Christiane Kohls Buch "Das Zeugenhaus" als Film im ZDF

Die Ambivalenz von Gut und Böse

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- Oliver Berben hat den Film "Das Zeugenhaus" produziert, der am Montagabend im ZDF ausgestrahlt wird. Im Interview mit WLZ-FZ-Redakteurin Andrea Pauly spricht er über das Buch, die Faszination des Zeugenhauses und die Verwandlung vom Sachbuch zum Film.

- Herr Berben, wie sind Sie auf das Buch „Das Zeugenhaus“ gestoßen?

Das ist kurz nach dem Erscheinen des Buches gewesen, durch eine damals bei mir arbeitende Dramaturgin, die mir von dem Buch und dem historischen Hintergrund erzählt hatte. Dann habe ich angefangen, es zu lesen und habe nach einem Drittel gesagt: Ich muss mir was dazu überlegen.

- Welcher Aspekt spielt in der Verfilmung von „Das Zeugenhaus“ für Sie die wichtigste Rolle?

Mich hat die Idee dieser Situation, die die Alliierten damals zu Zeiten der Nürnberger Prozesse angestrengt haben, am meisten fasziniert. Als jemand, der sich immer viel mit dieser Zeit und der Geschichte beschäftigt hat, der aber immer ein Problem damit hat, noch einen gleichartigen Film über den Nationalsozialismus zu machen, hat mich das völlig anders erwischt, weil es eine komplett andere Perspektive angenommen hat und nicht aus der Retrospektive erzählt. Ich hatte nie von Zeugenhäusern gehört, es war mir nicht bewusst, dass es so was gegeben hat. Daraus einen Film zu machen, hat sich als nicht sehr einfach herauskristallisiert. Ich habe fast sechs Jahre gebraucht, mehrere Autoren verschlissen, drei verschiedene Drehbuchversionen in den Mülleimer transportiert, weil es sehr schwierig war, das herauszuarbeiten, was mich beim Lesen von Christiane Kohls Buch so begeistert hat.

- Sie mussten auch den Regisseur Matti Geschonneck erst von Ihrem Projekt überzeugen. Was hat er anders gesehen als Sie und wie haben Sie ihn umgestimmt?

(lacht) Den musste ich ein paar Mal überzeugen! Der hat es gar nicht anders gesehen, er wollte das nicht machen! Warum, hab ich erst im Nachhinein erfahren. Er hatte großen Respekt vor der Geschichte. Aber ich habe ihm keine Wahl gelassen, ich habe gesagt: „Wir müssen diesen Film zusammen machen und ich weiß, dass Sie der Richtige dafür sind!“

- Frau Kohls Buch ist eine Dokumentation, eine Kette einzelner Begebenheiten, aber dramaturgisch kein Roman. Wie haben Sie daraus einen Fernsehfilm gemacht?

Das war eine sehr schwierige Situation, weil es keine Geschichte im dramaturgischen Sinne ist, sondern eine Situation. Zwei Dinge waren für mich bei der Herangehensweise wichtig. Die eine war die fast immer gleiche Reaktion vieler Leute: zuerst Ungläubigkeit und dann die Frage nach dem Warum. Warum hat dieses Haus existiert? Und darüber kommt man zu einer dramaturgischen Linie. Das zweite war, das ich einen Unterhaltungswert in diese Geschichte bekommen wollte. Es geht nicht nur darum, ein trauriges, bedrückendes Stück Geschichte zu erzählen, sondern es muss gelingen, sowohl Humor als auch Spannung dabei zu haben. Die Situation sollte möglichst in der Stimmung sein, wie Deutschland damals war. Viele Dinge wurden damals erst aufgearbeitet. Deswegen war mir das Geheimnis, das in jeder Figur steckt, wichtig: Was wusste jeder, womit hat sich jeder beschäftigt und wie hat jeder seinen eigenen Begriff von Schuld für sich in Anspruch genommen? Das waren für mich die beiden Stränge, die in den Vordergrund sollten.

- Darin steckt auch eine große Ambivalenz: Humor in einem solchen Stoff. Ist das wichtig, damit ein Film funktioniert?

Das ist bei mir dadurch gekommen, dass ich beim Lesen der Anekdoten teilweise auflachen musste. Natürlich bleibt einem manchmal auch das Lachen im Halse stecken. Ich rede von fast erleichternden Situationen, die ein Lachen provozieren, aus einem Sarkasmus, aus einer Untergangsstimmung heraus. Und ja, ich halte es für absolut wichtig, dass man einen solchen Stoff unterhaltsam erzählt. Das bedeutetet nicht, dass man ihn nicht ernst nimmt, sondern dass man den Zuschauer traurig sein lässt, erschrocken sein lässt, entsetzt sein lässt, aber auch lachen lässt. Auch wenn es ein schweres Thema ist.

- Einer der berühmtesten Unterzeichner im Gästebuch kommt im Film nicht vor: der Flugzeugkonstrukteur Messerschmitt. Warum haben Sie gerade diesen weltbekannten Namen gestrichen?

Anfangs hatten Matti Geschonneck und ich bestimmt noch vier Personen mehr im Drehbuch. Aber die Idee des Films ist nicht, welche bekannten Leute vorkommen. Sondern man fügt eine Gesellschaft von Menschen zusammen, die eine Mischung darstellt, die auf einen guten und durchdachten Film hinweist. Jemand wie Diels, der nicht vielen Menschen etwas sagt, obwohl er die Gestapo gegründet hat, ist für diese Situation und den Zeitabschnitt der Hauptverhandlung enorm wichtig. Diels, der von Tobias Moretti verkörpert wird, steht für das personifizierte Böse, das immer wieder auf die Beine fällt. Das war mir wichtig, die Ambivalenz von Gut und Böse, von Schuld und Unschuld, von dem, was jeder für sich selbst zu sagen hat, dass das nicht glasklar ist, sondern dass sich das in einem grauen Bereich bewegt.

- Sie arbeiten als Produzent mit Ihrer Mutter zusammen. Kann man es überhaupt vermeiden, wenn man einen solchen Stoff liest und eine prominente Frauenrolle hat, dabei an seine Mutter zu denken?

Ich habe es in diesem Fall nicht nur nicht vermieden, sondern es war mir ein großer Wunsch, dass Iris Berben diese Rolle spielt. Ich habe ihr, als ich das Buch gelesen habe, sehr früh davon erzählt. In diesem Fall kann man das mit gutem Gewissen sagen, dass ich sie von Anfang an im Kopf hatte. Es gab noch eine zweite Figur, da war das genauso, das war Gisela Schneeberger, die Görings Sekretärin spielt. Ich hätte mir niemand anderen vorstellen können. Die musste es einfach machen.

Mehr zum Buch und zum Film lesen Sie in der Freitagsausgabe der Frankenberger Zeitung. In der Mediathek des ZDF gibt es zudem eine Vorschau zum Film, der am Montag zu sehen ist.

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