Im 45. Bestehensjahr muss Lothar Battefeld für die Discothek „Utopia“ neuen Kundenkreis erschließen

Andere Musik für neuen Kundenkreis

+
Seit 45 Jahren besteht die Discothek „Utopia“ in Geismar. Betreiber Lothar Battefeld hat in all den Jahren zahlreiche Entwicklungen miterlebt – wobei ihn die in den vergangenen 15 Jahren zusehends gebeutelt haben. Foto: Andrea Pauly

Frankenberg-Geismar - Die Gesetze machen es ihm nicht leicht: Rauchverbot, „Mama-Schein“, höhere Gema-Gebühren und die auf 3 Uhr festgelegte Sperrstunde: Lothar Battefeld kämpft gegen die symbolischen Windmühlen. Mit einem neuen Musikangebot will der Betreiber der Discothek „Utopia“ nun neue Kunden gewinnen.

Eigentlich, sagt Lothar Battefeld, müsste seine Disco immer gut besucht sein: Bis auf das ebenfalls von seiner Familie betriebene „Bonkers“ in Frankenberg und die „Grotte“ in Niederasphe gibt es im Umkreis von 40 Kilometern keine Disco mehr, die früheren Konkurrenten sind längst Geschichte. Doch das bedeutet nicht, dass sich nun mehr Gäste in den beiden Discos der Familie Battefeld einfinden: Denn die jungen Leute haben ihr Ausgehverhalten geändert. Und die Gesetze auf allen Ebenen verbunden mit einem veränderten Verhalten in der Gesellschaft machen es dem 59-Jährigen schwer, sein Geschäft am Laufen zu halten.

Feiern auch an Werktagen

Die Disco „Utopia“ an der Bundesstraße in Geismar gibt es seit 45 Jahren. Und über viele Jahre war die Disco an gleich mehreren Wochentagen proppenvoll. Früher gingen die jungen Leute am Wochenende mit Begeisterung in die Disco. Auch Erwachsene, die am nächsten Tag arbeiten mussten, waren am Abend zuvor dort - allerdings begann die Party für sie bereits gegen 19 Uhr, sodass sie um Mitternacht im Bett lagen und am nächsten Morgen wieder fit waren. Diese Zeiten sind allerdings schon lange vorbei.

Mit dem Herbst beginnt eigentlich die Discozeit: Kirmesfeiern und Vereinsfeste sind vorüber. Doch Battefeld weiß, dass sein „Utopia“ kein Selbstläufer mehr ist. Wegen der Sperrstunde um 3 Uhr kommen manche Kunden gar nicht mehr: „Für die zwei oder drei Stunden sparen sie sich das Geld für die Taxifahrt und den Eintritt“.

Um die fehlenden Öffnungszeiten ab 3 Uhr auszugleichen, öffnete Lothar Battefeld die Disco eine Stunde früher - bei halbem Eintrittspreis. „Das hat null gebracht“, sagt er. „Die Leute lassen sich nicht dazu zwingen, eher wegzugehen.“

Seit etwa Mitte der 1980er-Jahre verschiebe sich die Zeit, in der die Kunden in die Disco gehen, immer weiter nach hinten. „Die meisten kommen erst nach Mitternacht“, berichtet Battefeld.

Und dann sind viele Gäste schon längst nicht mehr nüchtern. Denn zuvor wird „vorgeglüht“. Zu Hause, in Jugendräumen oder Vereinsheimen wird gezecht. „Ich schätze, zu 70 Prozent passiert das mit Spirituosen.“ In seiner Jugend war Vorglühen noch verpönt. „Heute kommen die Leute schon stramm bei uns rein“, berichtet er - übrigens nicht nur zu den sogenannten Flatrate-Partys mit billigen Getränkepreisen, sondern auch an „Ü-30“-Abenden.

Dieses Verhalten, das nach seiner Beobachtung in den vergangenen 15 Jahren immer häufiger geworden ist, führt zu geringeren Einnahmen für ihn - denn die Gäste verbringen weniger Zeit im „Utopia“ und konsumieren dementsprechend auch weniger Getränke.

Lothar Battefeld ärgert sich zudem darüber, dass die Discotheken für den steigenden Alkoholkonsum bei Jugendlichen und die daraus entstehenden Probleme verantwortlich gemacht werden. Für ihn ist vielmehr die Tatsache, dass die meisten jungen Leute mit Spirituosen „vorglühen“, die Ursache für Schlägereien und Alkoholvergiftungen. „Schnaps macht aggressiv“, sagt er.

Eine Flasche Schnaps - die beim Discounter für weniger als zehn Euro zu haben ist - bedeuten in der Disco 35 Gläser. „Das Preisverhältnis liegt bei eins zu neun“, rechnet Battefeld vor. Das „Koma-Saufen“ müsse nicht in der Gastronomie bekämpft werden, sondern in den kleinen Gruppen, in denen sich die jungen Leute für wenig Geld mit mehr Schnaps betrinken können.

„Vorglühen“ verhindern

„Die Discos haben den Ärger mit denen, die voll sind. Dabei haben die hier vielleicht ein Viertel des Alkohols konsumiert“, ärgert er sich. Ziel der Politik müsste es aus Battefelds Sicht also nicht sein, die Leute früher aus der Disco zu bekommen, sondern das „Vorglühen“ zu günstigen Preisen irgendwie zu verhindern. Das sei nur möglich, wenn die Kaufkraft verlagert werde. In der Disco sei ein solch massiver Alkoholkonsum pro Person bei gleichen Kosten nicht realistisch.

Viel Kundschaft ist ihm auch durch den „Mama-Schein“ verloren gegangen, sagt Battefeld. „Der hat uns sehr gebeutelt.“ Die Jugendlichen bis 18 Jahre seien die, die gerne noch weggehen wollen und die auf den Abend in der Disco hinfiebern. Stattdessen trinken die Jugendlichen jetzt in kleinen Kreisen, wo sie keinen „Mama-Schein“ brauchen, vermutet Battefeld. Und durch das Rauchverbot verteile sich die verbliebene Kundschaft auf zwei Räume, wodurch die Disco schlechter besucht wirke.

Im 45. Bestehensjahr der Disco muss sich Battefeld deshalb neue Wege überlegen, um Publikum in das „Utopia“ zu bekommen. Deshalb startet im Oktober ein neues Konzept: Immer am ersten Samstag im Monat findet weiterhin die „Ü-30-Party“ mit Pop und Rock statt. An allen anderen Samstagen legt künftig Jürgen Rockenkamm alias „DJ Rocky“ auf - und zwar Pop, Schlager und Disco-Fox. So will er die ins „Utopia“ locken, die gern mehr Fox tanzen möchten und die keine Lust auf Rock, Hip-Hop oder House haben. Freitags sollen weiterhin Abende mit verschiedenen Schwerpunkten stattfinden.

Von Andrea Pauly

Kommentare