Information über "Medien und Kinder"

Die Chance zum Verarbeiten geben

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Haina-Löhlbach - Die Helden der Kindheit hießen Flipper, Lassie und Fury, Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga, Pumuckl und Samson. Heute gibt es Spongebob und "Mia and me". Fernsehfiguren haben Anteil an der Entwicklung des Weltbildes - und dürfen das auch, sagt Thomas Graf.

Der Medienpädagoge war am Montag in Löhlbach zu Gast und informierte zunächst die Erzieherinnen der Kindergärten in Haina und Löhlbach und anschließend die Eltern über die Wirkung von Medien auf Kinder.

Er betonte, dass Fernsehen für Kindergartenkinder nicht per Se schlecht sei. Es helfe ihnen sogar bei der Entwicklung des Weltbildes und dabei, die Welt zu (be-)deuten. „Medienfiguren sind für Kinder Projektionsfläche für die eigenen Unzulänglichkeiten“, sagt Thomas Graf. Deshalb sei Pippi Langstrumpf, die ihr Pferd hochheben kann, ganz toll für kleine Mädchen. „Sie ist das perfekte Beispiel für Stärke und Freiheit“, begründet er.

Zudem könnten Kindersendungen dabei helfen, das Gewissen und moralisches Handeln zu entwickeln, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Denn in Kindersendungen gibt es meistens „die Guten“ und „die Bösen“, und üblicherweise gewinnen die Guten.

Gerade nach Tagen und Wochenenden mit schlechtem Wetter sei deutlich zu erkennen, dass Kinder lebhafter seien und mehr Bewegungsdrang hätten, berichtet Kindergarten-Leiterin Sabine Ritter. Kein Wunder, sagt Thomas Graf: Kinder verarbeiten viele medial aufgenommene Eindrücke über Bewegung, weil sie diese noch gar nicht verbalisieren können.

Nur ohne Werbung

Einer seiner praktischen Ratschläge lautete: Jungen und Mädchen im Kindergartenalter sollten ausschließlich Sendungen ohne Werbung sehen. Denn Kinder unterscheiden nicht zwischen der eigentlichen Sendung und den Werbespots. Vor allem Jungen und Mädchen mit einer Neigung zur Hyperaktivität müssten sich anschließend noch mehr bewegen, um die schnellen Schnitte und knalligen Eindrücke verarbeiten zu können, sagt Thomas Graf.

Er betonte auch, dass nicht alle Kinder gleichen Alters gleich auf eine bestimmte Sendung reagieren und verwies darauf, dass die Altersbegrenzung der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) keine Altersempfehlung sei, sondern lediglich ein Schutz vor gefährdenden Inhalten: „Wenn die Altersgrenze überschritten ist, heißt das nicht, dass ein Medium auch schon für das Kind geeignet ist.“

Entscheidend seien die Eltern als Vorbilder im Umgang mit den Medien, sagt Thomas Graf: Kinder lernen, ob ein Fernseher gezielt zu bestimmten Zeiten eingeschaltet wird, um dann konzentriert zuzuschauen, oder ob er nebenbei und sehr lange läuft, ohne immer beachtet zu werden.

Der Medienpädagoge, der auf Einladung des Diakonischen Werks in Löhlbach war, wollte den Erzieherinnen Handwerkszeug mitgeben, wie sie den steigenden Herausforderungen entgegentreten können. „Wir möchten ein inneres Warnsystem aktivieren“, erläutert er das Ziel der Schulung. Deutliche Warnsignale seien, wenn Kinder durch Medien den Bezug zur Realität verlieren, nicht mehr problemlos „zu sich selbst“ zurückfinden oder sie die Sprache aus Filmen oder Serien übernehmen - das gelte nicht nur für negative Bilder, sondern auch für die „Helden“ aus Serien und Filmen.

„Kinder suchen oft das Gespräch mit Erziehern, wenn sie ein Medienerlebnis hatten, das ihnen Angst macht“, sagt Graf; allerdings nicht immer, ergänzt Sabine Ritter. „Oft spiegeln Kinder Inhalte aus den Medien wider, wenn sie sich unbeobachtet fühlen“, berichtet sie.

An dieser Stelle setzt der pädagogische Teil ein: Dann kann der Kindergarten den Rahmen bieten, um das Gesehene zu verarbeiten und es kontrolliert noch einmal zu durchleben. Ebenso komme es vor, dass sich im Morgenkreis zeige, dass ein Großteil der Kinder eine bestimmte Fernsehsendung gesehen hat und sie sich dann darüber austauschen. Wenn ein Kind merkt, dass auch seine Spielkameraden dasselbe gesehen haben, könne das bei der Verarbeitung helfen.

Wenn die Jungen und Mädchen von Fernsehsendungen erzählen, Sätze daraus beim Spielen zitieren oder Szenen nachspielen, sollen die Erzieherinnen dies positiv auffangen und darauf eingehen, sagt Sabine Ritter, Leiterin der beiden Hainaer Kindertagesstätten. „Es geht darum, Medien nicht zu verteufeln, sondern reflektiert damit umzugehen.“ Denn ebenso wie Erwachsene, die beim Fernsehen „herunterkommen“, biete Fernsehen auch für Kinder Entspannung - vorausgesetzt, die Sendung entspricht ihrem Entwicklungsstatus.

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