Frankenberger Autoren

Ein Buch wie ein echter Stammtisch

+
Wilhelm Garthe hat drei Jahre an dem Buch „Was gibt es Neues? Ein Stammtisch erzählt“ gearbeitet – es hat durchaus auch biografische Züge des 81-Jährigen.Foto: Malte Glotz

Frankenberg - Wahrheit und Erfundenes, Biografie, Lyrik und Poesie sind Grundlage eines Romans, der launig aus dem Kneipeneck und auch darüber hinaus erzählt.

Eigentlich ist Wilhelm Garthe Maurer. Er hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt und jahrzehntelang zufrieden ausgeführt. Doch immer, wenn ihm etwas bedeutsam erschien, wenn er plötzlich eine Eingebung hatte, dann griff er zum Stift und schrieb. „Ich habe schon immer gerne gelesen und geschrieben“, erinnert sich der heute 81-Jährige - obwohl er nie ein typischer jugendlicher Liebesgedichte-Schreiber gewesen sein will.

Das Ergebnis all dieses Festhaltens an Besonderem kann jetzt jeder nachlesen, denn Gar­the hat einen großen Teil dessen, was er in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten notierte, in Buchform gegossen: „Was gibt es Neues? Ein Stammtisch erzählt“ heißt sein Werk. Und tatsächlich geht es „stammtischartig“ zu auf den 213 eng beschriebenen Seiten.

Da sind die drei Rentner Heiner, Justus und Konrad. Sie haben bei einem Skatturnier die drei besten Plätze belegt und um das zu feiern, treffen sie sich zu einer eigenen kleinen Skatrunde. Schnell wird daraus ein Stammtisch, in den jeder seine eigenen Erfahrungen und politischen Einstellungen einbringt. „Das hat auch autobiografischen Charakter“, gesteht Wilhelm Garthe, der sein Leben bereits einmal veröffentlich hat - unter Synonym. So spiegelt einer der drei Herren ihn wieder -welcher, möchte er nicht sagen. Damit es auch ordentlich was zum Streiten und Debattieren gibt, hat Garthe die Männer unterschiedlich - fast schon klischeehaft - angelegt: Einer ist katholisch und konservativ, einer ist ein Frauenheld und ein Freund der deutlichen Worte, die manchmal ein wenig unter die Gürtellinie zu rutschen drohen. Der Dritte schließlich gibt sich als Mittler, als ausgleichender Mensch.

„Wir hatten selber einen Stammtisch“, erklärt Garthe die Idee, einen Roman in die Ecke einer kleinen Gastwirtschaft zu verlegen. Leider, so sagt der 81-Jährige, sei er der letzte, der noch wirklich fit und mobil sei. So ist in den vergangenen drei Jahren der einzige regelmäßige Stammtischbesuch der in seinem Schreibstübchen gewesen - bei Heiner, Justus und Konrad. Woche für Woche wuchs der Roman. „Wenn ich alles detailliert ausgeschmückt hätte, wäre das Buch zu dick geworden“, sagt der gebürtige Neukirchener. So zeichnet er manchmal nur skizzenhaft, was eine große Erinnerung sein mag. Wen einer der Charaktere zu ausufernd zu erzählen beginnt, lässt Garthe den nächsten dazwischenfahren, die Wirtin aufkreuzen oder die nächste Skatrunde beginnen. So ist der Roman ein kurzweiliges, wenn auch sprachlich nicht immer hochklassiges Werk. „Es ist eben wie bei einem echten Stammtisch“, sagt der Autor.

Und wie bei einem echten Stammtisch kommen bei Justus, Konrad und Heiner die großen und die kleinen Themen unter die Lupe. Es geht ums Saufen und ein Reh im Kofferraum, ebenso wie um die Bundestagswahl, die Bankenkrise oder Griechenland. Garthe handelt bevorzugt auch Themen aus der Lokalpolitik ab - und lässt die Skat-spielenden Rentner dabei so manche Meinung äußern. Die Bahnverbindung in die Kreisstadt? Volle Fahrt für leere Züge und fröhliche Straßenstaus.

Dabei ist die Ähnlichkeit der Schauplätze zum Landkreis nicht von der Hand zu weisen. „Das kann jeder rasch erkennen“, sagt Garthe und schmunzelt. Die Bewohner der Kleinstadt Burgberge nennen sich Uller. Die Elsar fließt durch das nach dem Krieg aufgeblühte Städtchen und bildet im Norden den Elsarsee, ein überregional bekanntes Touristenziel.

Doch nicht immer sind die Verweise derart rasch zu entdecken, dann macht es Spaß zu knobeln und zu ergründen, was genau der Autor meinen könnte. Und nicht alles, was Wilhelm Gathe beschreibt, ist wirklich geschehen. Er würzt seine Geschichten, erfindet ganze Passagen, ganze Erzählungen seiner Charaktere - und macht so aus einer anonymisierten Biografie einen Roman. Oftmals aber ist das Geschriebene auch ein Blick in die Kindheit - ein Blick auf die Verblendung in der Nazi-Zeit, auf die aufregende Jugend im Wiederaufbau. Hinzu kommen - wiederum frei erfunden - kurze, satirische Einschübe mit Justus’ Nachbarn Igor und Olga. So wechseln sich Bedeutungsschweres und Leichtes, Wirklichkeit und Fiktion ab - wie an einem Stammtisch.

Wilhelm Garthe: „Was gibt es Neues? Ein Stammtisch erzählt“. Erhältlich für 12,90 Euro im lokalen Buchhandel.

Kommentare