Holzhausen

20-Jährige lebt bereits mit dem zweiten Nierentransplantat

- Christina ist 20 Jahre alt und hat schon so viele Operationen hinter sich, dass es gleich für mehrere Leben reicht: Allein in den vergangenen zwei Jahren ist sie elfmal operiert worden. Mit neun Jahren erhielt sie bereits eine Niere, vor sieben Wochen wurde ihr ein zweites Transplantat eingesetzt. Beide Organe spendeten ihre Eltern.

Christina Gerhardt hat Cystinose, eine sehr seltene Stoffwechselkrankheit, die die Organe schädigt. „In Hessen gibt es außer ihr nur einen weiteren Patienten, einen jungen Mann“, berichtet ihre Mutter Karin Gerhardt. „Als Christina drei Jahre alt war, ging es los“, erinnert sich die 47-Jährige. Immer wieder musste sich die Kleine übergeben oder hatte Durchfall. Außerdem hatte sie immer viel Durst. Die Ärzte vermuteten Diabetes. „Aber keiner kam darauf, dass sie etwas mit den Nieren hatte“, erzählt Karin Gerhardt.

Dann wurde die Cystinose festgestellt und schon bald teilten die Ärzte Christinas Eltern mit, dass ihre Tochter früher oder später eine neue Niere brauchen würde. Sofort ließen sich beide, Karin und Udo Gerhardt, testen – und beide waren geeignet. „Das ist schon ein Glücksfall“, sagt Karin Gerhardt, „das gibt es nicht oft, dass beide Eltern als Spender in Frage kommen.“

Bis Christina neun Jahre alt war, konnten die Ärzte die Krankheit mit Medikamenten behandeln. Die Blutwäsche an der Dialyse blieb dem Mädchen erspart. Denn das Spenderorgan war sozusagen auf Abruf da. Karin Gerhardt ließ sich am 17. April 1998 eine Niere entnehmen und schenkte ihrer Tochter dadurch ein zweites Mal das Leben. Denn Christinas Körper nahm das neue Organ an. Die Niere funktionierte, produzierte Urin und entgiftete so den Körper des kleinen Mädchens. Karin Gerhardt hatte nach der Organentnahme nie schwierigkeiten: Ihre zweite Niere übernahm die Aufgabe des fehlenden Organs.

Die neue Niere ermöglichte Christina ein fast normales Leben. Sie ging zur Schule, traf sich mit Freundinnen, begann eine Ausbildung als Hauswirtschaftshelferin in Bad Arolsen. Nach knapp zehn Jahren begann sich abzuzeichnen, dass die Niere langsam weniger gut arbeitete und dass sie möglicherweise nur noch wenige Jahre funktionieren würde.

Doch dann erlitt Christina einen Darmverschluss und musste operiert werden. Dieser Eingriff schädigte die Niere. Zunächst sah es zwar so aus, als ob das Spenderorgan noch weiter funktionieren würde. Doch dann kamen Harnwegsinfekte und ein Narbenbruch hinzu, immer wieder waren kleinere Operationen bei Christina notwendig – zu viele für das Spenderorgan.

Die mittlerweile 18-Jährige Christina musste an die Dialyse. „Das erste Mal war ich geschockt, als ich gesehen habe, wie das Blut meines Kindes aus dem Körper läuft und dann wieder hineinfließt“, erinnert sich die 47-jährige Holzhäuserin. Eineinhalb Jahre lang gehörte die Dialyse zu ihrem Alltag. Denn auch, wenn ihr Vater Udo sofort bereit war, eine Niere zu spenden, mussten zunächst zahlreiche Kriterien erfüllt werden. Alle Infekte und Entzündungen in Christinas Körper mussten geheilt werden. Ihr Vater musste vor einer Ethik-Kommission glaubhaft vermitteln, dass es für die Lebendspende keine finanziellen Gründe gibt und Spender oder Empfänger keinen Druck auf den anderen ausüben.

Vor sieben Wochen wurde Christina die Niere ihres Vaters eingesetzt. Erst wurde er operiert, dann wurde das Organ auf die Transplantation vorbereitet. Dann folgte die dreistündige OP von Christina. Auch diesmal funktionierte die neue Niere sofort und produzierte Urin.

Noch muss Christina 40 Tabletten pro Tag nehmen. Mit einem Teil davon bekämpft sie die eigentliche Krankheit, ein Großteil der anderen halten ihren Körper davon ab, das neue Organ abzustoßen. Weitere Medikamente sorgen beispielsweise dafür, dass die eineinhalb Jahre lang nicht genutzte Blase langsam wieder dehnbar wird.

Obwohl im Moment alles positiv aussieht und ein Spenderorgan bis zu 15 Jahre, in Ausnahmefällen sogar länger „halten“ kann, traut sich Karin Gerhardt nicht, aufzuatmen: „Die Niere kann jederzeit abgestoßen werden“, sagt sie. „Man muss sich über die Jahre hangeln.“

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