Frankenberg

„Dann darf mein Kind nicht mitessen“

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- Frankenberg (sg). Die Rektorin der Friedrich-Trost-Schule, Birgit Blum-Stolle, sorgt sich um die Zukunft der Mittagsverpflegung. Auch an ihrer Schule sorgt das umstrittene Paket für „Bildung und Teilhabe“ für erhebliche Mehrarbeit.

„Ich bin ja gern bereit, Aufwand für unsere Schüler zu betreiben“, versichert die Rektorin. Aber derzeit kümmert sie sich mit ihrem Team weniger um pädagogische Fragen als um die Fallstricke der Bürokratie, die ihr Bundessozialministerin Ursula von der Leyen mit ihrem Paket „Bildung und Teilhabe“ für Kinder mit „Hartz-IV“-Bezügen beschert hat:

Auch die Friedrich-Trost-Schule schlägt sich mit der Finanzierung des warmen Mittagessens für betroffene Schüler herum. Und die ist nicht gesichert. „Ich denke, das Problem werden viele Schulen haben“, erklärt die Rektorin, die Ortenbergschule hatte wie berichtet am Montag Alarm geschlagen. Auch an der Friedrich-Trost-Schule hatte bislang die Karl-Kübel-Stiftung das warme Mittagessen für bedürftige Kinder bezahlt, unbürokratisch und ohne Unterschiede. Etwa 30 ihrer rund 100 Schüler hätten diese Unterstützung erhalten, erklärt Blum-Stolle.

Doch seit diesem Schuljahr müssen Eltern mit „Hartz IV“ einen Förderantrag ans Jobcenter stellen, bekommen Eltern Wohngeld oder den Kinderzuschuss, dürfen sie Beihilfen beim Kreis beantragen. Und das läuft nicht. Im Juni habe es in Korbach eine Versammlung für die Leiter von Schulen und Kindertagesstätten gegeben, berichtet Blum-Stolle. Damals sei ihnen versichert worden, sie hätten mit der Umstellung nichts zu tun. Doch das Gegenteil sei der Fall: „Es ist ein erheblicher Mehraufwand.“ Denn faktisch ist die Schulleiterin derzeit damit beschäftigt, von den Eltern die Gutscheinheftchen zu besorgen, mit denen die Essen abgerechnet werden sollen.

„Darauf verwende ich fast mehr Arbeit als auf meinen pädagogischen Auftrag“, sagt Blum-Stolle verärgert. Erstaunt ist sie, dass das Jobcenter nach eigener Auskunft nicht auf das Paket hinweise. Was allerdings an der Logik des Systems liegt: Die Eltern hätten gefälligst eine Bringschuld, hatte die Ministerin harsch postuliert, als Kritik an ihrem wenig genutzten „Bildungspaket“ laut wurde. Doch die Rektorin kennt die Eltern und weiß, das manche schon sprachlich Probleme haben, den zweiseitigen, eng bedruckten Antrag auszufüllen.

Acht Anträge hat die Schulleiterin selbst ans Jobcenter geschickt. Doch bislang hat sie ganze vier Gutscheinheftchen vorliegen. Von allen anderen Eltern fehlt die Rückmeldung. Und das heißt für Blum-Stolle und ihr Kollegium: nachhaken. Wobei viele Eltern mit Wohngeld oder dem Kinderzuschuss nicht mal wüssten, dass sie vom Kreis eine Beihilfe erhalten könnten. Und die Schule kann nur begrenzt helfen: „Welche Eltern kriegen welchen Zuschuss von welchem Amt? Wir haben kein Recht, das von den Eltern zu erfahren“, erklärt die Rektorin.

Am 31. August wird es für die Schulleitung ernst: Dann will der Lieferant sein Geld haben. Verweigert das Jobcenter den Zuschuss, müssten die Eltern das Essen aus eigener Tasche bezahlen: macht bei drei Essen die Woche neun Euro – „das schaffen die Eltern nicht,“ weiß die Rektorin. Letztlich droht die Schule auf ihren Kosten sitzenzubleiben. Blum-Stolle hat noch dazu die Befürchtung, dass Eltern mangels Förderung sagten: „Dann darf mein Kind eben nicht mehr mitessen.“ Das wäre für sie auch aus pädagogischer Sicht schlimm.

Mehr lesen Sie in der FZ vom Samstag, 20. August.

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