An die Bedeutung von Gemündens "Drei-Kaiser-Eichen" erinnert Norbert Otto

Bäume erzählen Geschichte

Gemünden - Der Volksmund sagt: "Jeder Baum hat eine Geschichte zu erzählen." Wie viel Sinn hinter dieser Redensart steckt, beweisen die "Drei-Kaiser-Eichen" in Gemünden.

„Was die Alten nicht aufgeschrieben haben, das geht verloren“, sagt Norbert Otto, und es klingt wie die volkstümliche Weisheit, dass jeder Baum eine Geschichte zu erzählen hat. Die Geschichte der „Drei-Kaiser-Eichen“ in Gemünden ist zwar - so weit Otto weiß - nicht aufgeschrieben, doch lange wurde sie mündlich weitergegeben. Bis heute wird zumindest der Name der drei Eichen weitererzählt. Otto sagt, unter „Drei-Kaiser-Eichen“ kenne sie in Gemünden eigentlich jedes Kind. Doch die Antwort darauf, warum sie so heißen, wissen nur noch die Wenigsten.

Als Erinnerung an 1888

Zu denen gehört der Vorsitzende des Gemündener Museumsvereins. „Die Eichen wurden als Erinnerung an die drei Kaiser gepflanzt, die im selben Jahr - im sogenannten Drei-Kaiser-Jahr - regiert haben“, erläutert Otto. Er führt dazu die weltpolitischen Geschehnisse aus: Otto von Bismarck, Ministerpräsident von Preußen und Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes, „zettelte“ den Deutsch-Französischen Krieg in den Jahren 1870/1871 an. Mit der Niederlage der Franzosen schlossen sich auch die süddeutschen Staaten Baden, Bayern, Württemberg und Hessen-Darmstadt dem Norddeutschen Bund an, aus dem 1871 das Deutsche Reich entstand.

Erster deutscher Kaiser wurde der preußische König Wilhelm I. Er regierte bis 1888, dem „Drei-Kaiser-Jahr“. Als Wilhelm am 9. März starb, folgte ihm sein Sohn Friedrich III. auf den Thron - jedoch für nur 99 Tage. Er starb am 15. Juni an Kehlkopfkrebs. Sein Sohn Wilhelm II. hatte mehr Glück - zumindest eine Zeit lang. Er dankte erst 1918 im Zuge des Ersten Weltkrieges ab und verbrachte den Rest seines Lebens im Exil in Holland. 1888 wurde das Deutsche Reich demnach innerhalb von vier Monaten von drei Herrschern regiert. An dieses politisch wirre Jahr erinnern die Eichen auf Gemündens Hausberg .

Bei genauerem Hinsehen - und aus der richtigen Perspektive - sticht ihre besondere Anordnung heraus. Die drei Bäume, die zu den Buchengewächsen zählen, stehen wie in einem Dreieck oder einer Art Halbkreis und umschließen in ihrer Mitte eine Fichte. Otto hat eine Idee, was das bedeuten könnte: „Als Symbol der Reichseinheit, die von der Dynastie der Hohenzollern aufrechterhalten wird.“

Doch wer die Bäume dorthin gepflanzt hat und wann das genau war, kann Otto nicht beantworten. „Wahrscheinlich haben die Stadtväter beziehungsweise die Bürger von Gemünden die Eichen gepflanzt“, vermutet er und versucht, dies für die Frankenberger Zeitung genau herauszubekommen. Otto hat eine Idee: Im Museum wird das alte Stadtbuch aufbewahrt, in dem seit 1690 wichtige Ereignisse protokolliert wurden. Doch darin lässt sich kein Eintrag über die Eichen finden.

Suche in der Stadtchronik

Eine weitere Hoffnung hat Otto: die Chronik der Stadt Gemünden, „Vom Dorf zur Stadt“, von der bereits verstorbenen Gemündenerin Else Wissenbach. Ein ganzes Jahr lang hatte sie im Marburger Staatsarchiv geforscht, um 1953 anlässlich der 700-Jahr-Feier Gemündens die Stadtchronik herauszubringen. Doch auch in diesem Werk gibt es keine weiteren Informationen zu den „Drei-Kaiser-Eichen“.

Nach dieser erfolglosen Suche sagt Otto: „Was die Alten nicht aufgeschrieben haben, das geht verloren.“ Doch noch ist das Wissen um ein Stück Gemündener Geschichte nicht ganz verloren - solange es Menschen gibt, die darüber zumindest weitererzählen. (sis)

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