Landgericht verwandelt Haft- in Bewährungsstrafe

Die 19. Chance für mehrfach vorbestrafte Frau

Frankenberg/Marburg - Nachdem sie einen Rentner bestohlen hatte, war eine mehrfach vorbestrafte Frau vom Frankenberger Amtsgericht zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt worden. Gestern erstritt die 42-Jährige Frau vor dem Marburger Landgericht eine Aufhebung des Urteils und eine Bewährungsstrafe.

Mitte vergangenen Jahres bestahl die Frau aus Duisburg gemeinsam mit zwei Komplizen einen Rentner in einem Geschäft in Frankenberg. Den Diebstahl hatten sie Vorfeld geplant. Während einer der beiden Männer Kunden und Verkäufer ablenkte, rempelte die Frau den 87-Jährigen an und lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. Der dritte Täter griff in dessen Jackentasche und entwendete die Geldbörse. Nach der Tat verschwand das Diebestrio aus dem Geschäft, wurde jedoch von der Polizei am selben Tag gefasst.

Dieser eher geringfügige Straftatbestand erschien durch die Vorgeschichte der Angeklagten in einem anderem Licht. Der Prozess vor dem Frankenberger Amtsgericht war bei weitem nicht ihr erster: Ihr umfangreiches Vorstrafenregister reicht bis 1996 zurück. Seitdem wurde sie 18 Mal verurteilt, hauptsächlich wegen diverser Diebstahldelikte. Über Jahre hinweg erlegte ihr die Justiz zahlreiche Geldstrafen auf. Im Jahr 2012 wurde sie zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt, ein Jahr später wurde diese wegen eines weiteren Deliktes verlängert. Während ihrer jüngsten Straftat im Mai 2013 befand sich die 42-Jährige innerhalb der Bewährungszeit. Das Amtsgericht verurteilte sie im November zu einer zehnmonatigen Haftstrafe. Mildernde Umstände für eine erneute Bewährung konnte das Amtsgericht damals nicht erkennen, die vorbestrafte Frau und ihre Komplizen hatten die „alterstypischen Defizite des Geschädigten gezielt ausgenutzt“, hieß es in der Urteilsbegründung. Gegen das Urteil legten sowohl die Frau als auch die Staatsanwaltschaft Berufung ein.

Während der gestrigen Berufungsverhandlung wurde der Prozess neu aufgerollt. Im Gegensatz zur Verhandlung in erster Instanz legte die Frau vor dem Landgericht ein Geständnis ab. „Ich war dabei und es tut mir leid“, entschuldigte sie sich bei dem anwesenden Geschädigten. Ihr Verteidiger Peter Thiel beantragte bereits zu Beginn eine Berufungsbeschränkung, durch die das Verfahren verkürzt wurde. „Wir sind heute hier, um die Freiheitsstrafe zu akzeptieren, jedoch als Bewährung“, sagte der Anwalt.

Es sei schwierig in diesem Fall eine positive Prognose für die „mehrfache Bewährungsversagerin“ zu finden, stellte der vorsitzende Richter Hans-Werner Lange fest. Die Angeklagte begehe seit 17 Jahren regelmäßig Vermögensdelikte und habe eine hohe Rückfallquote.

Staatanwalt Oliver Rust sah aufgrund der Geständnisses von einer im Vorfeld geforderten höheren Strafe ab, sprach sich jedoch für die Aufrechterhaltung des Urteils aus. Er sehe keine Anzeichen, dass diese ihr Verhalten in naher Zukunft ändern werde. „Irgendwann ist es einfach mal gut“, so Rust.

Seine Mandantin sei „bisher nicht wirklich eindringlich und ernsthaft gewarnt worden“, betonte dagegen Verteidiger Thiel. Sie habe nur selten vor Gericht gestanden, die meisten Verurteilungen erfolgten ohne gerichtliche Verhandlung. Daneben habe sie nach einem jüngeren Urteil keinen Bewährungshelfer erhalten, welcher der Analphabetin zur Seite stehen konnte. „Um einen Menschen ins Gefängnis zu bringen, muss er angezählt werden.“ Eine hinreichende Begründung für eine Haftstrafe sehe er nicht.

Die Kammer hob das Urteil schließlich auf und verurteilte die Frau wegen Diebstahl zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Die Bewährungszeit beträgt vier Jahre. Als Auflage hat die Frau 600 Euro an eine gemeinnützige Organisation zu zahlen. Die Sanktion ergänzt die bereits bestehende zehnmonatige Bewährungsstrafe aus einem vorherigen Urteil, so dass der Frau bei einem weiteren Verstoß 20 Monate Haftstrafe drohen. „Das ist das zweite, aber letzte Mal. Es darf keinen Diebstahl mehr geben“, schloss Richter Lange eindringlich.

(von Ina Tannert)

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