Aus der Geschichte der Frankenberger Garnison – fünfter Teil: Das Bataillon als Teil einer neuen, gesamtdeutschen Bundeswehr

Vom Bataillon zum Regiment zum Bataillon...

Beim Appell am 27. März 1996: Der erste Kommandeur des Fernmelderegiments 320, Oberstleutnant Hartmut Pauland, übergibt die Truppenfahne an seinen Nachfolger Oberstleutnant Heinrich-Wilhelm Steiner.Fotos: Burgwald-Kaserne

Frankenberg - Die deutsche Einheit 1990 beschert den Fernmeldern neue Leute, neue Strukturen und neue Aufgaben.

Russische Töneund sächsische Mundart? Durchaus nichts ungewöhnliches in der Burgwald-Kaserne. Aber die drangen in der Regel via Funk durch den Äther in die hochtechnisierten „Ohren“ des Bataillons. Doch nach dem 3. Oktober 1990 war die Sprachfärbung der Thüringer, Anhaltiner, Vorpommern oder Brandenburger auch in den Speisesälen, Sporthallen und Truppenunterkünften zu hören: Die jungen Ostdeutschen traten ihren Wehrdienst nicht mehr in der Nationalen Volksarmee an, sondern in der gesamtdeutschen Bundeswehr - die DDR war glanzlos untergegangen. Die deutsche Einheit bescherte den Frankenberger Fernmeldern gravierende Umbrüche und neue Aufgaben. Und auch sie hießen neue Kameraden willkommen. Sie kamen aus den Landstrichen, denen bislang das Aufklärungsinteresse des Bataillons gegolten hatte: Knapp 41 Jahre hatten sich auch Deutsche in Ost und West belauert und zuweilen angefeindet, nun sollte „zusammenwachsen, was zusammengehört“, wie es Altkanzler Willy Brandt in dieser „Wendezeit“ genannt hat. Und das eben auch in der Burgwald-Kaserne.

Es war ein langsamer Prozess, der 1989/90 zum gewaltigen Wandel führte - siehe den Kasten rechts. Die Entspannungspolitik ab den 1970er Jahren hatte der ideologischen Konfrontation der beiden Militärblöcke bereits Schärfe genommen, die Oberhäupter der USA und der Sowjetunion, Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, leiteten 1989 umfassende Abrüstungsverhandlungen ein.

Und bei aller Konzentration auf den Auftrag leisteten sich die Aufklärer beider Seiten ihre Späßchen. So wussten die Frankenberger genau, dass der Warschauer Pakt Einheiten für die Elektronische Kampfführung auf ihre Arbeit angesetzt hatte. Bis heute erzählen sich Ehemalige des Bataillons vom Brauch, sich über den „Eisernen Vorhang“ hinweg gegenseitig zum Geburtstag zu gratulieren - was voraussetzte, dass die Gegenseite die Namen der Diensthabenden und ihre Geburtsdaten aufgeklärt haben musste.

Doch 1989 wurde es wieder ernst: Überall im Warschauer Pakt rumorte es - wie würden die roten Diktatoren reagieren? Wie in Ungarn, Ost-Berlin oder Prag? Oder wie die chinesischen Machthaber, die am 4. Juni 1989 auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking ein Massaker angerichtetet hatten? Sie haben ihre Demokratiebewegung brutal zerschlagen. Auch manch DDR-Ideologe liebäugelte mit dieser Lösung. Aber Gorbatschow hielt seine Panzer in den Kasernen zurück - reihenweise stürzten die Diktatoren.

In Berlin lagen sich am 9. November 1989 Feiernde in den Armen, die Grenzen waren wieder offen. Doch in Frankenberg fragte sich bereits manch ein Soldat: Wie soll es weitergehen mit dem Bataillon?

Seit 1962 hatten die Fernmelder einen Gegner belauscht, der sich in den folgenden Monaten in Luft auflöste. Die DDR? Kollabiert. Der Warschauer Pakt? Aufgelöst. Die Sowjetunion? Zerfallen. Und Russland machte sich auf den Weg, erstmals eine freiheitliche Demokratie zu werden - was jedoch am ungezügelt wütenden Kapitalismus scheiterte.

Was hatte das für Folgen für die Bundeswehr? Und für die NATO, die ebenfalls ihren Gegenpart verloren hatte.

Verkleinerte Bundeswehr

Der „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ schrieb 1990 eine deutliche Verkleinerung der Bundeswehr vor - siehe den Kasten links. Damit waren neue Strukturen verbunden. Und die Streitkräfte erhielten von der Politik neue Aufgaben - die Landesverteidigung trat in den Hintergrund: Auch Polen und baltische Staaten traten in die NATO ein, der einstige Frontstaat Deutschland ist heute von Freunden umgeben. Stattdessen wurden die Krisenbewältigung und Konfliktverhütung im Ausland stärker betont, was Folgen für die Ausbildung und die Ausrüstung hat.

