Frankenberg

„Ben Ali war schlimmer als Hussein“

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- Frankenberg (gl). Seit Jahresbeginn lehnen sich die Tunesier gegen ihre Regierung auf, der Präsident Zine el-Abidine Ben Ali hat inzwischen das Land verlassen. Der ehemalige Nationalspieler Derouiche beobachtet die Situation von Frankenberg aus.

„Jeder Mensch hat Ziele. Meins war es, ein guter Volleyballspieler zu sein. Das habe ich geschafft“, sagt Mourad Derouiche. Der Volleyballtrainer des TSV Frankenberg war Nationalspieler seiner Heimat Tunesien, er spielte bei Weltmeisterschaften und der Olympiade in Atlanta. „Aber irgendwas hat gefehlt“, sagt er, bevor er einen Schluck von seinem Espresso nimmt. „Ich habe es gesucht, aber nie gefunden – bis vor zwei Wochen.“ Da habe er Fernsehen geschaut, sah ein kleines Mädchen auf den Straßen von Tunis, neun, vielleicht zehn Jahre alt. Derouiche blickt in die Leere, als Tränen in seine Augen steigen. „Wir wollen Freiheit“, habe das Mädchen gerufen. „Das hat gefehlt in meinem Leben“, sagt Derouiche.Der ehemalige tunesische Nationalspieler lebt seit zwölf Jahren in Deutschland, die Liebe hat ihn nach Nordhessen gebracht. Nach verschiedenen Stationen als Trainer landete Derouiche 2008 beim TSV Frankenberg – „Beachwart“ Uwe Burkard ist er dafür heute noch dankbar. Der Kontakt entstand beim „Beachvolleyball“-Turnier auf dem Obermarkt.

Was derzeit in seiner Heimat passiert, erfüllt Derouiche mit grenzenloser Hoffnung – und ebenso viel Sorge. Ein Cousin kam bei den Demonstrationen der vergangenen Tage ums Leben, einer seiner Brüder liegt mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Sie teilen das Schicksal vieler Tunesier: Mehrere Dutzend Landsleute kamen bei den Ausschreitungen gegen das Regime von Diktator Ben Ali um, mehr als tausend wurden bei den Auseinandersetzungen verletzt. „Ich bin stolz“, sagt Derouiche. Die Menschen in Tunesien seien bereit gewesen, für ihre Ideale, ihre Ziele zu sterben. „Auch unsere afrikanischen Nachbarn sind stolz“, sagt Derouiche und sein algerischer Freund Amar Guermache nickt. Dass die Revolution auf andere Länder überspringt, glauben beide nicht: „Bei uns herrschen ganz andere Verhältnisse“, sagt Guermache.

Gut erinnert sich Mourad Derouiche an die frühen Jahre von Ben Alis Herrschaft. „Wir waren im Trainingslager, als wir aus den Nachrichten von dem Wechsel im Amt erfuhren“, sagt er. Das war 1987. „Ben Ali hat uns Hoffnungen gemacht“, er selbst sei für den neuen Präsidenten auf die Straße gegangen, habe begeistert für ihn demonstriert. Die Ernüchterung folgte schnell.Einer seiner damaligen Weggefährten, Volleyballspieler wie er, habe an der Universität eine Tochter des Präsidenten kennengelernt. Sein Weg führte steil nach oben, besonders nach der Heirat. Nun ist er aus dem Land geflohen. Mourad Derouiche blieb beim Volleyball, das war unverfänglich.

Dreimal wurde Derouiche bester Spieler Afrikas – Präsident Ben Ali kennt er daher persönlich. Die Familie des Präsidenten habe nach und nach die gesamten Geschäfte im Land übernommen, berichtet er. Wer ein Brot kaufte, kaufte es bei Ben Ali oder einem Seitenzweig der Familie namens Trabelsi. Wer Gemüse kaufte, kaufte es beim Präsidenten. Wer ein Auto kaufte, kaufte es beim Präsidenten. Das Familiengeflecht des Diktators habe das gesamte Land unter Kontrolle gebracht: „Die sind Millionäre geworden durch Diebstahl“, sagt er.

Tunesien ist ein beliebtes Urlaubsziel: Deutsche und Franzosen sonnen sich am Mittelmeer, jährlich besuchen etwa zwei Millionen Algerier ihr Nachbarland und bringen Devisen. Das Volk bekam von dem Reichtum wenig zu spüren. Die Tunesier gelten als hochgebildet, gesellschaftlich ist das französischsprachige Land liberal und weiter entwickelt als viele andere Staaten in Nordafrika. Die Proteste gegen das Regime Ben Alis haben sich dennoch entzündet an den Lebensmittelpreisen. „Für Freiheit und Brot“ seien seine Landsleute auf die Straße gegangen, sagt Derouiche.

Die Freiheit scheint es jetzt zu geben: Ein derartiges Gespräch mit der Zeitung könne er nur führen, weil seine Familie nun nichts mehr zu befürchten habe. In einem Café zu sitzen und über Politik zu reden – bis vor Kurzem undenkbar in Tunesien. „Wenn ich daheim so rede, komme ich ins Gefängnis und das Café wird geschlossen, weil der Besitzer nicht aufgepasst hat“, berichtet der Volleyballer. „Ben Ali war schlimmer als Saddam Hussein“, sagt er, „ich kenne Menschen, die sitzen seit mehr als 20 Jahren im Gefängnis.“ Er hofft, dass das nun vorüber ist.

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