Frankenberg

Direktkandidat im Portrait: Bernd Siebert will für die CDU den Wahlkreis gewinnen

- Frankenberg (-sg-). Der CDU-Bundestagsabgeordnete Bernd Siebert will am 27. September das Mandat im Wahlkreis 171 holen.

War der von einem deutschen Oberst angeforderte Luftschlag gegen die radikalen Taliban gerechtfertigt? Wie viele Zivilisten sind dabei umgekommen? Soll die Bundeswehr aus Afghanistan abziehen? Darüber hat der Bundestag am Dienstag heftig debattiert. Ein Pflichttermin für Bernd Siebert. Er ist verteidigungspolitischer Sprecher der Unions-Fraktion, seit Jahren gehört er dem Verteidigungsausschuss des Parlaments an. Auch wenn er nicht ständig vor Fernsehkameras steht: In der „Berliner Republik“ zählt seine Stimme.

Und da ist der Fall eines Angestellten aus Sieberts Wahlkreis 171, zu dem der Schwalm-Eder-Kreis und das Frankenberger Land gehören. Der Mann war schwer krank geworden. Die Mühlen der Bürokratie wollten es, dass er plötzlich ohne Krankenversicherung dastand. Weil er eine Frist versäumt hatte. Sollte er die horrenden Krankenhausrechnungen allein bezahlen? „Ich habe mich um ihn gekümmert“, sagt Siebert, er sprach mit Behörden – und es fand sich eine Kulanzlösung.

„Geht nicht gibt's nicht“

„Geht nicht gibt's nicht!“ Das hat sich Siebert zu seinem Motto erkoren. Er will Lösungen. Vorankommen. Wie bei dem Mann aus seinem Wahlkreis. Da reichten Gespräche vor Ort. Und da half es, dass Siebert lokal bestens vernetzt ist. Seit 1972 gehört er in Schwalm-Eder dem Kreistag an, 18 Jahre war er Parlamentarier in seiner Heimatstadt Gudensberg, seit 1988 ist er CDU-Kreisvorsitzender.

Aber Siebert hat auch in Berlin seine Kontakte. Als Abgeordneter einer Regierungsfraktion gebe es schon Einflussmöglichkeiten, sagt er. „Wenn ich ein Problem aus meinem Wahlkreis mitbringe und in Ministerien gehe, kann ich davon ausgehen, dass sich etwas bewegt – immer im rechtlich normalen Bereich“, fügt er gleich hinzu.

Siebert ist ein Schwergewicht. Das erkennen auch politische Gegner an. Und sie spielen damit nicht nur scherzhaft auf seine barocke Leibesfülle an, die Franz-Josef Strauß locker in den Schatten stellt. Siebert ist seit 1997 Bezirksvorsitzender der CDU in Kurhessen-Waldeck, seit Dezember 2003 führt er die Landesgruppe der hessischen CDU-Bundestagsabgeordneten an. Niemand zweifelt daran, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel auch seine Nummer in ihrem Handy gespeichert hat – ihrem „wichtigsten Regierungsinstrument“, wie Journalisten ironisch geurteilt haben.

Wenn es um den Wahlkreis ging, habe er mit seinem SPD-Kollegen Gerd Höfer gut und eng zusammengearbeitet, sagt Siebert. „Dann sind bei Schwierigkeiten die Chancen auf eine Lösung größer.“ Höfer scheidet im Herbst aus, der Gudensberger Magistratschef Dr. Edgar Franke will ihn „beerben“. Kämen beide in den Bundestag, würde Siebert auch mit ihm zusammenarbeiten: „Ich schätze seine Arbeit als Bürgermeister, ich sehe da keine Probleme.“

Spannend wird indessen die Frage, wer am 27. September den Wahlkreis holt. Bislang hatte stets Höfer das Direktmandat verteidigt. Und nun? Klar, Siebert hat einen gewissen „Amtsbonus“, die Leute kennen ihn als Abgeordneten, aber: „Die SPD im Wahlkreis ist immer ein ernst zu nehmender Gegner“, mahnt er. Siebert bemüht sich daher, seine Wähler zu mobilisieren, um diesmal das Direktmandat zu holen. Denn ausgerechnet das Umfragehoch der Union könnte ihm zum Verhängnis werden: Sichern sich wie absehbar viele hessische Christdemokraten das Direktmandat, rücken kaum Bewerber über die Landesliste ins Parlament. Und da könnte es für Siebert trotz seines vorderen Platzes eng werden. Deshalb setzt er auf Sieg: „Die Wahl ist noch längst nicht gegessen.“

