Verein „historisches und kulturelles Bromskirchen“ gibt zum Dorfjubiläum eine Mundart-CD heraus

„Brummeskerrscher Platt“ konserviert

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Die Mitwirkenden an der Bromskirchener Platt-CD „Queerbeet“: Wolfgang Mankel, Gustav Wind, Werner Daubertshäuser, Helma Landshut, Waldemar Steuber, Erhard Weishaupt, Anneliese Daubertshäuser Willi Engel und Jürgen Helduser. Es fehlen Anneliese Naumann und

Bromskirchen - Die neue CD „Queerbeet“ hält die typische „Brummeskerrscher“ Mundart für die Nachwelt fest.

Dass „Süremüüs“ Sauerkraut ist, lässt sich ja noch ableiten. Aber was ist, wenn Politiker „mäwweln“? Sie reden daher, würde es auf Hochdeutsch heißen. Oder was ist, wenn ein leichtfertiger „Lischdfank“ seinen Nachbarn als „Kribenbissr“ bezeichnet? Als Querkopf. Immer mehr solcher Worte gehen verloren, das Platt ist vom Aussterben bedroht. Bei den Älteren wird es noch alltäglich gesprochen - aber diese Generation stirbt allmählich weg. Viele im mittleren Alter verstehen es zwar noch, sprechen es aber nicht mehr. Und bei immer mehr Jüngeren hapert es schon mit dem Verstehen.

Grund genug für den Verein „historisches und kulturelles Bromskirchen“, die typische Sprache des Dorfes zu erhalten - zumindest auf Tonkonserven: Zum Dorfjubiläum hat er die CD mit teils humorvollen Beiträgen auf Platt herausgebracht, gestern stellten die Mitwirkenden sie im Alten Rathaus vor.

Schon bei der Vereinsgründung war der Erhalt der Mundart als ein Ziel benannt worden. Der Vorstand schaffte sich ein digitales Aufnahmegerät an und machte sich an die Arbeit. Er fand viele ältere Sprecher, die sich bereitwillig vors Mikrophon setztenund loslegten.

Die CD umfasst zehn ausgewählte Beiträge, die Wolfgang Mankel zusammengestellt hat. Helma Landshut übernimmt die Begrüßung. Dann erzählen Waldemar Steuber und Gustav Wind mit Wolfgang Mankel, wie sie als Jungen an Gründonnerstan 1945 den Einmarsch amerikanischer Truppen in Bromskirchen erlebt haben. Den Zungenbrecher vom „Oadeleemer“ - dem Jaucheeimer - trägt Wolfgang Mankel souverän vor.

Über die Geschichte und die Besonderheiten der Martinskirche berichten Anneliese und Werner Daubertshäuser und Anneliese Naumann. Christel Geldbach trägt ein Mundart-Gedicht über die Landfrauenarbeit vor 50 Jahren vor. Das Bromskirchener Heimatlied „Ich lieb das schöne Örtchen, wo ich geboren bin“ singt Judith Schaffner, am Klavier begleitet von Eric Mankel. Was vor 100 Jahren im Dorf passiert ist, erzählen Anneliese Naumann, Christel Geldbach: Es gab die neue Wasserleitung, den Stromanschluss, den Bauboom. Wolfgang Mankel liest den „Satz mit H“ vor:

„Hanger Hetzes Haus heiwet Hetzes Heiner Hulz hetzt hunnert Hunne hanger hunnert Hoosen ha.“ Die „Sage vom Grubenhusar“ trägt Anneliese Daubertshäuser vor. Und im zweiten längeren Stück geht es zum Schluss um einen Marder - eine frei erfundene humoristische Geschichte, in der möglichst viele typische Wörter zusammenkommen sollten. Anneliese Naumann, Christel Geldbach, Willi Engel, Wolfgang Mankel und Jürgen Helduser erzählen vom „Ratz“, der bei Scheffe mitsamt einer „Schnietzebank“ eine Leiter hoch geflohen sein soll - kann das stimmen? Die Bromskirchener forschen nach...

Das Team habe auf Kontraste geachtet, erklärt Mankel, Männer und Frauen wechseln sich ab, und die Stücke durften nicht zu lang sein. Eric Mankel hat die Aufnahmen abgemischt und die CD technisch vorbereitet, die Vervielfältigung übernahm kostenlos Karsten Müller von der Battenberger Firma BSC.

