40 Jahre im Kindergarten

"Das Lächeln der Kinder trägt mich"

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Frankenau - Sie nennt es selber einen „Kilometerstein auf meinem Kindergarten-Weg“: Waltraud Kettner, langjährige Leiterin der Evangelischen Kindertagesstätte in Frankenau, feiert am Sonntag ihre 40-jährige Tätigkeit als Erzieherin

Wenn sie von ihrer Arbeit mit den Kindern spricht, klingt ihre Stimme sanft, liebevoll und überzeugt davon, dass sie sich für den richtigen Beruf entschieden hat. Waltraud Kettner weiß genau, was sie an ihrer Tätigkeit als Erzieherin schätzt und was daran so wichtig ist; denn bereits seit 40 Jahren übt sie diesen Beruf aus und hat es an keinem Tag bereut. Ihr Beruf sei vielmehr Berufung, „ein Brunnen, aus dem ich für mein Leben schöpfen kann“. Die 58-Jährige wusste „schon immer“, dass sie beruflich „etwas mit Menschen machen“ wollte. Als junge Frau plante sie eigentlich, Sport und Biologie zu studieren, um dann Lehrerin zu werden. Doch damals sei das nicht so einfach gewesen. Sie hätte zum Studieren aus ihrem Heimatort in der Nähe von Celle nach Berlin oder Köln ziehen müssen, doch damit sei ihr Vater aus Sorge um ihre Sicherheit nicht einverstanden gewesen. Daher begann sie 1967 eine fünfjährige Ausbildung zur Erzieherin an einer Fachschule für Sozialpädagogik. Kreativität und Entwicklung Während ihrer Tätigkeit der Ferienbetreuung im Heimbereich merkte sie schnell, dass sie lieber längerfristig mit jüngeren Kindern arbeiten möchte: „Ich wollte die Entwicklung von Kindern beobachten, ihre Psyche und ihren Geist erforschen“, erinnert sich Kettner. Die Entscheidung, nach ihrem Staatsexamen in einer Duisburger Kindertagesstätte zu arbeiten, bereute sie zwar nicht, aber die Arbeit dort konnte sie noch nicht so gestalten, wie sie es sich vorgestellt hatte. Viel zu autoritär sei es dort gewesen mit ständigen Verboten und keinem Platz, die Kreativität der Kinder zu unterstützen sowie gemeinsam mit ihnen Ideen und Lösungsansätze zu entwickeln.Kettner wusste schon damals, dass dies nicht ihrer Vorstellung von Erziehung entsprach. „Das Kind ist sein eigener Konstrukteur, der Erzieher sein Co-Konstrukteur“, sagt sie. Die 58-Jährige führt aus, was sie damit meint: „Kinder sollen nicht verbogen werden, sondern man muss ihnen als ihr Begleiter Raum zur Entwicklung geben, sie nicht biegen und brechen in die Richtung, in die man sie haben will.“ Sie vergleicht das mit einem kleinem Baum, der immer wieder beschnitten wird, anstatt dass er sich frei entfalten und in die Richtungen wachsen kann, in die es ihn zieht. Für diese erzieherische Einstellung bedürfe es als Basis die Liebe zum Kind und als Grundhaltung die Wertschätzung dem Kind gegenüber. „Wenn man den Kindern vermittelt, dass sie genau so richtig sind, wie sie sind, dann können sie auch innere Stärke und Selbstbewusstsein entwickeln“, ist Kettner überzeugt. Daher war ihr bereits als 22-Jährige klar: „Wenn ich irgendwo arbeite, will ich selbst bestimmen, wie ich arbeite, und das geht nur als Kindergarten-Leiterin.“ Auch sie wollte sich nicht mehr verbiegen lassen. Bunt wie ein Regenbogen Aus diesem Grund wechselte sie 1976 in eine Kita in Essen und war dort bereits als stellvertretende Leiterin tätig. Vier Jahre später ging ihr Wunsch schließlich in Erfüllung: In einer Kita in Battenfeld wurde sie Leiterin. „Ich liebe die Natur, deshalb bin ich ins schöne Hessen gezogen“, erklärt sie. In Nordrhein-Westfalen habe es nicht genug Natur für sie gegeben. Seit 1983 ist Kettner als Leiterin der Evangelischen Kindertagesstätte in Frankenau tätig. Trotz ihrer inzwischen 40-jährigen Dienstzeit sei ihr noch nicht langweilig geworden: „Der Kindergarten-Alltag ist bunt wie ein Regenbogen, kein Tag ist wie der andere.“ Im Laufe der Jahre habe sich aber auch vieles verändert. Beispielsweise haben die Verwaltungstätigkeiten sehr zugenommen. „Früher war alles etwas überschaubarer“, fasst die zweifache Mutter zusammen. „Heute ist eine Leiterin eine Allround-Mangerin.“ Sie bedauert, dass ihr durch die Verwaltungs-Aufgaben weniger Zeit für die Kinder bleibt, denn mit ihrer Unbefangenheit und Natürlichkeit sind genau sie es, was Kettner an ihrem Beruf so liebt. „Das Lächeln der Kinder trägt mich.“ Für die 58-Jährige sind ihre Schützlinge „kleine Wunder, die uns Erwachsene als ihre Anwälte brauchen“. Damit hänge eine große Verantwortung zusammen, für die sie jedoch mehr als entschädigt werde, denn es sei „wunderschön, mit den Augen der Kinder die Welt zu sehen“. Als Beispiel nennt sie Spaziergänge durch den Wald. „Das, woran wir Erwachsene achtlos vorbeigehen, entdecken Kinder und bestaunen es.“ Das Team ist ihr Goldschatz Die Energie und Lust, sich selbst ständig weiter zu entwickeln, von und mit den Kindern zu lernen sowie sich weiter pädagogisch fortzubilden, hat Kettner daher noch lange nicht verloren. Sie freut sich bereits auf die nächste große Herausforderung: Im Oktober steht der Umzug der Frankenauer Kita in die Ederstraße an. Seit einem Jahr sind die Gruppen mit insgesamt 75 Kindern auf drei Häuser verteilt, und Kettner ist glücklich, wenn das 14-köpfige Kita-Team endlich wieder vereint ist. „Ohne mein Team wäre ich überhaupt nichts, es ist mein Goldschatz“, sagt sie, und Dankbarkeit schwingt in ihrer Stimme mit. „In dem neuen Gebäude können wir endlich unsere pädagogischen Ideen und Wünsche umsetzen, die bisher räumlich nicht möglich waren“, erklärt Kettner ihre Vorfreude. All die neuen Möglichkeiten nach dem Umzug möchte sie noch rund fünf Jahre genießen, dann wird sie wohl in Rente gehen – und vielleicht noch einmal an die Uni: „Ich möchte noch etwas über Neurowissenschaften lernen, vor allem wie Kinder lernen und wie das Gehirn funktioniert. Ich finde das total spannend.“ Dann würde sie auch gerne ans Meer, nach Mexiko und in die USA reisen und mehr Zeit im Garten verbringen. Aber noch ist es nicht so weit. Noch eine ganze Weile möchte Kettner dem nachkommen, was sie seit 40 Jahren als ihre Berufung ausübt: Kinder nicht biegen und brechen, sondern sie wertschätzend und liebevoll begleiten.Waltraud Kettners Ehrung für ihre 40-jährige Dienstzeit findet am Sonntag ab 10 Uhr in der Evangelischen Kirche in Frankenau statt.

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