NVV-Projektmanagerin Anette Blumberg unterstützt Stadt bei der Planung der Umgestaltung des Areals

Bahnhof als „lebendiger Mittelpunkt“ Frankenbergs

+

Frankenberg - Der Nordhessische Verkehrsverbund appelliert an die Stadt, nicht nur den Vorplatz umzugestalten, sondern auch das Bahnhofsgebäude zu erwerben. Ohne Kauf bestehe keine Aussicht auf Verbesserung des Erscheinungsbildes, sagt NVV-Projektmanagerin Anette Blumberg im Interview.

Jeden Tag steigen 870 Personen in Frankenberg in die Burgwaldbahn ein oder aus, 1360 betreten oder verlassen am Bahnhof einen Bus. „Das ist eine hervorragende Ausgangslage“, sagt Blumberg, NVV-Projektmanagerin mit Frankenberger Wurzeln. Ihr Vater war schon Kommunalpolitiker an der Eder. Sie ist überzeugt, dass sich der aktuelle Schandfleck durch Sanierung des Vorplatzes und Erwerb des Gebäudes zu einem lebendigen Mittelpunkt der Stadt entwickeln lässt.

Ein Video vom Bahnhof und die Vision der Planer sehen Sie hier:

Bahnfahren liegt offensichtlich wieder im Trend. Der Nordhessische Verkehrsverbund verzeichnet steigende Fahrgastzahlen. Die Rede ist von einem Plus von 30 Prozent. Können Sie die Zahlen konkretisieren?

Bei der Zahl handelt es sich um die Steigerungen bei unserem RegioTram-System auf den Strecken zwischen Kassel, Melsungen, Hofgeismar, Wolfhagen und Schwalmstadt-Treysa. In der Tat verzeichnen wir zwischen 2008 und 2012 einen Anstieg von 3,1 Millionen auf 4,1 Millionen Fahrgästen pro Jahr.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Ein gutes Angebot in Kombination mit einem komfortablen, schnellen und barrierefrei zu erreichenden Fahrzeug ,das an attraktiven Stationen oder Bahnhöfen innerhalb von Städten und Gemeinden hält, aber auch mit anderen Verkehrsträgern wie Bus, Rad oder das Auto über P+R-Plätze verknüpft ist, schafft Nachfrage bei den potentiellen Kunden. Das ist uns mit dem RegioTram-System genauso gelungen wie beim Stadtbahnhof Eschwege oder in Waldeck-Frankenberg mit der Sanierung des Bahnhofes Korbach samt Bahnhofsumfeld.

Wie entwickelt sich der ÖPNV in Waldeck-Frankenberg?

Da der Schwerpunkt wegen fehlender Schienenstrecken bisher auf dem gut funktionierenden Bus- und AST-Verkehr liegt, haben wir als NVV in den letzten Jahren versucht, besonders die touristischen Ziele mit einem Nahverkehrsangebot sinnvoll zu verknüpfen. Die guten Resonanz der Fahrgäste zum Beispiel auf die Fahrradbusse, bestätigt uns in der Einschätzung, dass der ÖPNV in Waldeck-Frankenberg noch einiges an Potential hat. Das möchten wir nutzen und deswegen reaktivieren wir die Strecke Korbach-Frankenberg und unterstützen die Gemeinden dabei, für die geeignete Infrastruktur in ihren Orten zu sorgen.

Der NVV ist ein Motor bei der Umgestaltung des Frankenberger Bahnhofs. Worin liegt Ihr Antrieb?

Wir wollen den Menschen in Nordhessen ein qualitätvolle Alternative zum eigenen PKW bieten. Dabei ist es wichtig, es den Menschen so einfach wie möglich zu machen, das System zu nutzen. Der Ein- oder Ausstiegs-ort spielt dabei eine zentrale Rolle. Gleise, die nur durch Treppen zu erreichen sind, fehlende Toiletten, verschmutzte Unterführungen stoßen unsere Kundschaft ab. Stationen und Bahnhöfe müssen eine echte Aufenthaltsqualität haben, sonst fühlen sich die Fahrgäste nicht wohl oder bleiben sogar weg.

Inwiefern steht Ihr finanzielles Engagement im direkten Zusammenhang mit der bevorstehenden Reaktivierung der Bahnstrecke nach Korbach?

