Portrait von Holger Schmör

Befehlsgewalt mit einem Hauch Vanille

Frankenberg - Der Neue, was ist das für einer? Frankenberger Soldaten müssen sich diese Frage regelmäßig stellen, denn Kommandeure kommen und gehen. Holger Schmör ist einer, den stets zwei Dinge zu umwehen scheinen: ein feiner Humor und ein feiner Duft nach Vanille.

Der Kampf mit der Kälte ist ein hartes Stück Arbeit an diesem Tag. Zwei Grad: Feuchter, schwerer Nebel zieht in die Kleidung, in die Knochen. Holger Schmör, eingepackt in mehrere Schichten Uniform, zieht die frische Luft durch seine Nase. Ein Griff in die Tasche und er hält eine nussbraune Pfeife in der Hand. Das Streichholz glimmt, Rauch steigt auf, Vanilleduft liegt in der Luft. Der neue Kommandeur des Bataillons für elektronische Kampfführung 932 atmet tief ein und blickt über seine Kaserne, die irgendwo im Nebel mit dem Burgwald verschmilzt. „Über die Feiertage fahren wir den Betrieb hier zurück“, sagt der Mann, der eine Stunde zuvor den Abschluss­appell für das Jahr 2013 gehalten hat. Auf große Herausforderungen schwor er seine Soldaten dabei ein. Und die kommen auch auf ihn zu.

Elmar Henschen hat seinem Nachfolger ein Bataillon, eine Kaserne im Umbruch übergeben. In einer Zeit, in der sich auch das Aufgabenfeld der elektronischen Aufklärung verändert. Sorgenfalten zeichnet das nicht auf die Stirn von Holger Schmör. Er freut sich ganz offensichtlich auf diese Aufgabe. Auch, weil es nach langer Zeit wieder eine praktische Verwendung ist, die er angehen darf.

Wegen Russisch als Schulfach zur Aufklärung

Der Württemberger ist ein Kind der Aufklärung - wenn auch weniger aus bewusster Entscheidung, als auch aus Zufall. Zumindest anfangs. Das baden-württembergische Schulsystem sah in den 1980er-Jahren das Erlernen einer dritten Fremdsprache vor. Der junge Holger Schmör wählte die Sprache des damaligen Klassenfeindes, Russisch. Den Wehrdienst, zu dieser Zeit noch 15 Monate, absolvierte er in Donauwörth und wurde nach seiner Grundausbildung wegen seiner Sprachkenntnisse als Fernmeldeaufklärer für Russland eingesetzt. Die Aufgaben ähnelten jenen, die damals mit dem inzwischen abgebauten Antennenfeld in Frankenberg erledigt wurden - das Abhören der gegnerischen Kommunikation im anderen Teil Deutschlands und darüber hinaus.

Einen Entschluss, bei der Wehr zu bleiben, gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es ist wohl ein zeitlicher Zufall, dass Schmör heute Kommandeur des EloKa-Bataillons ist. Wäre er zwei Jahre älter, sein Lebensweg hätte ein anderer sein können. Im Jahre 1990 nämlich bot die Universität der Bundeswehr erstmals den Studiengang Geschichte an. Und die Geschichte ist Schmörs große Leidenschaft.„Historiker wäre eine Option gewesen. Also warum nicht bei der Bundeswehr?“, fragt rhetorisch der Mann, der sofort die Chance ergriff und sich auch um des Studiums willen für zwölf Jahre verpflichtete. Er wurde Jahrgangsbester. Sein Steckenpferd: die Ideengeschichte. „Die Geschichte hilft, Konflikte und Konfliktparteien zu verstehen“, zeigt er den Nutzen des Faches für die Bundeswehr auf. Häufig helfe es, einen Blick zurück zu werfen.

Das tat er etwa vor wenigen Wochen beim Gelöbnis in Hallenberg. Dort ging er auf Vordenker wie Clausewitz oder den Freiherrn vom Stein ein, zog Traditionslinien zur Wehr von heute. Das Konzept vom Soldaten als „Staatsbürger in Uniform“, das die Bundeswehr heute lebt, kam damals auf. Sie vermittelt es bis heute. Auch durch Menschen wie Schmör.

Vermittlung des Bildes vom „Staatsbürger in Uniform“

Ende der 2000er-Jahre besuchte Holger Schmör, dessen Lebensmittelpunkt mit Frau und zwei Kindern seit 1997 das Hamburger Umland ist, für 15 Monate die Führungsakademie. „Dort versuchen wir, unser Bild des Soldaten in der Demokratie zu vermitteln“, erklärt der Kommandeur. Japaner, Argentinier, Afrikaner - es sind Uniformierte aus Nicht-Nato-Staaten, die dort für zwei Jahre deutsche Sprache, deutsches Leben, deutsche Soldatenrealität kennenlernen. Und es sind deutsche Offiziere, die ihren Horizont über das atlantische Verteidigungsbündnis hinaus erweitern. „Das sind Einsichten, die sind durch nichts zu ersetzen“, sagt Holger Schmör.

Er habe etwa gelernt, dass ein und derselbe Sachverhalt unterschiedlich bewertet werden könne - im Einsatz wie im Alltag. „Man muss sich fragen: Ist etwas ein Problem oder machen wir eins draus?“, fragt er. Warum solle er nicht einem moslemischen Rekruten ermöglichen, zu den vorgeschriebenen Zeiten zu beten? „Das ist ein Gebot der Toleranz, das wir leben sollten“, sagt der Mann, dessen Soldaten in Afghanistan ihre Kameraden durch Aufklärung vor jenen schützen, denen die Toleranz weniger wert ist.

Zeitfenster schaffen für die Politik

Aus diesem Land zieht sich die Bundeswehr derzeit zurück. „Unsere Mission kann nur erfolgreich sein, wenn es gelingt, ein Ziel gemeinsam mit der Bevölkerung zu erreichen“, zeigt Schmör sich überzeugt. Das aber könne die Bundeswehr alleine nicht leisten. „Wir haben dort keine ureigensten militärischen Ziele“, betont er, „wir müssen Zeitfenster für die Politik schaffen“. Es ist die Weiterentwicklung der Clausewitz’schen Definition vom „Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ ins 21. Jahrhundert.

Ob diese Zeitfenster auch von Frankenberger Aufklärern geschaffen werden sollen - Holger Schmör kann es noch nicht beantworten. Wohl aber eine andere: „Wir werden immer Auslandseinsätze stellen“, sagt er über das heimische Bataillon. Die Welt biete viele Konflikte.

Viele Herausforderungen wiederum bietet auch die Heimat. Die Frankenberger Kaserne etwa hat Schmör bereits 1991 kennengelernt. „Ich bin hier groß geworden“, sagt er und meint das beruflich. Viel verändert hat sich seit dieser Zeit nicht. Er kennt noch immer einige der Diensthabenden, das freut ihn. Doch: „Es liegt einiges im Argen“, sagt er und betont die Wichtigkeit, in den Standort zu investieren. Die „gebotene Professionalität“ müsse gewährleistet sein. Trotz aller Probleme aber erfülle nur die Burgwaldkaserne die „speziellen Forderungen an Infrastruktur“, die das Bataillon benötigt, sagt Holger Schmör und lacht.

Dass im Burgwald ausgebildete Soldaten Potenzial haben, dafür ist vielleicht er selbst der beste Beweis.

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