Die Abhängigkeit von Volkes Stimme – Politikerschicksal. In die Wiege gelegt wurde es Siebert nicht. Geboren wurde er am 17. Oktober 1949 in Gudensberg, seine Eltern hatten eine Spedition. In den wilden Jahren der Studentenbewegung stieß er zur Politik – statt der Weltrevolution trieb ihn jedoch ein handfestes Ziel an: Als Abiturient engagierte er sich 1969/70 für die Senkung des Wahlalters von 21 auf 18 Jahre. Das verfocht auch die Junge Union – Siebert wurde Mitglied und stieg schon 1970 zum Kreisvorsitzenden auf. 1975 wurde er Vorsitzender des nordhessischen JU-Bezirks. Aber Politik bedeutete für ihn zunächst nur ehrenamtliches Engagement. Nach dem Abitur an der König-Heinrich-Schule in Fritzlar studierte er Mathematik, Physik und Volkswirtschaft an der Marburger Philipps-Universität. Als seine Mutter starb, übernahm er den mittelständischen Betrieb der Eltern.

Siebert heiratete eine Apothekerin, das Paar hat zwei Söhne. Stolz ist er, dass der 26-Jährige gerade in Köln Apotheker geworden ist, der 18-Jährige macht nächstes Jahr sein Abitur.

Berufspolitiker

Doch die Politik holte ihn ein, im Februar 1991 wurde er Mitglied des Landtages, 1994 zog er in den Bundestag ein. Das Mandat und die Pflichten eines Chefs ließen sich zeitlich nicht vereinbaren, Siebert entschloss sich, den Betrieb zu verkaufen.

Wirtschaftspolitik treibt ihn bis heute um. Schon wegen des Bevölkerungswandels sei es wichtig, jungen Leuten Arbeitsplätze vor Ort zu bieten. Dazu brauche es Unternehmen – gerade das Frankenberger Land habe eine gute Struktur im Mittelstand. Die Politik müsse ihm günstige Rahmenbedingungen bieten und sich um die Infrastruktur kümmern, etwa um den Straßenbau. Als Verteidigungspolitiker hat Siebert auch zur Bundeswehr in seinem Wahlkreis einen besonderen Draht. In Nordhessen seien nach 1990 zahlreiche Kasernen geschlossen worden, voriges Jahr traf es die Standortverwaltung in Mengeringhausen. Sein Ziel sei, auch in der nächsten Wahlperiode die restlichen Standorte zu sichern, betont Siebert. Die Voraussetzungen seien gut, so hat Fritzlar die neuen Tiger-Hubschrauber erhalten, in Frankenberg wurde kräftig investiert.

Dass Politiker, Journalisten und Lobbyisten in Berlin wie unter einer Käseglocke abgeschottet vom Volk leben, hat die Journalistin Tissy Bruns aus eigener Anschauung kritisiert, den politischen Akteuren gehedadurch der Bezug zur Wirklichkeit zunehmend verloren.

Diese Gefahr sieht Siebert auch. Er habe sich daher bewusst entschieden, sich in Berlin eine Wohnung außerhalb der Abgeordnetenquartiere zu nehmen und stets den Kontakt zu „ganz normalen Leuten“ zu suchen, sagt er. Aber schon allein durch seine „kommunalpolitische Anbindung“ habe er einen engen Bezug zur Basis, betont er. „Ich denke, dass ich sehr nah an den Menschen bin.“

Mehr Zeit in Berlin

Allerdings hätten sich die Gewichte schon verschoben, durch seine „zusätzlichen Aufgaben“ im Bundestag sei er auch an sitzungsfreien Wochen öfter in Berlin, für den Wahlkreis bleibe oft nur das Wochenende. Dennoch: „Ich glaube, ich habe die Wahlkreisarbeit ordentlich gemacht“, sagt er. So habe er sich jedes Jahr für seine Sommerreise durch den Wahlkreis „sehr konsequent“ Zeit genommen. Oft hat er dabei auch Unternehmen im Frankenberger Land besucht, zum Abschluss gab es stets Bürgerversammlungen.

Bodenhaftung gibt ihm auch die Familie. Zeit für sie ist angesichts der vielen Termine aber hart erkämpft, er versucht, sich die Sonntage freihalten. Als größtes Defizit sieht er, dass er nicht die Zeit für einen größeren Freundeskreis finde. „Das tut hin und wieder weh.“

So führten ihn seine Pflichten auch am Dienstag wieder nach Berlin. Siebert verteidigte im Bundestag Oberst Klein, der mit seiner Entscheidung dafür gesorgt habe, Schaden von den Soldaten in Kunduz fernzuhalten. „Dafür gebührt ihm unser Dank.“

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