Das Verteidigungsministerium reagierte mit der „Heeresstruktur 5“. In einer ersten Reformphase von 1990 bis 1996 wurde die drastisch geschrumpfte Truppe neu strukturiert. Dabei wurden rund 20000 Berufs- und Zeitsoldaten der NVA übernommen, häufig mit einem niedrigerenDienstgrad. Fast das gesamte Offizierkorps wurde entlassen.

NVA wird abgewickelt

Zum 3. Oktober 1990 hatte sich die NVA aufgelöst, die Bundeswehr übernahm Standorte und Ausrüstung. Bei der Abwicklung unter dem Kommando des Generalleutnants Jörg Schönbohm halfen Kameraden aus dem Westen. Am 4. Oktober 1990 gingen erste Abordnungen aus Frankenberg gen Osten, unter ihnen Karl-Heinz Bastet und Peter Moryson. Ostdeutsche Wehrpflichtige wurden zur Bundeswehr einberufen, viele haben ihren Dienst seitdem in Frankenberg abgeleistet.

Mit der Reform gab das Heer die Praxis auf, dass die Fernmeldetruppenteile direkt größeren Verbänden zugeordnet waren. Stattdessen wurden Brigaden und Regimenter zur „Führungsunterstützung“ gebildet. Am Ende des Prozesses bestand die Fernmeldetruppe der Bundeswehr aus 22 Regimentern und Bataillonen.

Zum 1. April 1992 wurde aus dem Frankenberger Fernmeldebataillon 320 das Fernmelderegiment 320. Wegen der Truppenreduzierung wurde das III. Korps in Koblenz 1994 aufgelöst, dem das Bataillon seit 1962 angehörte. Das Regiment wurde dem IV. Korps in Potsdam unterstellt, das wiederum dem Heeresführungskommando in Koblenz untergeordnet war. Der Verband wurde aufgestockt:

Die 1977 in Frankenberg aufgestellten und dem Fernmeldestab der Bundeswehr in Daun unterstellten selbstständigen Fernmeldekompanien 2 und 5 für die grenznahe Elektronische Kampfführung wurden als 4. und 5. Kompanie ins neue Regiment eingegliedert.

Nach der Auflösung des Fernmelderegiments 120 in Rotenburg/Wümme 1994 wurden 350 dortige Soldaten als 5. und 6. Kompanie dem Frankenberger Verband unterstellt.

Aus der Fernnmeldeausbildungskompanie 427 - seit Juli 1980 mit der Bezeichnung 5/III - wurde die 7. Kompanie.

Eine 8. Kompanie diente der „Aufwuchsfähigkeit“ des Regiments - sie konnte im Krisenfall mit Personal „belebt“ werden.

Seit dem 1. Oktober 1994 gehört der Verband in Teilen zu den neuen, weltweit einsetzbaren Krisenreaktionskräften.

Mit 1500 Soldaten und Zivilangestellten war das Regiment eines der größten in der Bundeswehr. 1150 von ihnen waren in Frankenberg stationiert.

Mit der deutschen Einheit entfiel der Auftrag, Verbände im Osten zu überwachen. Der etwa 80 Meter hohe „Eloka-Turm“ auf dem Hohen Meißner wurde am 11. November 2002 gesprengt, der moderne Turm auf dem Stöberhai folgte 2005. Auch das Antennenfeld an der Kaserne hat inzwischen ausgedient.

Auch die Gleichberechtigung zeigte ihre Folgen: Nach einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs musste die Bundeswehr Frauen auch in die „kämpfende Truppe“ aufnehmen, nicht nur in den Sanitäts- und Musikdienst, was seit 1975 möglich war. Am 2. Januar 2001 traten die ersten weiblichen Rekruten in die Aufklärungskompanie in Frankenberg ein.

Wieder Bataillon

Die Umgliederung zum Regiment hielt nur wenige Jahre, schon 2000 begann die nächste Reform: Die Bundeswehr bildete im Oktober die Streitkräftebasis, in der Soldaten aus Heer, Marine und Luftwaffe zusammenarbeiten. Sie dient der Führungsunterstützung und der Nachschub-Sicherung. Ihr unterstehen auch die Verbände der Elektronischen Kampfführung, die komplett von den Fernmeldetruppen getrennt wurden.

Zum 1. Juli 2001 wurde das Frankenberger Regiment dem „Fernmeldebereich“ 93 in Daun in der Eifel unterstellt. Der wiederum gehört zum neuen Kommando Strategische Aufklärung in Gelsdorf, in dem auch die Eloka-Fachleute der Bundeswehr zusammengefasst sind.

Das Fernmelderegiment 320 des Heeres wurde 2003 zum Bataillon für Elektronische Kampfführung 932 umgebaut, in der auch Soldaten der Marine und der Luftwaffe arbeiten. Im Juli traten in Frankenberg zwei neue Einsatzkompanien in Dienst, die 5. und 6. Kompanie.

Die 5. und 6. Kompanie des Regiments in Rotenburg wurden im September 2003 aufgelöst - sie bildeten die Basis für das Bataillon für Elektronische Kampfführung 912, das in Nienburg neu aufgestellt wurde.

Gemäß der Neuausrichtung der Truppe bekamen die Frankenberger neue Aufträge: im Ausland...

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