Ottmar Vöpel, Bergwanderer aus Somplar, über Unglücke in den Alpen und den Reiz des Mount Everest

Für Action-Tourismus kein Verständnis

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Ein unvergessliches Erlebnis: die Überquerung der Alpen von Oberstdorf nach Meran auf dem Fernwanderweg „E5“; von rechts: Gerhard Leng, Ottmar Vöpel, Ulli Burger, Jens Galba und Thomas Fröhlich.

Frankenberg - Ottmar Vöpel aus Somplar, Jens Galba aus Battenberg und Gerhard Leng aus Rennertehausen haben kürzlich das Kleine Matterhorn bestiegen. Fast zeitgleich kamen fünf deutsche Alpinisten im Kanton Wallis ums Leben. Vergangene Woche starben neun Bergsteiger bei einem Lawinenunglück im Montblanc-Massiv, zwei Kletterer sind am Samstag erfroren. Ein Interview über den Reiz der Gipfel, das Bezwingen von Grenzen und den Tod.

Auf dem Europäischen Fernwanderweg „E5“ haben Ottmar Vöpel, Jens Galba, Gerhard Leng, Ulli Burger und Thomas Fröhlich vor zwei Jahren die Alpen überquert: Sie sind von Oberstdorf im Allgäu nach Meran in Südtirol gewandert. In diesem Sommer schnürten Vöpel, Galba und Leng im Schweizer Kanton Wallis die Bergschuhe. Ihr Ziel war der 4164 Meter hohe Breitkopf-Gipfel. Über den Reiz und die Gefahren der Touren sprach FZ-Redaktionsleiter Rouven Raatz mit Bergwanderer Ottmar Vöpel.

Vor wenigen Tagen haben Sie das Kleine Matterhorn in der Schweiz bestiegen. Machen Sie als passionierten Bergwanderer Nachrichten wie die vom Unglück am Mont Maudit besonders betroffen?

Das macht betroffen, weil man sich in solchen Momenten bewusst macht, was alles passieren kann. Ich bin ein Typ, der keine Angst vor irgendwelchen Abenteuern hat. Im Gegenteil: Ich suche diese Abenteuer eigentlich. Pilotenschein, Tauchschein, ich habe vieles gemacht. Aber man verdrängt so ein bisschen die Gefahren. Wenn solch ein Unglück eintritt, dann sagt man sich schon: Oh man, das hätte auch passieren können.

Elf Tote in Frankreich, fünf tote Bergsteiger in der Schweiz. Haben Sie Erklärungen, warum sich in den vergangenen Tagen solch tragische Unfälle am Berg gehäuft haben?

Ich bin mit Sicherheit kein Fachmann für hochalpine Touren. Die Ursache liegt meines Erachtens aber in den Wetterbedingungen, die momentan in den Alpen herrschen. Vor ungefähr acht Wochen lagen im Gebirgsmassiv Schweizer Wallis noch ungefähr vier Meter Schnee. Die sind zusammengeschmolzen, aber als sehr schwerer, nasser Schnee immer noch da. Und jetzt ist es ziemlich warm dort unten. In 4000 Metern hatten wir morgens sieben Grad plus, dazu Eisregen. Dieser schwere Schnee ist das Problem. Der gleitet an Steilhängen ab. Wer darauf ist, der wird mitgerissen. Und so war es wohl auch bei der Tour mit den fünf Toten. Die sind auf einem Schneebrett abgestürzt. Und am Montblanc war es wohl ähnlich.

In den deutschen und in den österreichischen Alpen sind in den vergangenen Tagen ebenfalls mehrere Menschen beim Bergwandern abgestürzt und gestorben. Ist die Zahl der Unglücke gestiegen, oder sind wir „Flachlandtiroler“ durch die mediale Präsenz des Themas derzeit besonders sensibilisiert?

Das können Zufälle sein. Allerdings gibt es in den Alpen oder in Gebirgen generell immer wieder Unfälle mit tödlichem Ausgang. Wer auf den Berg steigt, muss wissen, dass so etwas passieren kann. Aber die besonderen Wetterbedingungen dürften docheine Rolle spielen, dass sich die Zahl der Unglücke häuft.

