Ein Tag beim Telekom-Leiter, „Familienmanager“ und Bürgermeister-Kandidaten Nicolas Hansen

- Frankenberg. Die Frankenberger haben die Wahl: Am 27. September entscheiden sie, ob Christian Engelhardt Bürgermeister bleibt oder ob Nicolas Hansen den Posten übernimmt. Die FZ hat die Kandidaten im Alltag begleitet.

„Mama, sieht Papa eigentlich anders aus, wenn er Bürgermeister ist?“ Die Frage ihrer Tochter Nadine lässt Michaela Hansen schmunzeln. Noch weiß die Vierjährige nicht, was ein Stadtoberhaupt für Aufgaben hat – und dass es keine Amtstracht gibt, nur eine Amtskette. Aber dass der Familie womöglich eine gravierende Veränderung ins Haus steht, das hat das aufgeweckte Mädchen schon mitbekommen: Ihr Papa Nicolas Hansen will neuer Chef des Stadthauses werden, als parteiloser Kandidat stellt er sich am 27. September der Bürgermeister-Direktwahl. Etwas Gutes hätte der Wahlsieg für Nadine: Ihr Papa bräuchte nicht mehr nach Bonn zu fahren, wo er in der Telekom-Zentrale arbeitet. Aber ob er als Bürgermeister unbedingt mehr Zeit für seine Familie hätte? Derzeit hat Nadine jedenfalls gewonnen: Ihr Papa hat seinen Jahresurlaub genommen, um in den Wahlkampf zu ziehen. Da ist er zwar auch ständig unterwegs. Aber er nimmt sich zur Freude seiner Tochter zumindest die Zeit, um zwischendurch nach Hause zu kommen. Und so kommt es, dass am Dienstagmittag kurz nach 12 Uhr Papas Pizza duftend und frisch aus dem Backofen auf dem Tisch steht, als Opa Joachim Sprang Nadine vorbeibringt – er hat sie gerade aus der DRK-Kindertagesstätte „Wigand Gerstenberg“ abgeholt. Der 14-jährige Sebastian ist noch in der Edertalschule, der elfjährige Christopher in der Burgwaldschule, der 16-jährige Philipp kehrt ohnehin erst am Nachmittag aus Korbach zurück, wo er die Oberstufe der Berufsschule mit Schwerpunkt Computer besucht. Insofern wird es wieder nichts mit dem gemeinsamen Mittagessen. Und da Nadine Hunger hat, beginnen die vier schon: „Guten Appetit“, wünschen sie sich. Lockerer, durchgängig gut durchgebackener Boden, fruchtige Tomatensauce, dezent gewürzt, der Käse schön verlaufen: Da stand ein Meister in der Küche. Eben der, der auch Bürgermeister im Dienste der Frankenberger werden will. Ob Kuchen oder Pizza – das Backen ist im Hause Hansen das Ressort des Familienvaters. Tunfisch, Salami sowie Schinken und Ananas stehen an diesem Mittag als Belag zur Wahl, Nadine entscheidet sich für den Tunfisch und teilt sich ein Stück mit ihrem Großvater. Die Kniffe und Backrezepte habe er von einem Onkel, der in Düsseldorf Konditor gewesen sei, erzählt Nicolas Hansen. „Er hat noch alles selbst gemacht.“ In der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt ist Hansen als Einzelkind aufgewachsen. Der Vater hat bis zur Rente als Stukkateur gearbeitet, die Mutter war Verkäuferin. Mit der „mittleren Reife“ in der Tasche ging er zur Bundespost, machte das Fachabitur nach und studierte. Aus der Bundespost spaltete sich im Zuge der Privatisierung die Telekom als Konzern ab, und aus dem Beamten wurde ein angestellter Manager, der in der Bonner Zentrale sitzt. Als er drei Jahre später ein Projekt startete, ahnte er noch nichts von den Folgen: Auf der Suche nach Mitarbeitern rief er auch die Frankenbergerin Michaela Sprang an, die bei der Telekom in Frankfurt arbeitete. Er fragte: „Haben Sie nicht Lust mitzumachen?“ Sie habe spontan „Ja“ gesagt, erzählt Hansen, „und gleich hat's gefunkt“. Das empfand auch Michaela Hansen so: „Das ging ganz schnell.“ Der Katholik und die Protestantin gaben sich nicht nur vor dem Standesamt das Jawort, sie ließen sich auch in der Liebfrauenkirche trauen. In ihrer Ehe halten sie es mit der Ökumene – er besucht auch evangelische Gottesdienste, sie mag den Brauch, in katholischen Kirchen Kerzen als Symbol des Lebens anzuzünden. Und auf die religiöse Erziehung ihrer vier Kinder legt das Paar Wert. „Sie sollen wissen, warum zum Beispiel Weihnachten gefeiert wird“, sagt Michaela Hansen. Hansens drei Söhne aus erster Ehe fanden gleich einen guten Draht zu Michaela Hansen, die nach Bonn zog. Tochter Nadine ist das von allen umhegte „Nesthäkchen“ der Familie. Regelmäßig besuchte die Familie Oma und Opa in Frankenberg, „die Kinder haben geweint, wenn sie wieder weg mussten“, erzählt Michaela Hansen. In der Abwägung zwischen Groß- und Kleinstadt siegte eindeutig Frankenberg, die Familie beschloss umzusiedeln, in der Hinterscheide ließ sie sich ein Fertighaus errichten. „Hier ist es für die Kinder schöner als in der Großstadt“, sagt Michaela Hansen, „alle haben sich über den Umzug gefreut, wir fühlen uns alle wohl hier.