Dorothea Wagener erlebt Odyssee des Wiederherstellens verschwundener Fotos · Experte gibt Tipps

Dem Datenverlust vorbeugen

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Frankenberg - Es ist der Albtraum eines jeden Fotografen: Die Hochzeitsfotos, die Urlaubsbilder, das Fotoshooting mit dem Neugeborenen - alles war auf dem Speicherchip der Kamera. Und alle Daten sind weg. In dem Moment steigt der Blutdruck, und der Adrenalinspiegel im Kopf macht einen fast blind. Der Puls rast - was jetzt?

„Ich hatte gerade das Jugendsinfonieorchester und das Jugendorchester der Frankenberger Edertalschule fotografiert. Die 140 Leute sahen so hübsch aus. Alle in Konzertkleidung, wunderschön frisiert, geschminkt, stolz, mit glänzenden Instrumenten und zum Teil vor Aufregung zart getönten Wangen. Jedes Jahr darf ich die jungen Leute fotografieren. Das Bild kommt gerahmt ins Foyer der Kulturhalle“, erzählt Dorothea Wagener, freie Mitarbeiterin der Frankenberger Zeitung.

Für die 35 Abiturienten unter ihnen ist es das letzte Orchesterfoto. Für die Schule ist es ein Bild, das die aufwendige Arbeit jedes einzelnen Schülers und Lehrers widerspiegelt. „Die Fotos waren im Kasten und sahen toll aus im Display“, so Wagener weiter. Und dann geschieht es. Die Kamera fordert die Fotografin plötzlich auf, zu formatieren, der Datenträger sei defekt. „Die Speicherkarte war nicht mehr lesbar, ich konnte die Dateien nicht mehr ansehen. Mir wurde heiß. Ich zog die Karte raus, steckte sie wieder rein. Nichts tat sich.“

24-Stunden-Service kostet mehr als 1200 Euro

In der Konzertpause rennt Wagener zum Auto und fährt nach Hause, steckt die Karte in den Computer. Der erkennt die Karte nicht, meldet nur, dass da was im Kartenslot steckt, was nicht lesbar ist. „Mir wurde richtig schlecht.“ Wagener fährt zum Konzert zurück. Ein Zeitungsredakteur bietet ihr Hilfe an, er habe Datenrettungs-Software zu Hause. In der Nacht noch versucht er die „Wiederbelebung“ - jedoch erfolglos.

Ab da beginnt Wageners mühevolle Recherche im Internet.Die Suchmaschinen liefern unzählige Firmen, die sich auf Datenrettung spezialisiert haben. Auf den Homepages sind umfangreiche Informationen zu finden, vermeintliche Referenzen von Schulen und Verlagen, kostenlose Service-Hotlines, 24-Stunden-Service und beruhigende Floskeln.

„Ihre Daten sind bei einer Nicht-Lesbarkeit des Chips physisch noch vorhanden und können von Spezialisten mit eigens entwickelter Software ausgelesen werden“, heißt es. Die Preislisten lassen einen bei Wiederherstellungskosten ab 49 Euro beruhigt aufatmen. Kosten für die Erstanalyse würden mit den Wiederherstellungskosten verrechnet. Die Unternehmen werben mit einer Erfolgsquote von bis zu 99 Prozent unter Verwendung hochmoderner Technik in staubfreien Labors. Fotos von Arbeitern in Schutzanzügen mit Hightech-Geräten sollen das Gefühl vermitteln, man sei an der richtigen Adresse. Aber statt beruhigt zu sein, fühlt Wagener sich nun eher verunsichert.

Schließlich sucht sie eine Firma aus, die ihren Abholservice anpreist und mit Preisen ab 99 Euro wirbt. Die Analyse dauert eine Woche und ergibt, dass der Controller defekt ist, die Daten aber noch gerettet werden können. Der Preis: Mehr als 1200 Euro für den 24-Stunden-Service, über 900 Euro bei wenigen Werktagen, über 600 Euro bei vier Wochen Wartezeit. Wagener schreibt einen Brief mit Bitte um Preisminderung für eine Schule.

Im dann folgenden Telefonat erklärt ein Mitarbeiter, wie aufwendig die Datenrettung sei. Alles würde manuell gemacht, und die Daten müssten äußerst mühevoll wieder zusammengesetzt werden.

