Aus der Geschichte der Frankenberger Garnison – achter Teil: das Bataillon für Elektronische Kampfführung in Nordafghanistan

Aufklärer „auf Augenhöhe mit Kampftruppen“

+
Mit gepanzerten „Dingos“ begleiten die Frankenberger Aufklärer heute auf Patrouillen die ISAF-Truppen.Fotos: Archiv

Frankenberg - Das Frankenberger Kontingent wird für den Schutz der Friedenstruppe immer unverzichtbarer.

Frieden mit den „Kreuzzüglern“ aus dem christlichen Westen? Undenkbar!  Frauenrechte und Bildung für alle? Verrat an der „reinen Lehre“, die sich die islamistischen Extremisten zum Schrecken vieler Islam-Gelehrter zusammengebastelt haben: Die Taliban kehren nach ihrer Vertreibung 2001/02 mit Unterstützung aus Pakistan schleichend nach Afghanistan zurück. Sie bekämpfen die Pläne der Weltgemeinschaft, aus dem Bürgerkriegsland wieder einen funktionierenden Staat zu machen - der im Idealfall nach demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien arbeitet. Was das Volk will, zumal die Frauen, interessiert die fanatischen Krieger schon gar nicht. Ihnen geht es um Unterwerfung unter das, was sie für „den“ Islam halten. - Der Anschlag auf die Frankenberger Fernmelder am 7. Juni 2003 ist als Fanal des Schreckens ganz nach dem Geschmack der Taliban: Sie wollen die Friedenstruppe ISAF mit möglichst spektakulären Attentaten aus Afghanistan herausbomben - so wie die Rote Armee der Sowjets, die 1989 abziehen musste.

Die ISAF-Kommandeure denken schnell um: Sie versuchen, ihre Soldaten trotz des Kampfauftrags besser zu schützen. Damit ändert sich auch der Auftrag der Frankenberger Aufklärungs-Kompanie in Kabul: „Das Bild der Mission änderte sich zunehmend“, beschreibt der Chef des ersten Kontingents und heutige Bataillons-Vize, Oberstleutnant Meik Kotthoff: „Der Stellenwert des Force-Protection-Gedankens wurde zum Schwerpunkt unserer Arbeit.“

Ein Abzug erscheint undenkbar, die Staatengemeinschaft will die Afghanen nicht schon wieder im Stich lassen. Das Land soll kein „verlorener Staat“ werden wie Somalia, wo abrückende UNO-Blauhelmtruppen 1995ein Chaos hinterlassen haben.

Stattdessen beschließt der UN-Sicherheitsrat im Oktober 2003, den ISAF-Einsatz schrittweise auf weitere Teile des Landes auszuweiten. Überall in den Provinzen sollen „Provincial Reconstruction Teams“ aufgebaut werden, kurz PRT. Sie sollen ähnlich wie in Bosnien und im Kosovo den Wiederaufbau wirtschaftlicher, politischer und sozialer Strukturen unterstützen und militärisch schützen. Mädchenschulen gewinnen dabei eine besondere Symbolkraft.

Noch im selben Monat billigt der Bundestag den Einsatz von 450 Soldaten in der Provinzhauptstadt Kunduz im Norden. Sie übernehmen das dortige „Wiederaufbauteam“ von den USA. Ihr Lager liegt mitten in der Stadt. Die Bundeswehr wird freudig begrüßt, Patrouillen gehen über Marktplätze, Soldaten verschenken Spielzeug an Kinder, helfen beim Aufbau von Schulen und Krankenhäusern, Brücken und Straßen.

Doch die Gefahr in der ehemaligen Taliban-Hochburg ist nicht gebannt. Deshalb werden schon Ende November die ersten vier Frankenberger Soldaten mit mobilem Aufklärungsgerät in die Stadt verlegt - ihr Auftrag: der Schutz der ISAF-Truppen. Am 17. März 2004 beginnt für sieben Soldaten des Kabuler Kontingents der dauerhafte Einsatz in Kundus, 2005 erhalten sie zusätzliches hochmodernes Gerät. Wegen der sich verschärfenden Sicherheitslage wird das Feldlager auf eine Hochebene am Flughafen verlegt.

Im Juli 2004 treffen erste deutsche Soldaten in der Stadt Feyzabad im Nordosten ein, um auch in der Provinz Badakhstan ein „Wiederaufbauteam“ zu bilden. Für sie wird Ende 2005 ein weiterer Zug Frankenberger Aufklärer aus der Kabuler Kompanie dauerhaft abgestellt.

Mit dem achten Kontingent geht im Juni 2005 erstmals eine EloKa-Frau in den ISAF-Einsatz: Feldwebel Kathrin Fliessbach.

