Marburger Hotel beschäftigt Behinderte – Anschubfinanzierung durch Aktion Mensch

Ein Bett im Kornspeicher

Vorbildlich: Im Marburger Hotel im Kornspeicher hat auch die gehörlose Mitarbeiterin Auschra Mettlach Arbeit gefunden. Fotos: Coordes

Marburg. Wenn Auschra Mettlach im Hotel im Kornspeicher ein Zimmer säubert, entgeht ihr nichts. Kein Härchen auf dem Boden, keine Schliere am Fenster, kein fehlendes Handtuch. „Sie macht ihren Job perfekt“, lobt Hotel-Geschäftsführer Claus Solbach. Wer ihr „Guten Morgen“ wünscht, kann jedoch nur ein freundliches Nicken ernten.

Die 56-jährige Housekeeperin ist gehörlos. Sie verständigt sich in Gebärdensprache und liest von den Lippen ab. „Meine Welt ist still“, sagt die Deutsch-Litauerin: „Von den lauten Problemen meiner Umwelt bekomme ich manchmal nicht so viel mit“, fügt sie schmunzelnd hinzu. Im hektischen Betrieb des Hotels ist sie gleichwohl die wichtigste Housekeeperin.

Sie macht nicht nur die Betten, sondern bringt auch den Kaffee, kümmert sich um das Büfett und leitet Kolleginnen an. So erklärt sie der lernbehinderten Nicole Rinck geduldig, welches Putzmittel für welche Aufgabe zu verwenden ist.

Vor zwei Jahren wurde das ungewöhnliche Hotel im Kornspeicher im Marburger Gewerbegebiet eröffnet. Fünf der acht fest angestellten Mitarbeiter sind behindert. Eine Rollifahrerin sitzt an der Rezeption, eine teilweise gelähmte Angestellte hilft in der Verwaltung. Weitere Menschen mit Behinderungen säubern die Zimmer.

Knapp drei Millionen Euro kostete die Renovierung des einstigen Lagerhauses. Im Erdgeschoss sind Bistro und Tagesstätte der Sozialen Hilfe untergebracht. Dort kümmern sich psychisch Kranke um Wäsche und Geschirr des Hotels.

„Ein gutes Zeichen“

In den oberen Stockwerken findet sich das Hotel mit 25 Zimmern, darunter sechs Appartements. Alle sind behindertengerecht ausgestattet. Es gibt keine Stufen und ein Leitsystem für Blinde. Die Mitarbeiter können ein bisschen Gebärdensprache. Trotzdem merken viele Gäste gar nicht, dass Behinderte im Hotel im Kornspeicher arbeiten. „Das ist für uns ein gutes Zeichen“, sagt Solbach: „Wir begreifen uns als ganz normales Hotel.“

Auschra Mettlach ist von Anfang an dabei. Die 56-Jährige ist in Litauen aufgewachsen und kam erst als 33-Jährige mit ihrer Familie nach Marburg. Zwei inzwischen erwachsene Kinder hat sie. 20 Jahre lang arbeitete sie als Reinigungskraft in Restaurants und Betrieben, bevor sie zum Kornspeicher kam. „Mir gefällt eigentlich alles“, sagt sie. Und dass, obgleich das Hotel sie regelmäßig um Sonderschichten bitten muss, wenn Reisegruppen kommen.

Wirtschaftlich hat sich das Drei-Sterne-Haus, das kostenlose Parkplätze und Saunabenutzung bietet, sehr gut entwickelt. Die Auslastung liegt jetzt bereits bei knapp 70 Prozent. Daher ist Solbach zuversichtlich, dass sich das Hotel auch nach dem Auslaufen der Anschubfinanzierung durch die Aktion Mensch tragen wird. Die Kunden - unter ihnen viele Geschäftsreisende - geben dem Hotel Spitzenwerte bei Freundlichkeit und Sauberkeit.

Nähere Informationen: www.hotel-kornspeicher.de, Tel. 06421/ 948410.

Von Gesa Coordes

Quelle: HNA

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