Camp in Marburg soll geräumt werden: Flüchtlinge im Hungerstreik

Unterstützung für die Flüchtlinge: Am Zaun vor dem Camp in Marburg-Cappel hängen Botschaften gegen die Räumung der Einrichtung. Foto:  Coordes

Marburg. Aus Protest gegen die Verlegung des Marburger Erstaufnahmelagers ist ein Teil der Flüchtlinge im Camp seit Freitag im Hungerstreik. Am Dienstag und Mittwoch, 20./21. September, soll die Einrichtung geräumt und die Flüchtlinge nach Rotenburg/Fulda verlegt werden.

Oberbürgermeister Thomas Spies (SPD) war persönlich im Camp, um mit den Flüchtlingen zu sprechen. „Diese Menschen verstehen nicht, warum sie Marburg so plötzlich verlassen sollen“, sagte Spies: „Das sind Menschen, die Schreckliches hinter sich haben. Sie würden sehr gerne hierbleiben.“ Zurzeit leben noch etwa 160 Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung.

Von diesen sind nach Angaben der Flüchtlingssprecher etwa 60 im Hungerstreik. Das Regierungspräsidium Gießen bezweifelt die Angaben: „Nach unserem Eindruck deutet nichts auf einen Hungerstreik hin“, sagt Sprecherin Ina Velte. Camp- Ombudsmann Carl Otto Beckmann ist davon überzeugt, dass zumindest einige Flüchtlinge nicht mehr essen. „Die Leute sind total traurig, zum Teil verzweifelt“, sagt Ulrike Rohde von den ehrenamtlichen Helfern. Viele seien bereits mehrfach verlegt worden und fühlten sich in Marburg sehr wohl.

Erst Ende August war bekannt geworden, dass die Erstaufnahmeeinrichtung in Marburg-Cappel zu den Camps gehört, die das Land Hessen wegen sinkender Flüchtlingszahlen schließen will. Vor Ort waren darüber nicht nur die Flüchtlinge fassungslos, auch die Stadtspitze und die zahlreichen Ehrenamtlichen, die sich in Marburg für die Flüchtlinge engagieren, reagierten mit Unverständnis. „Es gibt kein winterfesteres und kein besser ausgestattetes Quartier in Hessen“, sagt Ombudsmann Beckmann.

In der Tat setzt sich die Universitätsstadt ungewöhnlich stark für die Flüchtlinge ein. Im Sommer vergangenen Jahres wurde zunächst eine Zeltstadt errichtet, in der zwischenzeitlich mehr als 700 Menschen lebten. Um ihnen einen Winter in Zelten zu ersparen, wurden bis zum Jahresende zweigeschossige Holzhäuser mit Sechs- bis Acht-Bettzimmern gebaut. Insgesamt können dort bis zu 850 Menschen wohnen. Die Stadt hat gemeinsam mit vielen Helfern eine soziale Anlaufstelle mit Kinderbetreuung, viel Sprachunterricht, Alltagstraining, medizinischer Versorgung, einer Infohotline, Teeküche, IT-Raum, einer Kleiderkammer, einer Fahrradwerkstatt, einem Spielplatz und Beratung eingerichtet. Bundesweit einmalig sind die Ombudsleute, die als Ansprechpartner für die Flüchtlinge arbeiten.

Dafür engagieren sich mehr ein 1000 ehrenamtliche Helfer in Marburg. Am Wochenende starteten sie eine Kunstaktion und hängten Rosen an den Camp-Zaun. Zudem schrieben sie unter dem Titel „Leuchtturm für Integration und sozialen Frieden“ eine Petition an die hessische Landesregierung, um die Erstaufnahmeeinrichtung zu erhalten.

RP-Sprecherin Velte betonte, dass die Bedingungen auch in Rotenburg, wo die Flüchtlinge in einer ehemaligen Kaserne am Stadtrand leben, „sehr gut“ seien: „Sie werden dort sehr herzlich willkommen sein“, sagte sie. Die Entscheidung gegen Marburg sei nach einer Vielzahl von Kriterien getroffen worden. Was den Ausschlag für die verbliebenen Standorte gab, blieb unklar. Ombudsmann Beckmann vermutet: „Vielleicht waren wir zu unbequem.“

Unterdessen sprach Oberbürgermeister Spies von einem „Schlag ins Gesicht“ aller Helfer und bat Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), die Entscheidung zu überprüfen. Die Bürger hätten hier bundesweit „Maßstäbe für die Erstversorgung von Flüchtlingen“ gesetzt.

(Von Gesa Coordes)

Quelle: HNA

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