Hat der Bergtourismus in den vergangenen Jahren zugenommen?

Ich habe auf unseren Touren festgestellt, dass sehr, sehr viele Menschen in den Bergen unterwegs sind. Ein Beispiel: Unsere Tour „E5“ 2010: Da waren zwei Seilschaften mit jeweils zehn Personen von Oberstdorf nach Meran unterwegs. Da mussten jeweils vier bis fünf Personen abbrechen, weil sie körperlich überhaupt nicht in der Lage waren, diese Tour zu bewältigen. Die Leute hatten sich offensichtlich nicht damit beschäftigt, was auf sie zukommt. Das ist das Problem mit der Abenteuerlust. Heute ist alles mit relativ wenig Geld möglich. Aber es fehlt an der Aufklärung.

Ist den Menschen der Respekt vor der Natur und den Naturgewalten abhandengekommen?

Das kann schon sein. Ein gewisses Potenzial an Verharmlosung ist hin und wieder zu sehen, nach dem Motto: Das schaffen wir schon. Vielleicht ist das ein Problem unserer Fun-Gesellschaft. Die Menschen suchen den Kick, ob beim Bungee-Jumping oder beim Paragliding, es wird immer verrückter. Das ist dieser Action-Tourismus, der zunimmt. Da werden die Gefahren verharmlost.

Sie haben vermutlich auf Wanderpfaden begonnen und sind dann nach für nach in das hochalpine Gebiet vorgedrungen. Worin besteht die Faszination?

Bei mir ist es in erster Linie die Liebe zur Natur. Ich bin das erste Mal 1984 in den Seefelder Alpen zum Wandern gewesen. Mein erster Berg war 2300 Meter hoch. Ich war total stolz, dass ich das geschafft hatte. Die Ruhe auf dem Berg hat mich fasziniert. Das ist ein wunderschönes Gefühl. Alleine auf dem Berg zu stehen, auf die Welt herun-terzuschauen, das ist etwas ganz Tolles. Das genieße ich sehr.

Erst ein 2000 Meter hoher Berg, dann ein 3000er, jetzt bewegen Sie sich jenseits der 4000er-Marke. Haben Sie für sich eine Grenze nach oben definiert?

Ich bin kein Bergsteiger, ich mache Trekkingtouren. Ich würde nie in eine Wand klettern. Nicht, weil ich Angst davor habe, sondern weil mir das Know-how fehlt. Ich will zu Fuß da hinkommen, wo man noch hinlaufen kann. Sicherlich gibt es Passagen, die auch sehr steil sind. Bei denen man auch mal am Drahtseil geht, eingehakt mit einem Sicherheitsgurt. Aber das Risiko muss kalkulierbar sein. Aber es ist schon richtig: Da kommt der Drang, vielleicht noch höhere Passagen zu schaffen.

Kann man sich auf solche Touren vorbereiten?

Einiges ist Lernen durch Ausprobieren. Auf richtig steile Passagen kann man sich hier bei uns nicht vorbereiten. Aber die körperliche Fitness kann man vorbereiten. Man muss seine Grenzen kennen, vor allem muss man absolut schwindelfrei sein. Wenn man erkennt, dass eine Tour problematisch wird, muss man die Finger davon lassen. Man kann schon probieren, im-mer etwas mehr rauszukitzeln. Aber wichtig: Man muss seine Grenzen kennen.

Ausrüstung für hochalpine Touren ist mittlerweile in fast jedem Sportgeschäft erhältlich. Vernebelt dies den klaren Blick darauf, dass die beste Ausrüstung nichts wert ist, wenn die physische Konstellation solche Touren nicht hergibt?