Statt Datenrettung wird ein neues Foto gemacht

Dorothea Wagener erhält ein weiteres, angeblich stark reduziertes Angebot. Mit der Rabattierung für Studenten und gemeinnützige Organisationen soll sie über 530 Euro mit zwölf Wochen Wartezeit bezahlen. „Ich schrieb einen weiteren Brief, in dem ich äußerte, dass 14 Prozent Rabatt und eine Verdreifachung der Wartezeit für einen dynamischen Betrieb wie eine Schule nicht akzeptabel sind.“

Wagener storniert den Auftrag. Wieder folgt ein neues Angebot in Höhe von jetzt noch 250 Euro brutto, verbunden mit der Bitte um eine Spendenquittung des Fördervereins ohne wirkliche Spende - quasi als Entgegenkommen. Wagener lehnt ab und wartet nun auf den geöffneten Datenträger und die Rechnung über 49 Euro für die Analyse plus zehn Euro für die Rücksendung. „Letzte Woche habe ich beide Orchester noch mal in die Kulturhalle bestellt und Fotos gemacht. Auch wenn die Bilder nicht die Spannung und Euphorie vor einem Konzert widerspiegeln und einige Musiker fehlen, so zeigen sie doch junge, hoch motivierte Menschen, die Musik machen; zwischen ihnen 35 Abiturienten, die - müde und nervös mitten im mündlichen Abitur steckend - dankbar sind für dieses eine letzte Foto.“

Hintergrund

Es ist wie so häufig im Leben. Der Mensch reagiert erst dann auf etwas, wenn es eigentlich zu spät ist. Denn manche Fälle von Datenverlust könnten verhindert werden, sagt Volker Fiedler von Karl Gross Computersysteme in Frankenberg. Und auch wenn Daten verschwunden sind, besteht noch Hoffnung. Dennoch sei klar: „Die Datenrettung ist ein sehr diffiziles Thema. Und man kann sich auf keinen Datenträger zu 100 Prozent verlassen.“

Zunächst ist laut Fiedler die Qualität der Speicherkarte wichtig. „Datenverlust betrifft häufig günstige Karten.“ Die seien meist zum Beispiel nicht so hitzebeständig wie ihre teureren Kollegen. Hitze, Kälte, Wasser, Überspannung: Das alles kann zu physischen Schäden an der Karte führen. Sollte es zum Horrorszenario kommen, und die Bilder oder Videos verschwinden tatsächlich im vermeintlichen Daten-Nirwana, dann rät Fiedler zu Gelassenheit. Denn die meisten Kunden, die bei ihm um Hilfe bitten, hätten die Daten schlicht selbst gelöscht. In diesem Fall ist die Wahrscheinlichkeit, die Daten retten zu können, sehr hoch. „Man darf aber auf keinen Fall einfach weiter fotografieren“, sagt Fiedler. Denn nach dem Löschen sind die Bilder noch nicht gänzlich von der Speicherkarte verschwunden – das ist erst der Fall, wenn sie durch neue Fotos überschrieben werden. Die Rettung gelöschter Daten sei schon für 25 bis 50 Euro möglich.

Komplizierter wird es, wenn wie bei Dorothea Wagener ein physischer Schaden am Speichermedium vorliegt. Dann würden die Preise schnell auf mehrere Hundert Euro ansteigen. „Es ist sehr schwierig, die Daten wiederherzustellen, und eine Garantie gibt es auch nicht.“ In diesem Fall ist es eine Frage des Preises und des ideellen Wertes der Bilder. Aber verloren sind die Dateien nicht zwingend. Seriöse Hilfe würden größere Unternehmen wie zum Beispiel Kroll anbieten.

Fiedler empfiehlt vorsorglich, die eigenen Dateien an mindestens zwei, bestenfalls drei Orten zu speichern. Bestimmte Kameras haben zwei Speicherkarten-Plätzen, so dass alles doppelt abgespeichert wird. Dazu sollten Kopien auf dem Rechner und auf DVD gemacht werden. Eine weitere Möglichkeit sind sogenannte Clouds. Hier können Dateien im Internet gespeichert werden. An Rechnern würde von allen Teilen am häufigsten die Festplatte ausgewechselt, sagt Fiedler. Wenn diese plötzlich viel langsamer arbeite, sollte das als Warnung verstanden werden. Um die Funktionsfähigkeit zu überprüfen, gibt es kostenlose Programme wie „Crystaldiskinfo“, die informieren, wenn kritische Werte erreicht werden. (dwa/tt)

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