Musik mit drei unglaublich begabten Edertalschülern und einem „Spiritus Rector“ im „Klimperkasten“

Der „Doc Molly“ lebt seinen Jazz-Traum

Jazz-Konzert in Wohnzimmer-Atmosphäre: Das Doc-Hassel-Quartett mit (von links) Benedikt Kantert, Lennart Gabriel, Mike Theiß und Dr. Peter Hassel am Sonntagmorgen im „Klimperkasten“ in Frankenberg – eine beachtliche Vorstellung. Fotos: dwa

Frankenberg - Die Premiere ist mehr als geglückt: Grandios improvisiert hat das Doc-Hassel-Quartett am Sonntagmorgen beim Jazz-Frühschoppen im „Klimperkasten“.

„Wenn´s dreimal mit dem Fuß klopft, dann geht’s in B-Dur los“, sagt „Doc Molly“ Hassel. „Wir haben keine Setlist, der Pianist sagt immer an, was jetzt drankommt.“ Große Vorfreude schwingt in seinen Worten mit. Der Mann verwirklicht gerade einen Traum. „Wir wollten einmal Musik von Ray Charles machen. Jazz mit tiefer, schwarzer Seele. Dafür habe ich einige Jahre nach richtigen Jazzern gesucht und erst heute gefunden.“

Und dafür mussten die Musiker umlernen. Musik nach Noten gibt’s nicht in dieser Stilistik, der Kontrabass wird als „Walking Bass“ gezupft, das Klavier hat die meiste Arbeit, weil außer einer Melodie zunächst gar nichts da ist und die Begleitung improvisiert werden muss. Dazu wird noch ein Schlagzeuger gebraucht, der die üblichen Sticks beiseite legt und sanft mit den Besen über die Toms streicht.

Wer tut sich so etwas an? Wer spielt ohne nennenswerte Verstärkung und traut sich in die Ungewissheit der Improvisation? Es ist das „Doc Hassel Quartett“ mit Benedikt Kantert am Piano, Mike Theiß am Bass und Lennart Gabriel am Schlagzeug. Sie alle haben eine klassische Ausbildung und haben erst vergangene Woche beim großen Open-Air-Konzert des Jugendsinfonieorchesters der Edertalschule mitgewirkt. Jetzt spielen sie einen Jazzfrühstück im „Klimperkasten“, der sich um 11 Uhr am Sonntag mit rund 100 Zuhörern von 5 bis 73 Jahren beachtlich gefüllt hat.

Der „Spiritus Rector“, Dr. Peter Hassel, der nur auf den Spitznamen „Molly“ hört, läuft schon zu Beginn zu Höchstform auf. Er spannt den Bogen vom New Orleans Jazz der frühen 1920er Jahre über Ray Charles in den frühen 1950er bis hin zum Bebop. Hassel greift oft zum Saxofon und improvisiert zu Titeln wie „On the sunny Side of the Street“, „Hallelujah, I love her so“, „Georgia on my mind“ oder dem „St. Louis Blues“. In einem solchen Programm dürfen einige Nummern von „Satchmo“, Louis Armstrong, nicht fehlen. Martin Fischer spielt hier die Trompete, oft im Duett mit Hassel.

Das alles hört sich sehr authentisch an und die Zuschauer sind zunehmend aus dem Häuschen, es gibt lang anhaltenden Applaus. Wie kommt das? Mike Theiß am Bass wirkt völlig unaufgeregt, er zupft groovend seinen Bass, der weich und doch präzise daherkommt. Lennart Gabriel hält den Beat und schiebt mit weichen Besen den Blues an. Auf kleine Soli auf Zuruf scheint er sich nur zu freuen und improvisiert selbstverständlich. Aber dann sitzt eben Benedikt Kantert am Klavier. Improvisation scheint ihm in die Wiege gelegt zu sein. Er spielt und begleitet seine Kollegen souverän und sehr cool. Er sagt, was als nächstes drankommt und improvisiert. Und das alles sollen Schüler sein? Unglaublich.

Aber da ist ja noch „Molly“ Hassel. Er hat „seine Jungs“ angelernt und mit ihnen geprobt. Er lebt die Musik, die so herrlich angenehm weich und unaufgeregt daherkommt. Allüren sind der Musik und ihm völlig fremd, beide wirken völlig authentisch. Man merkt gleich: Der Mann träumt nicht sein Leben, sondern lebt seinen Traum. Und er scheint in Frankenberg damit eine Lücke im Musikangebot gefunden zu haben, denn das sehr gemischte Publikum kommt auch gerne am Sonntagmorgen um 11 Uhr zum Konzert. Weiter so.

Mehr Jazz gibt’s am Samstag, 9. November, 19.30 Uhr in der Kulturhalle: „Ray Charles - The black soul of Music“ mit der Big Band der Edertalschule und dem Doc-Hassel-Quartett.

Von Markus Wagener

2017498

Kommentare