Genau das ist richtig. Ausrüstung ist wichtig, und sie muss durchdacht sein. Es bringt nicht die Masse, sondern die Qualität der Ausrüstung. Das fängt bei den Schuhen an. Wenn ich dicke Blasen an den Füßen habe und es blutet, dann war es das auf 3000 Metern. Dann stecke ich im Berg und habe ein Problem. Ausrüstung ist nur ein Teil, die Physis ist das Wichtigste. Ich muss vorbereitet sein. Das bedeutet: Sport, Sport, Sport. Für unsere alpine Tour, die wir zuletzt gemacht haben, hatten wir die erforderliche Fitness. Aber was man einfach nicht trainieren kann, ist die Höhe. Und wenn man dann am Berg steht, kommt dazu: Wie sind die Witterungsbedingungen? Wir haben die Tour früher als geplant abgebrochen, weil sie unter diesen Wetterbedingungen einfach nicht zu leisten war.

Übernachten Sie bei Ihren Touren auf Berghütten, oder geht es abends zurück ins Hotel?

Die letzte Tour war auf fünf Tage angelegt, von Hütte zu Hütte. Das ist sehr schön. Aber man kann natürlich auch von einem Basispunkt schöne Tagestouren machen. Das hat den Reiz, dass man nicht auf den Hütten schlafen muss, wo die sanitären und sonstigen Gegebenheiten begrenzt sind. Man muss mit wenig auskommen. Bei unserer Tour lag die Hütte auf 3400 Metern auf einem Felsvorsprung. Da gab es ein bisschen Wasser zum Gesichtbefeuchten, mehr war nicht möglich. Ein erfrischendes Duschbad mit 25 oder 30 Grad warmem Wasser gibt es dort nicht. Und auch das Essen kommt aus der Retorte, nämlich mit dem Hubschrauber. Das muss man wissen, und da muss man sich vorbilden. Wer dafür kein Typ ist, sollte es lassen.

Sie engagieren für Ihre Touren Bergführer, warum?

Wir würden eine Tour nie frei Schnauze und ohne Bergführer unternehmen. Ein professioneller Bergführer bedeutet viel Sicherheit. Die Gletscherspalten sind nur ein Beispiel. Ein guter Bergführer verfügt über die Erfahrung, die Situationen bestmöglich einzuschätzen und das Risiko abzuschätzen.

Am Matterhorn waren Sie inklusive Bergführer zu viert unterwegs, vor zwei Jahren auf dem Fernwanderweg inklusive Bergführer zu sechst. Wie hat sich Ihre Gruppe gefunden?

Wir sind eine Gruppe befreundeter Menschen, die das gleiche Hobby haben. Wir haben über Jahre schon Kontakt und unternehmen in verschiedenen Besetzungen die Touren.

Welche Berge haben Sie denn gemeinsam schon bestiegen?

Bei unserer „E5“-Tour war es der Similaun-Gletscher, Braunschweiger Hütte - alles bekannte Wanderrouten. Die einzelnen Gipfel merke ich mir gar nicht. Breithorn und Kleines Matterhorn haben wir kürzlich bestiegen. Der einzelne Berg ist nicht so wichtig, das Gesamtergebnis ist für mich bedeutend.

Vor wenigen Wochen war der Mount Everest in den Schlagzeilen. Selbst auf dem höchsten Berg der Welt gibt es Tourismus, oft mit tödlichem Ausgang. Wie denken Sie darüber?

Ich war noch nicht in Asien zum Bergwandern. Was ich im Fernsehen sehe, empfinde ich als erschreckend. Das ist Massentourismus. Ich empfinde keinen Reiz, auf den Mount Everest zu kommen, in einer Gruppe von 30 bis 40 Leuten - nur um sagen zu können, da bin ich gewesen. Die Art und Weise missfällt mir.

Welche Tour würde Sie reizen?

Eine Wanderung in Tibet. Es ist sicherlich eine hochinteressante Sache, die Natur dort zu erleben - so wie sie ist. Aber dann in einer kleinen Gruppe, ohne Höchstleistungen erbringen zu wollen. Ich habe wenig Verständnis dafür, wenn man sich beispielsweise mit allen möglichen Hilfsmitteln, wie Sauerstoffflaschen, auf den Mount Everest schleifen lässt. Das ist für mich keine erstrebenswerte Leistung.

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