“ Nachteil: Nicolas Hansen muss seitdem pendeln. Von Montag bis Freitag ist er in Bonn, wo er eine kleine Wohnung hat. Bei Elf-Stunden-Tagen im Büro wäre es illusorisch, täglich fahren zu wollen. Jeden Abend telefoniert das Paar, bespricht, was der Tag gebracht hat. Hansen ist ein guter Kunde seines Arbeitgebers. Umso wichtiger sind ihm die gemeinsamen Wochenenden mit der Familie, etwa das Frühstück am Sonntag – auch wenn die älteren Kinder so langsam eigene Interessen entwickeln. „Mein größtes Hobby ist die Familie“, erklärt Hansen. Viel Freizeit bleibt sonst nicht. Als Ausgleich geht er joggen. „Zum Lesen komme ich eher selten.“ Aber er hat einen Roman geschrieben, veröffentlicht ist er aber nicht. Im Kino würde er gern Hape Kerkelings Satire „Isch kandidiere“ sehen – er mag den Komiker, der ebenfalls aus Düsseldorf stammt. Auch Hansen hat sich in Frankenberg einen Freundeskreis aufgebaut, er ist Mitglied im VdK, in der vorigen Woche hat er sich als Sänger bei der „Liedertafel“ vorgestellt. Vom Ergebnis ist er noch nicht so überzeugt, aber: „Ich probiere das!“ Der Vater verfolgte, dass Frankenberg ins Landesprogramm „familienfreundliche Stadt mit Zukunft“ aufgenommen wurde, er las von den ersten Vorhaben – und fragte sich: Geht das nicht besser? Wo ist der Bezug zu den Förderzielen? Werden gar Chancen vergeben, das Potenzial der Stadt auszubauen? Er besprach sich im Bekanntenkreis, die Idee reifte, als Bürgermeister zu kandidieren. Auch Frau und Kinder fragte er – „die Familie steht voll dahinter“, betont er. Politisch war Hansen bisher nicht aktiv, die Mechanismen kenne er jedoch: „Man hat bei der Telekom Politik ohne Ende.“ Und vor 20 Jahren habe er in der Düsseldorfer Niederlassung den ersten unabhängigen Personalrat gegründet, dem er auch angehört hat. Dass er kein Parteibuch hat, sieht Hansen bei Entscheidungen als Vorteil. „Auf der kommunalen Ebene hat der Fraktionszwang nichts verloren“, da gehe es um Sachfragen, findet er. Und da will er seine vielseitigen Berufserfahrungen einbringen. Zum Beispiel, wenn es um effizientere Arbeitsabläufe gehe, was der zunehmend verschuldeten Stadt viel Geld spare. Hansen hat ein elfköpfiges Wahlkampfteam aus verschiedenen Stadtteilen und „sehr viele Unterstützer“, die aber nicht namentlich auftreten wollten. Am Dienstag ist er um 7.30 Uhr aufgestanden, nach dem Frühstück hat er seine Tochter zum Kindergarten gebracht. Die drei Söhne gehen zu unterschiedlichen Zeiten in die Schule. Am Vormittag hat er einen Firmenbesuch bei Fahrrad-Fiedler absolviert, danach geht es zum Pizza-Backen in die Küche. Auch beim Mittagessen werden im Gespräch mit dem Schwiegervater Wahlkampf-Fragen geklärt – auch er gehört zum Team. Am Nachmittag ist Hansen in der Altstadt unterwegs: In „Tür-zu-Tür“-Gesprächen sucht er den Kontakt zu den Frankenbergern. Darin sieht er eine gute Möglichkeit, um sich bekannt zu machen, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen, von ihren Anliegen zu erfahren. Wichtig sei für ihn aber auch die Zeitung, um seine politischen Positionen darzulegen. Und er besucht seit Wochen viele Feste und Versammlungen, ob es das Backhausfest in Hommershausen, das Bütower Treffen oder das Pfarrfest der Frankenberger Katholiken ist. Öfters kreuzen sich dabei die Wege mit Amtsinhaber Christian Engelhardt. Am Dienstagabend bringt Hansen einen Sohn zum Fußball ins Stadion, dann besucht er die NABU-Versammlung zur Autobahn 4, hört sich die Argumente der Straßenbaugegner an. Als Parteiloser bilde er sich frei seine Meinung, erklärt er. Schon jetzt gewinnt er dem Wahlkampf Positives ab: „Ich habe viel gelernt und viel gesehen, das ist eine interessante Zeit.“ Hansen will authentisch bleiben: „Ich mache nichts, was ich später nicht tun würde.“ Vor dem Arbeitspensum im Amt und den Repräsentationspflichten auch an Abenden und Wochenenden scheue er sich nicht: „Ich mache nur einen Job, der mir Spaß macht, ich will etwas entwickeln“, betont er. Aber er hat auch seine Probleme. Sein Mitbewerber hat seinen großen Apparat im Stadthaus, der Themen aufbereitet, er hat einen Parteiapparat, Werbeprofis, Mitglieder, die Plakate kleben. Hansen muss vieles allein erledigen, ob es um Standorte für Plakate geht, um Flyer oder um Besuchstermine. Am Dienstag hat er nach der Versammlung noch ein paar Plakate geklebt, bevor es heim geht zur Familie. Nadine liegt längst im Bett, als ihr Vater eintrifft. So würde es wohl öfters sein, wenn er am 27. September neuer Bürgermeister werden sollte. (-sg-)

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