicht.

Berlin - Mit gut 30 Jahre alten Songs an die Spitze der Charts ­ das schaffen nicht viele: Bruce Springsteens verschollene Lieder von 1978 elektrisieren derzeit Käufer und Kritiker.

Wie konnte es passieren, dass dieses Versprechen erst jetzt eingelöst wird? Man wird fast ein wenig ärgerlich, wenn man “The Promise“ hört, die 21 Songs eines Doppelalbums, das Bruce Springsteen dieses Jahr vielen Fans zu Weihnachten präsentiert. Schwer zu sagen, warum der von Anhängern respektvoll “The Boss“ genannte Rock-Superstar diese durchweg eindrucksvollen, teilweise sogar monumentalen Lieder vom Ende der 70er Jahre seinem Publikum bisher weitgehend vorenthalten hat. Die nach dem Durchbruchs-Album “Born To Run“ (1975) in fiebriger Arbeitswut geschriebenen Songs passten nicht zum gesellschaftskritischen Nachfolgewerk, heißt es nun von Springsteen- Kennern zur Begründung.

Tatsächlich wären die meisten dieser wuchtigen Cinemascope-Balladen und aufgekratzten, bombastischen Rocker dem düsteren, hermetischen Flow des Meisterstücks “Darkness On The Edge Of Town“ (1978) wohl in die Quere gekommen. Und doch, so denkt man, hätte “The Promise“ (Sony) als “Darkness“- Nachfolger dem Mann aus New Jersey eine Serie von Hits bescheren können, wie er sie in seiner langen Karriere gar nicht mal so oft hatte. Aber Springsteen, der in seiner Veröffentlichungspolitik oft störrisch gegenüber Plattenlabels auftrat, wollte es anders und verschloss seine Schatzkiste. Nur eine Handvoll der Lieder war seitdem zu hören, etwa “Because The Night“ als Hit von Patti Smith, “Fire“ in einer Coverversion der Pointer Sisters oder “Rendezvous“ auf der Raritätensammlung “Tracks“ (1998).

“The Promise“ - auch als Teil einer luxuriösen Box mit drei CDs und drei DVDs erschienen - klingt mit seinen Elementen aus Rock, Pop, Doo-Wop und Soul der 50er bis 70er Jahre wie eine gut sortierte Jukebox voller Klassiker. Elvis Presley, Roy Orbison, Phil Spector, die Motown-Soulsänger oder auch die Beatles sind als Springsteens Vorbilder herauszuhören, ohne dass die Songs klischeehaft wirken. Die E Street Band liefert den bewährt großformatigen Hintergrund mit viel Klavier, Saxofon-Geröhre und Glockenspiel-Klingeling. Shalala-Chöre (“Someday“, “Breakaway“) und Bläser (“One Way Street“, “The Brokenhearted“) pumpen den Sound ins Überdimensionale auf. Über allem thront diese zwischen Sehnsucht, Verletzlichkeit, Pathos und Aufmüpfigkeit schwankende Rock'n'Roll-Stimme. Vielleicht hat der “Boss“ nie besser gesungen als auf dem bewegenden Titelsong, der mit seinen “Thunder Road“-Verweisen nicht nur alten Fans Gänsehaut garantieren dürfte: “Johnny works in a factory and Billy works downtown / Terry works in a rock and roll band / Lookin' for that million-dollar sound / I got a little job down in Darlington / But some nights I don't go...“. Eine klassische Springsteen-Story nimmt ihren Lauf, natürlich geht sie nicht gut aus.

Der Sänger, Gitarrist und Bandleader hatte vor gut 30 Jahren private und berufliche Krisen zu verarbeiten, als er sich an die nun endlich veröffentlichten Songs machte. Ein Rechtsstreit mit seinem Ex-Manager bremste ihn bei der Arbeit am Nachfolger von “Born To Run“, dem Album, das ihn als “Zukunft der Rockmusik“ auf diverse große Magazin-Titel gehievt hatte. Springsteen hörte 1978 nach eigenem Bekunden viele Punk-Singles aus England. Sie prägten zwar nicht den Sound von “Darkness...“, verdunkelten aber doch die Stimmung der zehn Lieder des Album- Klassikers. Mindestens 40 vollständige, melodie-satte Lieder sollen bei den im DVD-Teil dokumentierten Aufnahmesessions entstanden sein, viele Skizzen und Demos landeten im Müll. Womöglich sind die nun auf “The Promise“ versammelten Stücke nur die spektakuläre Spitze des Eisbergs.

Der Fan wird sich fragen, wie er so lange ohne diese Songs leben konnte. Die Popkritik wirft mit Höchstwertungen nur so um sich. Der inzwischen 61-jährige Springsteen hat eher wenig Aufhebens von der Veröffentlichung gemacht. Auf seiner Website ließ er immerhin verlauten: “Dies ist keineswegs eine Platte mit Ausschussware, sondern ein echtes Doppelalbum, das als Werk für sich steht.“ Nette Untertreibung. # dpa-Notizblock ## Service - “The Promise“ ist als Doppel-CD und als Teil einer Box erschienen, die neben den 21 Songs das Originalalbum “Darkness On The Edge Of Town“ (Remastered) sowie drei DVDs mit Dokumentationen und Live- Aufnahmen rund um dieses Springsteen-Werk enthält.

dpa

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