Der NVV bietet allen Kommunen an, die Planungen an ihrem Bahnhof anstoßen, sie zu entlasten und die Hälfte der Planungskosten zu übernehmen.

Die Rede ist von einer Jahrhundert-Chance - oder der Feststellung: wenn nicht jetzt, dann nie. Teilen Sie die Einschätzung, dass Frankenberg zeitnah Pflöcke einschlagen muss?

Ja, die Förderung nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) läuft 2019 aus. Eine nachfolgende Regelung ist heute nicht bekannt. Durch die Reaktivierung der Schienenstrecke erhält das Projekt rund um den Frankenberger Bahnhof höchste Priorität in der hessischen Liste der Fördermaßnahmen und die entsprechende Förderung wurde seitens Hessen mobil in Aussicht gestellt.

Sie haben aktuell Fahrgastzahlen für Frankenberg ermittelt. Zu welchem Ergebnis ist die Untersuchung gekommen?

Die Zählungen haben 870 Ein- und Aussteiger in die Bahn und 1360 Ein- und Aussteiger in die Buslinien am Bahnhof Frankenberg ergeben. Das ist eine hervorragende Ausgangslage.

Sollten sich die Stadtverordneten aus finanziellen Gründen nicht zu einer Umgestaltung durchringen können, welche Folgen hätte dies für die Zukunft des Bahnverkehrs?

Wir wollen mit der neuen Strecke weitere Fahrgäste gewinnen. Das gelingt viel schwerer, wenn schon die Visitenkarte für den Nahverkehr, nämlich der Bahnhof nicht kundenfreundlich ausgestaltet oder komfortable zu erreichen ist. Dann tritt möglichweise das ein, was ich schon beschrieben habe. In den Augen der Fahrgäste leidet das Zugangebot unter den möglichen Zugangsbarrieren wie zum Beispiel den Treppen zur Bahnhofshalle und zum Fahrscheinverkauf, der fehlenden WC-Anlage im Bahnhof, den fehlenden Parkplätzen für Autos und Fahrräder, dem unübersichtlichen und unattraktiven Zugang zu den Bahnsteigen. Eine Neustrukturierung des Bahnhofsareals verbunden mit einer Verbesserung der Verkehrsverbindungen durch die Reaktivierung der Bahnlinie schafft eine Zugewinnsituation für beide Seiten.

Offiziell wird nur die Umgestaltung des Vorplatzes beraten. Welche Bedeutung messen Sie in diesem Zusammenhang der Zukunft des eigentlichen Bahngebäudes zu?

Das Empfangsgebäude zu sanieren und für die Fahrgäste und andere Nutzer zu entwickeln, setzt den Verkauf des Gebäudes durch den heutigen Eigentümer voraus. Wenn sich diese Möglichkeit bietet, sollte sie wahrgenommen werden, da eine Verkaufsverhandlung mit einem neuen Eigentümer, der wiederum hunderte Bahnhöfe im Paket erworben hat, auf Jahre hin aussichtslos sein wird. Unsere jüngsten Erfahrungen bei der Entwicklung von Empfangsgebäuden zeigen, dass nach anfänglicher Skepsis die verkehrlich gut gelegene und in einem dann attraktiven Umfeld befindliche Immobilie geschätzt wird. Wird das Empfangsgebäude nicht gekauft besteht keine Aussicht, dass eine Verbesserung bezüglich des äußeren und inneren Erscheinungsbildes eintritt. Das wäre sehr bedauerlich, denn neben Rathaus und Kirche ist der Bahnhof ein Identifikationsmerkmal einer Stadt und seiner Bürger.

Die Planer haben die Aufgabe, bis August konkretisierte Antragsunterlagen vorzulegen. Welche haben Stadt und NVV bis dahin zu erfüllen?

Der Förderantrag ist mit einer Entwurfsplanung und Kostenberechnung zu unterlegen.

Welche Vision haben Sie für die Zukunft der Bahn in Frankenberg?

Ich wünsche mir viele Fahrgäste für die neue Strecke und Frankenberger Bürgerinnen und Bürger, die den Bahnhof samt Umfeld als lebendigen und attraktiven Mittelpunkt ihrer Stadt erleben und diese Möglichkeiten nicht mehr missen möchten.

Von Rouven Raatz

1877959

Kommentare