Wenige Monate später wird die ISAF erneut umgebaut: Zum 1. Juni 2006 übernimmt Deutschland die Führung des neu geschaffenen Regionalkommandos Nord, das für die Sicherheit in neun Provinzen zuständig ist. Ist das Frankenberger Bataillon für Elektronische Kampfführung bislang federführend beim Stellen von Personal und Gerät, wird nun auch das Schwester-Bataillon in Nienburg eingebunden. Im Juni 2006 übernehmen die Kameraden die Aufklärung für das PRT in Kundus.

Und am 19. Juni beginnt das elfte Kontingent aus Frankenberg mit der Verlegung der Aufklärungs-Kompanie von Kabul nach Mazar-e Sharif, dem Sitz des Regionalkommandos Nord. Am Flughafen der Stadt wird ab August das „Camp Marmal“ für rund 1000 Soldaten aufgebaut - das größte Feldlager der Bundeswehr im Ausland.

Trotz aller Anstrengungen: Die Sicherheitslage spitzt sich weiter zu, immer mehr Taliban sickern aus Pakistan ein, sie verbrennen Schulen und terrorisierenStämme. Im offenen Kampf haben sie keine Chance gegen die ISAF, deshalb verlegen sie sich auf Anschläge. Eine Spezialität: Sprengfallen an Straßen, die per Funk ferngezündet werden.

Das macht die Frankenberger zu noch gefragteren Fachleuten: Eine Komponente ihrer Elektronischen Kampfführung ist die Störung feindlicher Funkverkehre - sie können verhindern, dass Sprengungen ausgelöst werden. Seit 2008 verfügen sie vor Ort über Fuchs-Panzer mit entsprechendem Spezialgerät. „Ab sofort waren in Mazar-e Sharif und Kundus diese Fahrzeuge zum Schutz der Patrouillen unterwegs“, berichtet Kotthoff.

Zweiter Anschlag

Doch gegen Fanatismus hilft auch Technik nicht: Am 16. November 2008 sprengt sich ein Islamist nahe der Stadt Baghlan mit einem Auto in die Luft, als ein Konvoi der Bundeswehr vorbeirollt. Auch ein Fuchs-Panzer des Frankenberger Kontingents wird beschädigt, ein Soldat des Bataillons wird schwer verletzt, ein weiterer leicht. Auch mehrere Zivilisten müssen ins Krankenhaus, darunter Kinder.

Gerade die Straße von Kundus nach Kabul liegt im Visier der Aufständischen. Umso wichtiger wird die Aufklärungsarbeit, die die Frankenberger für den deutschen Regionalkommandeur leisten: Sie liefern „Beiträge zur Lageverdichtung und Operationsführung“, erläutert ein Offizier. „Die Ergebnisse der EloKa waren ein besonders wichtiger Faktor, um die teilweise prekäre Lage richtig einzuschätzen“, erklärt Kotthoff.

So ziehen sich zermürbende­ Kämpfe über Monate hin, die Zahl der Toten steigt. Mehrere Staaten wie die USA und Deutschland erhöhen ihre Kontingente, die Bundeswehr richtet Außenposten ein und bringt immer mehr Gebiete unter ihre Kontrolle, und sie hat offenbar lokale Verbündete gewonnen. Doch einen entscheidenden Durchbruch gibt es nicht. ISAF und Islamisten starten immer neue Offensiven.

Mitte 2010 werden die Aufklärer in Kunduz und Feyzabad mit der Kompanie in Mazar-e Sharif zur „Kompanie für Elektronische Kampfführung in Afghanistan“ zusammengefasst, abgekürzt „EloKaKp Afghanistan“. Sie verfügt über rund 100 Soldaten, die mit ihren inzwischen 25 gepanzerten Fahrzeugen in enger Abstimmung mit den beiden ISAF-Kampfbataillonen der Bundeswehr über das gesamte Einsatzgebiet im Norden verstreut agieren.

Insofern stehe die Kompanie seit vielen Jahren auf Augenhöhe mit der kämpfenden Truppe, berichtet ein Hauptmann aus Frankenberg. Mittlerweile hätten ihre Soldaten 14 Gefechtsmedaillen verliehen bekommen. Wegen ihres Einsatzwillens, ihres Mutes, ihrer Professionalität und Kreativität genieße die Kompanie ein hohes Ansehen bei allen Verbänden im Einsatzland, betont Kotthoff.