Mehr Platt gibt es in der neuen Dorfchronik, die am 2. Februar vorgestellt wird. Nach dem chronologischen Abriss der Geschichte folgt gleich ein Wörterbuch, zu dem viele Bromskirchener Begriffe beigesteuert haben. Es folgen ein Kapitel über Hausnamen und ihre Bedeutung und über alte und aktuelle Flurnamen. Geschichten, Sprüche und Anekdoten beschließen das Buch, an dem vier Vereinsmitglieder um Wolfgang Mankel und den Vorsitzenden Jürgen Helduser federführend gearbeitet haben.

An jedem 1. Montag in Monat ist im Gemeindearchiv „Tag der offenen Tür“. In dieser Runde kamen auch Mitwirkenden an der CD zusammen. Im Alten Rathaus, in der Kirche, auf einem Hof oder in Wohnzimmern entstanden die Tonaufnahmen. So viel Material kam zusammen, dass eine Auswahl erforderlich wurde. So haben Waldemar Steuber und Gustav Wind anderthalb Stunden über das Kriegsende berichtet, „das ist ursprüngliches Erzählen“, beschreibt Mankel begeistert. Aber für die CD hat er Ausschnitte auf knapp 14 Minuten zusammengefasst, die beiden Senioren haben den Text neu gesprochen.

Nachteil: In dieser Aufnahmesituation sind die Sprecher weniger flüssig, als wenn sie frei und ungezwungen reden können. „Aber wir haben vorher geübt - das war besonders schön.“ Und zeitaufwendig: Für eine 15-minütige Aufnahme saßen die Plattsprecher schon mal zwei Stunden beisammmen, „wir sind richtig ins Reden gekommen“, sagt Mankel.

Platt ist eine vielfältige Sprache, jedes Dorf hat seine Eigenarten. Heißt ein kleiner Kuchen in Bromskirchen „Küesche“, sagen die Nachbarn in Allendorf „Kiche“. Allerdings sei es schwierig, diese lautlichen Feinheiten auch schriftlich festzuhalten, berichtet Mankel. Es gibt lange und kurze Vokale, ein „o“ kann in der Mundart auch wie „oa“ klingen.

Das Bromskirchener Platt ähnele dem der Braunshäuser, bei Hallenberg gebe es noch teilweise Übereinstimmungen, erklärt Gustav Wind, der zu den ältersten Sprechern in der Runde zählt. Neben westfälischen Einflüssen hätten aber auch Ehepartner von außerhalb des Dorfes das Platt leicht abgewandelt, fügt Mankel hinzu. Viel droht in Vergessenheit zu geraten, weil sich in den vergangenen Jahrzehnten sich die Lebenswelten gravierend gewandelt haben, der Speiseplan hat sich geändert, Hausschlachtungen sind selten geworden, die Landwirtschaft hat sich dramatisch technisiert - so sterben auch Wörter aus wie „Ungl“ für ausgelassenes Fett, „Suppebrei“ für Milchsuppe oder „Leefer“ für ein junges Schwein. Der Kellerabfluss „Ändidde“ ist nicht mehr geläufig. Und mit der „Scheese“ - der Kutsche - fährt niemand mehr.

Doch das Interesse am Platt ist groß, ohne jede Werbung sind die ersten 50 Exemplare der CD fast ausverkauft. Weitere sollen gebrannt werden, spätestens bis zur Chronikvorstellung soll eine zweite Auflage vorliegen, die dann im Dorfladen, bei der Sparkasse und beim Bäcker zu haben ist. Der Preis liegt bei fünf Euro. Der Erlös kommt der weiteren Vereinsarbeit zu Gute.

Der Verein will auch die besondere Perbaler Mundart der Ungarndeutschen dokumentieren. Ein erster Versuch mit Joesph Fallenbüschel liege vor, berichtet Helduser. Weitere Aufnahmen sollen folgen.

„Das Platt wird bald nicht mehr existieren“, sagt Mankel. „Aber es ist unverändert wichtig, unsere Wurzeln nicht zu vergessen, wenn die jetzigen Generationen nicht mehr sind.“

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