Flüchtlingskinder sollen in Bottendorf eine neue Chance bekommen

„Das sind keine Halbkriminellen"

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Burgwald-Bottendorf - Der Frankenberger Wolfgang Schwieder plant, in Bottendorf eine Wohngruppe zu eröffnen. Zehn Flüchtlingskinder sollen dort ein neues Zuhause finden. Seine Pläne hat er am Mittwoch dem Ortsbeirat vorgestellt.

"Das sind keine Halbkriminellen, die heimlich trinken und grölend durch die Straßen ziehen", erklärte der Diplom-Sozialpädagoge Wolfgang Schwieder dem Ortsbeirat und den anwesenden Bottendorfern am Mittwoch. "Sie brauchen ihre Fahrräder nicht verstecken und Mülltonnen werden auch keine umgeworfen." Schwieder machte dem ehrenamtlichen Gremium der Gemeinde deutlich, dass keine schwer erziehbaren Kinder oder kriminellen Jugendlichen in der geplanten Wohngruppe im Bachweg einziehen sollen, wie manch ein Anwohner vielleicht befürchten könne.

Es ist ein ganz anderes Klientel: Jugendliche ohne Heimat und Familie. Überwiegend stammen sie aus Afghanistan, Somalia, Eritrea oder Äthiopien und haben dort ihre Familien verlassen müssen. Auf abenteuerlichsten Wegen kommen sie nach Deutschland - ganz alleine. Hier suchen sie eine Chance auf ein neues Leben ohne Hunger oder politische Verfolgung. "Diese jungen Menschen lassen sich gerne integrieren. Sie wollen lernen, gehen zur Schule und wollen ein neues Leben."

Zehn Jungs zwischen 12 und 16 Jahren sollen im Mai in Bottendorf einziehen, wenn alles läuft wie geplant. "Aber die werden sie seltener draußen sehen, als sie denken." Neben normalem Schulunterricht büffeln die Jugendlichen am Nachmittag Deutsch - und auch in den örtlichen Vereinen möchte Schwieder seine Schützlinge integrieren, etwa im Musikzug oder im Fußballverein. "Zwei unserer Jungs spielen momentan in der B-Jugend des TSV Bottendorf", machte er den Integrationswillen deutlich. Auch für die Firmen sieht er eine Chance: "Aus der Not ihres früheren Lebens heraus sind diese jungen Männer handwerklich meist sehr geschickt." Fast alle Schützlinge schaffen den Realschulabschluss, einige sogar Abitur. Und fast alle bekommen einen Ausbildungsplatz. Eine größere Firma aus dem Frankenberger Land hätte bereits Kontakt aufgenommen und nach künftigen Auszubildenden gefragt.

Der Pädagoge hat bereits langjährige Erfahrung im Umgang mit den geflüchteten Jugendlichen. Vor 20 Jahren hat er sein erstes Wohnheim in Frankenberg eröffnet, zwei weitere Gruppen in Frankenberg und eine im Cölber Ortskern seien hinzugekommen. Derzeit werden in seinen Einrichtungen 50 Jugendliche betreut. Größere Probleme habe es nie gegeben - und wenn etwas sein sollte, seien Schwieder und sein Team jederzeit ansprechbar. Der Pädagoge verschwieg nicht, dass nicht jeder Jugendliche sein Leben in den Griff bekommen habe. "Drei haben es in den 20 Jahren nicht gepackt. Aber dagegen stehen mehr als 120, die heute alleine leben, Arbeit haben und integriert sind."

Die Jugendlichen in der Wohngruppe werden rund um die Uhr betreut, ein Erzieher ist immer vor Ort. Das Kinderheim arbeite zudem eng mit dem Jugendamt zusammen: Die Jugendlichen kommen meist über den Frankfurter Flughafen nach Hessen. Weil sie alleine und unbegleitet sind, ist das Land für sie zuständig und muss sie nach dem Jugendhilferecht unterstützen. Wie Schwieder erklärt, werden sie von Jugendämtern aufgenommen und untersucht und dann nach einem speziellen Schlüssel auf die Landkreise verteilt. Daher kommen etwa 9 bis 14 Jugendliche jedes Jahr nach Waldeck-Frankenberg - und in Schwieders Wohngruppen. "Wir sind hier die einzigen, die sich um diesen Personenkreis kümmern."

"Wir wollen diesen jungen Menschen das Gefühl vermitteln, dass sie willkommen sind", sagte Schwieder. Die Kinder seien natürlich psychisch angeschlagen, haben Heimweh und oft sind die Eltern tot oder verschollen. "Es ist nicht leicht für sie." Deswegen hofft Schwieder auf die Unterstützung des Ortsbeirats und das Verständnis der Bottendorfer. Die Mehrheit der Jugendlichen seien Moslems. "Aber sie sind nicht fundamentalistisch - ganz im Gegenteil. Denn vor denen sind sie ja zu uns geflohen." Einige der Jugendlichen gingen freitags in die Moschee und sind samstags bei Jugendtreffen kirchlicher Organisationen dabei. "Sie werden überrascht sein, wie lieb, nett und dankbar diese Jugendlichen sind", schloss Schwieder seine Erklärungen.

Das Haus im Bachweg hat Schwieder bereits gekauft. Einen Antrag auf Nutzungsänderung hat er beim Bauamt des Landkreises gestellt, um im Mai die Wohngruppe einrichten zu dürfen. Die Genehmigung vom Jugendamt habe er bereits. Eine Stellungnahme darf die Gemeinde Burgwald zu diesem Projekt abgeben - und die Gemeinde hört zu diesem Thema den Ortsbeirat. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat der Beirat seine Position diskutiert und sich laut Ortsvorsteher Alexander Schuchard für das Kinderheim ausgesprochen.

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