Partnering-Konzept

Große Hoffnungen setzt die ISAF auf ihr Partnering-Konzept, das die amerikanischen Generäle David H. Petraeus und James F. Amos schon im Dezember 2006 entwickelt haben. Sie fordern eine verstärkte Ausbildung afghanischer Soldaten, die im Verbund mit ISAF-Truppen Kampferfahrung sammeln und dann Zug um Zug die alleinige Verantwortung für die Sicherheit im gesamten Land übernehmen sollen. „Übergabe in Verantwortung lautet das Leitmotiv der deutschen Afghanistanpolitik“, erklärt auch die Bundesregierung. „Besondere Bedeutung hat dabei der Aufbau einsatzbereiter afghanischer Sicherheitskräfte. Auch die Bundeswehr engagiert sich dabei.“

Bis Ende 2014 sollen die internationalen Kampftruppen abgezogen werden, dann sollen nur noch Ausbilder die Afghanen unterstützen. Auch die Bundeswehr bereitet bereits ihren Rückzug vor. Erste Außenposten sind an die afghanische Armee übergeben, im Juni 2011 hat sie das Kommando über Mazar-e Sharif übernommen.

Fraglich ist, ob die Strategie aufgeht. Ob Afghanistan eine neue Perspektive erhält. Zwar berichten heimgekehrte Frankenberger Soldaten von sehenswerten Fortschritten beim Aufbau im Norden. Dennoch erscheint die Lage im Land unklar. Die Stimmung ist offenbar teilweise umgeschlagen.

Dem Volk Arbeit und Bildung zu geben, waren die zentralen Aufgaben, denen gesellschaftliche Reformen hätten folgen können. Doch getan hat sich seit 2002 zu wenig. Manch Amerikaner hat die „Brunnen bohrende“ Bundeswehr für ihr Engagement belächelt. Doch heute rächt sich bitter, dass ihr Präsident George W. Bush das „Nation Building“ viel zu lange vernachlässigt hat, den Aufbau von Staat und Wirtschaft, die spürbare Verbesserung der Lebensbedingungen in Afghanistan.

Enttäuschte Hoffnungen

Nachdem sich ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben nicht erfüllt haben, wenden sich einige enttäuscht ab vom Westen, die Feindseligkeiten von Afghanen gegen Ausländer mehren sich. Auch die Luftangriffe auf Zivi-listen zeigen da ihre Wirkung.

Und die Patriarchen gewinnen wieder die Oberhand, die jede „westliche“ Reform ablehnen. Erst vor wenigen Tagen hat Präsident Hamid Karzai für sie ein Gesetz angekündigt, das eine Ehefrau faktisch zur Sexsklavin ihres Mannes degradiert.

Die Regierung Karzai versinkt in Korruption und Vetternwirtschaft und versucht krampfhaft, durch Kungeleien mit Stammesführern zu überleben. Außerdem laufen Verhandlungen über die Beteiligung „gemäßigter Taliban“ an der Macht - offen bleibt, ob sich die Islamisten damit begnügen würden. - Auch der Aufbau von Polizei und Nationalarmee erleidet Rückschläge, der Bildungsgrad der Uniformierten bleibt niedrig, ihr Sold ist gering und fließt unregelmäßig, immer wieder desertieren ganze Einheiten mitsamt ihren Waffen. Und seit sich die USA auf einen Truppenabzug bis Ende 2014 festgelegt haben, sehen sich die Taliban erst recht im Aufwind.

Die Verantwortung an Einheimische zu übergeben - diese Strategie haben die Amerikaner schon in Vietnam und im Irak praktiziert. Sonderlich erfolgreich waren sie nicht. Aber sie hatten ihre Truppen nach Hause gebracht. Offenbar hat sich auch die Berliner Politik vom Credo Peter Strucks verabschiedet, Deutschlands Freiheit werde am Hindukusch verteidigt.

Chancen für Afghanistan

Scheitert Afghanistan erneut? Auch das ist nicht ausgemacht. Es gibt auch genügend Afghanen, die ihre von der ISAF gesicherten Freiheiten zu schätzen wissen, die sich nicht erneut von den Taliban drangsalieren lassen wollen. Und mit jedem Jungen, mit jedem Mädchen mit abgeschlossener Schulausbildung wächst die Chance, dass die Islamisten scheitern. Dass doch noch ein neuer afghanischer Staat heranwächst.

Nur: Auch dieser Konflikt wird letztlich politisch entschieden, nicht militärisch. Und im Ideal­fall entscheiden allein die Afghanen über ihre Zukunft.

Die Frankenberger Soldaten mögen manchen Anschlag vereitelt und manch Leben gerettet haben, sie mögen Lob und Auszeichnungen wie 2004 den „NATO Annual Unit Award“ für ihre Arbeit erhalten haben - ob ISAF zum Erfolg wird, liegt trotz ihrer Leistungen nur bedingt in ihrer Hand. Aber klar ist auch: Es wird nicht der letzte Auslandseinsatz für die Aufklärungsfachleute aus der Burgwald-Kaserne gewesen ein. Fortsetzung folgt.

Kommentare