Rennertehausen: Neues Gutachten gibt Auskunft

Dach ist älter als der Rest der Kirche

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Pfarrer Claus Becker zeigt im Dachstuhl der Kirche von Rennertehausen auf den Dachreiter: Der ist vermutlich mehr als 250 Jahre älter als der Rest vom Dach.

Allendorf-Rennertehausen. - Am ersten Advent möchte Pfarrer Claus Becker endlich wieder einen Gottesdienst in der Rennertehäuser Kirche feiern. Bis dahin sollen die Renovierungen abgeschlossen sein. Bekanntgeworden ist eine Besonderheit: Die Wände des Gotteshauses wurden im späten Mittelalter ausgetauscht, das Dach blieb.

Eine Besonderheit: „Unsere Kirche hat kein Fundament“, sagt Pfarrer Claus Becker. „Die steht einfach so hier rum und bleibt auch stehen.“ Eigentlich sollte das Fundament der Kirche im Zuge der Renovierungen laut Becker mit Lehm eingeputzt werden. Denn das Fachwerk des Gotteshauses hatte erheblichen Schaden genommen durch Feuchtigkeit, die aus dem Boden die Wände hochzog. Der Lehmputz sollte das Wasser abschirmen. Bauarbeiter hätten dann rund um die Kirche einen Graben gemacht, um zu schauen, wie tief das Fundament ist. „Die haben aber nichts gefunden. Bei der untersten Steinreihe hört auch die Kirche auf.“ Das verschieferte Gebäude werde nur von Fachwerk und Dach zusammengehalten.

Noch interessanter findet Becker die Baugeschichte „seiner“ Kirche. Das Gutachten von Bauhistoriker Hans-Hermann Reck hat er gerade erst frisch auf den Tisch bekommen - und dabei etwas erfahren, was auf den ersten Blick ziemlich seltsam wirkt: Das Dach der Kirche ist älter als die Wände im Kirchenschiff.

Eine Untersuchung der Holzbalken - ein sogenanntes dendrologisches Gutachten - hat ergeben, dass die Hölzer für das Dachgeschoss im Winter 1548/49 geschlagen wurden. Sehr wahrscheinlich seien das Speichergeschoss und das Dach daher 1549 aufgebaut worden, heißt es in dem Gutachten. Damit ist das Dach fast 250 Jahre älter als das Erdgeschoss des Gebäudes. Das wurde laut Gutachten 1749 erneuert. „Das Dachgeschoss wurde auf eine mittelalterliche Gründung gebaut“, erklärt Becker das Gutachten. Im 18. Jahrhundert hätten die Rennertehäuser das Dach mit großem Aufwand abgestützt und das Kirchenschiff darunter erneuert. „Diese Baugeschichte ist schon sehr interessant und etwas Besonderes“, sagt der Pfarrer.

Mit der Datierung auf das Jahr 1549 sei das kleine Gotteshaus im Herzen des Allendorfer Ortsteils sehr alt - sie ist eine der ältesten Fachwerkkirchen in Hessen. „In vielen Büchern wird das Alter der Kirche noch auf 1609 datiert - aber nur, weil die Jahreszahl auf der Kanzel steht“, erklärt Becker. Das zwölf Meter auf sieben Meter messende Gebäude sei zudem laut Gutachten immer schon eine Kirche gewesen. Laut Becker habe es Vermutungen gegeben, dass das Obergeschoss der Kirche früher als Scheune diente, vielleicht sogar der Kirchenzehnte dort gelagert wurde. Dagegen spreche zunächst das Offensichtliche: Der Pfarrhof mit einer großen Scheune befand sich in Battenfeld, der Kirchenzehnte musste in Berghofen abgegeben werden. Weniger offensichtlich: „Im Fachwerk gibt es keine Hinweise auf frühere große Öffnungen. Und die hätte man für eine Scheune gebraucht.“

Laut dem Pfarrer muss ein Kirchengebäude eine Herzensangelegenheit der Dorfbewohner sein. „Nur dann werden das Gebäude und die Kirchengemeinde überleben.“ Die Kirche in Rennertehausen habe mehr als ein halbes Jahrtausend nur überlebt, weil die Rennertehäuser sich in besonderem Maße für sie eingesetzt hätten -„die Kirche würde nicht mehr stehen, wenn es nicht ums Herz ginge. Denn ein Abriss wäre damals sicher wirtschaftlicher gewesen“.

Mehr als 200 Jahre später haben die Rennertehäuser sich wieder für die Renovierung ihrer Kirche entschieden. Seit März standen Baugerüste an dem Gebäude. Die sind längst verschwunden. Stattdessen ziert grauer Schiefer das Gotteshaus -und schützt es zugleich vor der Witterung. Von außen sind nur noch wenige Spuren der Arbeiten zu sehen, das Bild einer Baustelle herrscht unterdessen innen: Bänke, Lampen und die Kanzel müssen noch eingebaut werden. „Aber die Orgel steht schon wieder an ihrem Platz“, freut sich der Pfarrer. Denn am ersten Advent möchte er die erneuerte Kirche einweihen. Eine Restauratorin werde in den nächsten Tagen noch in der Kirche arbeiten, malen und Holzteile ausbessern.

Neuen Glanz bringen auch die vor 50 Jahren liebevoll gearbeiteten Glasfenster in das Gebäude - sie wurden während der Bauarbeiten in der Werkstatt Klonk gereinigt und aufgearbeitet - dort waren sie bei der letzten Sanierung 1962 auch gefertigt worden. Was den Pfarrer besonders freut: „Die Menschen -auch die, die nicht in die Kirche gehen - vermissen das Läuten der Glocke“. Erst wenn die Kirche wieder eingeweiht und die neuen Gefache ausgehärtet seien, werde die Glocke erschallen. „Der Lehmputz muss trocknen und sich mit dem Kalk verbinden. Die Glocke erschüttert das ganze Gebäude und es wäre schade, wenn wir deswegen in zwei Jahren wieder Schäden im Gebäude hätten, weil wir mit dem Läuten nicht gewartet haben. (pk)

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