Versteigerung der nicht abgeholten Fundsachen in der Frankenberger Rathausschirn

Vom Ehering bis zum Mountainbike

Frankenberg - Es ist eindeutig ein Ehering: Die Gravur lautet "Konrad 11.7.1969". Den Hochzeitstag in drei Wochen feiert Konrads Ehefrau (wenn es sie noch gibt) ohne ihren Ring. Sie hat ihn vermutlich verloren. Vielleicht hat sie ihn aber auch weggeworfen. Oder er wurde gestohlen und der Dieb wollte ihn loswerden. Jedenfalls ist der Ring im Fundbüro gelandet und versteigert worden.

Wann und wo der Ehering gefunden wurde, weiß auch Reiner Grün vom Bürgerbüro der Stadt nicht: Jemand hatte ihn im November 2011 in den Briefkasten der Stadtverwaltung geworfen. Jedenfalls gibt das dicke „Fundbüro“-Buch keine nähere Auskunft über Finder und Fundort.

Der Versuch, mit Hilfe des Hochzeitstages und des Vornamens den Eigentümer im Standesamt ausfindig zu machen, war erfolglos: In Frankenberg hat die Besitzerin ihren Konrad also nicht geheiratet. Warum bei einem Schmuckstück mit einem solch ideellen Wert niemand im Fundbüro nachfragt, sei ihm unbegreiflich, sagt Reiner Grün.

Ähnlich ist es mit den Fahrrädern: Nicht nur stehen gelassene Räder, sondern auch solche aus Diebstählen werden von der Polizei im Fundbüro abgegeben - und die meisten bleiben dort (siehe Kasten).

Den größten Teil der Fundsachen erhält die Stadt ohnehin nicht von privaten Findern, sondern aus dem Schwimmbad und aus Kaufhäusern. Dort finden sich in den Umkleidekabinen zahlreiche vergessene Brillen und Modeschmuck, deren Besitzer sich dort aber nicht melden, wenn sie ihren Verlust bemerken.

Bibel und Sonnenhut

Immer, wenn der Keller des Stadthauses langsam vollgestellt ist, setzt das Bürgerbüro eine Versteigerung in der Schirn des alten Rathauses an. Drei Jahre sind seit dem vorigen Mal vergangen. Etwa 20 Menschen kamen gestern in die Schirn, um das ein oder andere Schnäppchen zu machen.

Als erstes von 90 Fundstücken steht eine Ausgabe des „Neuen Testaments“ zur Versteigerung - niemand will es haben, ebenso wie die nagelneue Schirmmütze, an der noch das Preisschild hängt oder eine Kiste mit Modem, Telefonkabeln und „Fritzbox“. Erst ein Sonnenhütchen für Kleinkinder geht für 50 Cent über den Tisch. Ein Fahrradhelm weckt das Interesse mehrerer Bieter und findet für vier Euro einen neuen Besitzer.

Dann stehen nach und nach Taschen und Portemonnaies mit und ohne Inhalt, Mode- und echter Schmuck zur Versteigerung. Der goldene Ehering ist an der Reihe. „Echtgold?“, fragt eine Besucherin. „Sieht ganz so aus“, antwortet Angela Rudolph aus dem Bürgerbüro, die Rainer Grün bei der Auktion unterstützt. Daraufhin bieten einige mit. Für 13 Euro findet das Schmuckstück letztendlich einen neuen Besitzer.

Auch ein zweiter Ring mit Gravur befindet sich unter den Fundsachen, allerdings die Männerversion: Ein moderner, silberner Ring mit zwei dunklen Rillen und der Inschrift „Judith 13.7.2011“. Er wurde bereits am 19. Dezember 2011 abgegeben - der Finder hatte ihn bei einem Friseur in der Hainstraße entdeckt.

Bei der Versteigerung erweisen sich vier Männer und eine Frau als „Abräumer“, die einen Großteil der interessanteren Güter ersteigern. Die Dame ergattert einen Rucksack mit Sportkleidung für drei Euro, zwei Sonnenbrillen - davon ein Markenmodell - für je einen Euro und ein älteres I-Phone für 21 Euro, das damit einen der höchsten Preise bei der Auktion erzielt. Eine Digitalkamera von Canon inklusive zwei Speicherkarten kommt für 28 Euro unter den Hammer, eine Uhr für 14 Euro, ein Jugend-Mountainbike für 11Euro.

Kinderwagen am Windrad

Dafür finden manche Fahrräder, Handys und Armbanduhren auch für einen Euro pro Stück keine Interessenten, ebenso wie ein Damenmantel in Größe 52. Auch einen Kinderwagen in gutem Zustand, der am Hauberner Windrad gefunden wurde, wollte niemand haben.

Die Einnahmen aus der Versteigerung fließen in die Stadtkasse. Was gestern keinen neuen Besitzer gefunden hat, verschenkt die Stadt weiter - etwa zum Basteln und Werken an die Stadtjugendpflege, nennt Reiner Grün ein Beispiel.

Auch die Brillen, die bis auf eine gestern keine Abnehmer gefunden haben, werden für einen guten Zweck weitergegeben und haben so noch einen Nutzen. (apa)

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