Prozess gegen prügelnde Mutter

Angeklagte und Zeuge schweigen zu Vorwürfen der Körperverletzung

Allendorf(Eder)/Marburg - Eine schweigende Angeklagte und ein schweigender Zeuge - ihr Sohn - machten gestern eine Berufungsverhandlung vor dem Marburger Landgericht zu einem sprichwörtlich „kurzen Prozess“: Die Verhandlung musste verschoben werden, in wenigen Wochen soll dann unter anderem die Frankenberger Amtsgerichtsdirektorin Andrea Hülshorst in den Zeugenstand treten.

Die schweigsame Angeklagte hatte die ihr zur Last gelegte Tat in einem ersten Verfahren vor dem Amtsgericht umfänglich eingestanden. Eine Woche später legte sie Berufung ein und zog ihr Geständnis zurück - es sei falsch und nur zum Schutz ihres Sohnes gemacht worden, lautete die Begründung. Zudem habe sie ein milderes Urteil erwartet - zehn Monate Haft auf Bewährung hatte Andrea Hülshorst geurteilt.

Schläge wegen Zigaretten

Der Vorsitzende Richter am Landgericht verlas aus dem amtsrichterlichen Urteil gegen die 38-jährige Mutter: Im März 2012 soll die Frau aus einem Allendorfer Ortsteil bei ihrem damals 15-jährigen Sohn Zigaretten entdeckt haben, offenbar auch zum Verkauf vorgesehene Schachteln. Das habe sie so in Rage versetzt, dass sie den Schüler um 6.30 Uhr aus dem Schlaf riss und unmittelbar begann, ihn mit einer Holzlatte zu verprügeln. Die diente eigentlich dem Öffnen eines Dachfensters. Der Junge erlitt Schürf- und Prellwunden, insbesondere am Kopf. Die Attacke seiner Mutter fand laut Urteil aus dem Oktober 2012 erst ein Ende, als es dem Heranwachsenden gelang, der Frau die Latte zu entwenden und sich damit in einen anderen Raum zu flüchten. Der junge Mann selbst lebt seit diesem

Vorfall in einer Jugend-einrichtung im Sauerland.

Auf die Frage des Richters, was sich die Frau denn von der Berufung erhoffe, antwortete ihr Anwalt mit einem klaren Ziel: Freispruch. Die Hoffnungen darauf aber dämpfte der Vorsitzende. Ohne neue Angaben und neue Beweise könne er sich nicht vorstellen, ein anderes Urteil zu fällen - vorbehaltlich abweichender Meinungen seiner beiden Schöffen, von denen einer an die-sem Tage frisch vereidigt wurde.

Einvernehmliche Ruhe

Doch die Frau schwieg. Auch ihr Sohn machte als Zeuge von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Nach zwei Minuten durfte er den Saal wieder verlassen. Eigentlich hätte der junge Mann auch als Neben-kläger auftreten sollen - auch darauf verzichtete er.

So löste die gesamte Verhandlung Kopfschütteln beim Vor-sitzenden Richter aus. „Ihr damaliges Geständnis scheint glaubhaft“, erklärte er der Angeklagten seinen Blick auf den vergangenen Prozess. Für die neu anzusetzende Verhandlung lädt er als Zeugen nicht nur den damaligen Referendar, der die Marburger Staatsanwaltschaft in Frankenberg vertrat, sondern auch die Protokollführerin des Amtsgerichtes und insbesondere dessen Direktorin, Richterin Andrea Hülshorst. Hinzukommen sollen der Polizist, der den Fall damals aufnahm, das Frankenberger Jugendamt und der Kinderarzt, der die Verletzungen des Jugendlichen unmittelbar nach der Tat festhielt und dokumentierte. (gl)

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