Frankenberg

Bürgermeisterwahl: Familie, Verwaltung, Repräsentieren – ein Vormittag mit Christian Engelhardt

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- Frankenberg (jos). Die Frankenberger haben die Wahl: Am 27. September entscheiden sie, ob Christian Engelhardt ihr Bürgermeister bleibt, oder ob Nicolas Hansen den Posten übernimmt. Vorab hat die WLZ-FZ die beiden Kandidaten in ihrem Alltag begleitet.

Engelhardt/Eisele: Das Schild auf der Türklingel ist noch das gleiche wie kurz nach dem Einzug. Das war im Frühjahr 2004. Christian Engelhardt war kurz zuvor als 31-jähriger Jurist zum Bürgermeister der Stadt Frankenberg gewählt worden und mit seiner Verlobten Daniela Eisele in die Fünf-Zimmer-Wohnung in der Straße Zur Höhe gezogen.

Kurze Zeit später hat das junge Paar geheiratet. An den Antrag erinnern bis heute jede Menge rote Rosen. Getrocknet hängen sie an der Decke des langen Wohnungsflurs. An dessen Ende ist das Wohn- und Esszimmer. Dort plant die junge Familie frühmorgens die nächsten Termine. Das ist vor zwei Jahren komplizierter geworden: Denn im September 2007 kam Sophie Charlotte Engelhardt zur Welt.

Bagels sind weich, zäh und knusprig zugleich

Es ist Freitagmorgen, 7.30 Uhr. Sophie Charlotte hat ihr Frühstück bereits beendet und hüpft auf einem Pferd aus Gummi durch den Raum. Ihre Eltern trinken noch einen Kaffee, Vater Christian schmiert sich einen Bagel mit Marmelade. Ein Bagel, das ist laut Definition eines Nachschlagewerks im Internet ein kreisrundes Gebäck mit einem Loch in der Mitte. Weiter heißt es, ein Bagel sei weich, zäh und knusprig zugleich – eine wahrlich passende Wahl für ein Bürgermeister-Frühstück, muss doch der Frankenberger Rathauschef ebenso wie das Gebäck grundverschiedene Eigenschaften vereinen und je nach Situation an den Tag legen.

Neben dem Teller mit dem Bagel breitet Christian Engelhardt mehrere DIN A4-Computerausdrucke aus. Gemeinsam gehen die Eheleute die Termine des Wochenendes durch: Wo ist es wichtig, dass Daniela Engelhardt ihren Mann in Zeiten des Wahlkampfs begleitet? „Soll ich dann auch an den Türen klingeln und sagen, dass ich im Namen meines Mannes herzlich einlade“, fragt die Bürgermeister-Gattin. Ihr Mann nickt zustimmend. Er kann die Unterstützung gut gebrauchen – denn in allen Stadtteilen geht er von Haus zu Haus und ermuntert die Bewohner, zu seinen Wahlkampfveranstaltungen in den Gemeinschaftshäusern zu kommen.

Um kurz nach acht Uhr klingelt es an Engelhardts eigener Türe: Die Putzfrau ist da. Kurz danach kommt auch Christian Engelhardts Mutter Birgit. Sie kümmert sich übers Wochenende um ihre Enkeltochter. „Nächste Woche sind dann meine Schwiegereltern 14 Tage hier“, sagt der Verwaltungschef. In Zeiten des Wahlkampfs werden alle (familiären) Kräfte mobilisiert.

Die Eiseles – Daniela Engelhardts Familie – sind Schwaben. „Schaffe, schaffe, Häusle bauen“ ist deren viel zitiertes Lebensmotto. Auch die Engelhardts wollen ein Eigenheim. Kaum hatten sie ein erstes Haus im Frankenberger Stadtgebiet besichtigt, kochte in dessen Umfeld bereits die Gerüchteküche: „Der Bürgermeister zieht in unsere Nachbarschaft“, hieß es in der Straße. Doch so schnell haben sich die Engelhardts nicht entschieden. Ob sie ein Haus kaufen, oder selber bauen (lassen), stehe noch nicht fest. Genauso wenig beschlossen sei, ob es in der Kernstadt oder in einem Stadtteil sein soll. Zunächst will das Familienoberhaupt die Wahl gewinnen. Die beiden Frauen in der Familie freuen sich derweil bereits auf einen eigenen Garten und eine neue Einrichtung.

Die Mietwohnung der Engelhardts ist stilvoll und zugleich bodenständig eingerichtet. Dass ein Bürgermeister nie Feierabend hat, zeigt das Arbeitszimmer. Der Computer ist mit der Stadtverwaltung vernetzt, im Regal stehen dutzende Bücher vom „Großen Knigge“ über Titel wie „Kommunikation im Management“ bis hin zu einem kompletten Fach mit regionaler Lektüre.

An diesem Morgen verlässt Daniela Engelhardt als erstes die Wohnung. Sie arbeitet beim Landeswohlfahrtsverband in Kassel, ist dort persönliche Referentin des Direktors. Christian Engelhardt ist heute spät dran. „Normalerweise bin ich um halb sieben im Büro“, sagt er. Bis zur Wahl am 27. September hat er sich für jeden Tag einen halben Tag Urlaub genommen. „Ich arbeite zwar trotzdem noch mehr als 40 Stunden in der Woche, aber das mit dem Urlaub ist eine optische Sache“, erklärt er. Er wolle sich nicht vorwerfen lassen, während der Dienstzeit Wahlkampf zu betreiben.

Themen nehmen keine Rücksicht auf Wahltermin

Die Stadtsanierung, der städtebauliche Vertrag mit dem Eder-Galerie-Investor, die zahlreichen Familienstadt-Projekte: Die wichtigen Frankenberger Themen nehmen keine Rücksicht auf Wahltermine. „Komplett Urlaub zu nehmen war keine Option“, schildert Engelhardt.

Der Tag im Bürgermeister-Büro beginnt mit mehreren kurzen Besprechungen: Mit der Controllerin der Stadtverwaltung diskutiert Engelhardt kurz über Fernsteuerungen von Heizungen in öffentlichen Gebäuden – entsprechende Investitionen werden durch Geld aus dem Konjunkturprogramm des Bundes möglich. Danach geht Engelhardt mit den beiden Mitarbeiterinnen aus seinem Vorzimmer die nächsten Termine durch. Die Frauenunion kommt zu Besuch, im historischen Rathaus müssen dafür Stühle gestellt werden. Außerdem ist der Landtagspräsident dabei – er soll sich ins Goldene Buch eintragen, sagt Engelhardt.

Am Wochenende überschneiden sich mehrere Termine. Außerdem muss noch ein Präsent organisiert werden für eine Goldene Hochzeit. Und was schenkt man der Polizei zum Jubiläum der Dienststelle? Die Sekretärinnen erhalten etliche Aufträge und klemmen sich promt an die Telefone.

Derweil bespricht sich Engelhardt wie jeden Freitag mit Familienstadt-Managerin Daniela Neuschäfer. Es geht um Praktikanten, Termine und die nächsten Aktionen. „Ich gebe nur kurz eine Einführung“, erklärt Engelhardt zu einem demnächst anstehenden Besuch. „Ich bin dann weg, ich hab' Wahlkampf.“

Im weiteren Gespräch kommt Engelhardt spontan auf die Idee, einen Newsletter für Eltern aufzulegen. „Ich kümmere mich drum“, sagt Neuschäfer.

Danach verschwindet der Verwaltungschef kurz im Bad. „Zahnpasta und Deo stehen immer im Schrank“, sagt er. Bevor es zu den ersten Außenterminen geht, nimmt sich der Bürgermeister die Unterschriftenmappe vor. Vieles seien Routine-Vorgänge. „Zum Beispiel die Ausschreibungen, das kann mein Haus“, erklärt der Rathauschef und setzt den Kugelschreiber zur Unterschrift an. Perspektivische, politische Dinge schaue er sich allerdings schon genauer an.

Bei den Beschluss-Vorlagen für den Magistrat hat Engelhardt ein neues System eingeführt. Wie teuer ist das Projekt, welche Abschreibungen und Unterhaltungskosten sind zu beachten, welches Ziel wird verfolgt? Diese und weitere Fragen müssen die Verwaltungs-Mitarbeiter in den Vorlagen beantworten. Das bringe die Mitarbeiter in eine „Denk-Struktur“, sagt Engelhardt. Die meisten Unterschriften setzt der Bürgermeister in der gebotenen Eile – denn die Zeit drängt.

Es geht zu einer städtischen Baustelle: Am Gernshäuser Bach in der Nähe der „Alten Hütte“ muss eine Brücke erneuert werden. Der Bürgermeister unterhält sich kurz mit den Bauarbeitern, informiert sich über den Fortschritt der Arbeiten.

Schon bevor mit einer städtischen Baustelle begonnen wird, gebe es eine große Besprechung mit den Abteilungsleitern aus der Verwaltung und dem beauftragten Unternehmen, erklärt Engelhardt. Alle Absprachen müssten schon vorher stimmen. „Deshalb habe ich die Besprechungen eingeführt.“

Feierlich, aber dabei nicht zu pathetisch

Von der Baustelle geht es zu einem Besuch in Schreufa: Ein Ehepaar hat Goldene Hochzeit. Zunächst holt Engelhardt Ortsvorsteher Fritz Dehnhardt ab. Mit Präsentkorb und Glückwunschkarten von Stadt, Landkreis und Land Hessen in den Händen klingeln die beiden an der Haustür.

Das Jubel-Ehepaar ist sichtlich erfreut über den Besuch. Engelhardt bittet die Eheleute, sich aufs Sofa zu setzen. Dann spricht er frei, ohne jegliches Manuskript, über die Ehe und darüber, dass es ein Verdienst sei, 50 Jahre verheiratet zu sein. Engelhardts Ansprache ist feierlich, aber dabei nicht zu pathetisch.

„Ich habe leider nur wenig Zeit“, entschuldigt sich der Bürgermeister und nimmt Platz. Für ein kurzes Gespräch bei Sekt und Keksen reicht es trotzdem.

Immer wieder schaut Engelhardt auf sein Handy, lässt sich davon aber nicht aus dem Gespräch reißen. Schnell stellen die Jubilare und der Bürgermeister fest, dass sie gemeinsame Bekannte haben. Nach einer dreiviertel Stunde wird es mit dem nächsten Termin schon knapp, Engelhardt verabschiedet sich.

Um elf Uhr beginnt in Allendorf der Festakt zum Jubiläum der Firma Balzer. Wenige Minuten vorher fährt Engelhardt auf den Parkplatz, die meisten Gäste sind zu diesem Zeitpunkt schon da. In der Halle wird der Bürgermeister an den Tisch mit seinen Amtskollegen geführt.

Nach gut zwei Stunden mit mehreren Reden wird das Essen serviert. Für Engelhardt fällt das Menü allerdings aus. „Ich hab' Wahlkampf“, entschuldigt er sich und macht sich auf zu zahlreichen Haustürbesuchen in Viermünden – immer in der Hoffnung, dass die Frankenberger ihm 27. September wie bei seiner ersten Wahl vor sechs Jahren ihr Vertrauen schenken.

Sollte es mit der Wiederwahl klappen, stünde dann auch einem Hauskauf oder -bau nichts mehr im Wege. Und dann würde wohl auf der neuen Klingel auch nur noch ein Familienname stehen: Engelhardt.

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