Rückersfest in Laisa

Auf einmal war der "Rückers" weg

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„Rückersfigur vom Dach des Rathauses gestohlen“ titelte die Frankenberger Zeitung am 11. Mai 1978. Zwei Tage später war der Rückers wieder da – zu den Umständen seines Verschwindens und Wiederauftauchens gibt es viele Spekulationen. Erich Althaus war dama

Battenberg-Laisa - Am Samstagabend wird die Rückersfigur nach sieben Jahren wieder aufs Dach des alten Laisaer Rathauses gesetzt. Das hölzerne Pferdegespann wird gut bewacht, denn schon im 19. Jahrhundert haben Burschen aus Nachbardörfern die Figur "entführt". Der letzte Rückers­klau liegt 35 Jahre zurück. Die Umstände sind bis heute mysteriös.

Am Morgen des 10. Mai 1978 sah das Dach des alten Laisaer Rathaus aus, wie es nicht hätte aussehen sollen: Auf dem Dach fehlte die Rückersfigur. Das schwere hölzerne Pferdegespann, das 1971 erstmals auf das traditionelle Fest hinwies und eine ältere Figur abgelöst hatte, war über Nacht gestohlen worden. Für die Laisaer ein Schock. Sie bereiten das Rückersfest, das nur alle sieben Jahre stattfindet, akribisch vor. Eine Feier ohne Figur - das ist undenkbar.

„Ich war der Erste, der das entdeckt hat“, erinnert sich Erich Althaus. Er wohnt ganz in der Nähe des alten Rathauses und blickt vom Hof seines Hauses aus direkt auf das Dach. „Ich bin morgens um halb fünf an die Arbeit nach Battenberg gefahren. Ich hab gleich gesehen: Der Rückers ist weg“, erzählt er. Er hat überlegt, die Feuerwehr-Sirene zu drücken, ist dann aber doch erst an die Arbeit gefahren. „In der Frühstückspause bin ich zurückgefahren“, sagt er weiter. „Am alten Rathaus standen einige Leute, die Hände in den Taschen, den Blick fassungslos nach oben gerichtet.“

Schnell war klar, dass das nicht die Tat eines Einzelnen war. Der Rückers ist aufwendig befestigt und schwer. „Wie sie ihn losgekriegt haben, weiß ich nicht“, sagt Althaus.

Der erste Verdacht richtete sich gegen Zigeuner, die wenige Tage zuvor auf dem Festplatz ihr Lager aufgeschlagen und großes Interesse an der Figur gezeigt hatten. „Die Vermutung hat aber nicht lange angehalten“, erklärt der Laisaer.

Doch wer war dann für den Diebstahl verantwortlich? Im Dorf herrschte Ratlosigkeit. Abends ging beim „Boni“, der Gaststätte Bornmann, der erste Anruf der „Entführer“ ein. „Sie haben zunächst keine Forderungen gestellt“, sagt Althaus. Doch die Zeit drängte. Es war Mittwoch, am darauffolgenden Samstag sollte das Fest starten - es fand wegen der 1200-Jahr-Feier ausnahmsweise über Pfingsten und nicht wie üblich an Ostern statt.

„Wir hätten einen oder zwei Hektoliter Bier als Lösegeld bezahlt, das wäre kein Problem gewesen.“ Doch die Entführer unterbrachen die Verhandlungen. Möglicherweise, mutmaßt Erich Althaus, weil der Schimmel an der Spitze der Holzfigur beim Diebstahl abgebrochen war. Bis heute erinnert eine Befestigung an diesen Diebstahl.

Die Laisaer beschlossen, die alte Figur aufs Dach zu setzen - ein Rückersfest ohne Rückers auf dem Rathausdach war undenkbar. „Damit war der Druck auf uns weg, die anderen hatten ihn“, sagt Althaus. Einen konkreten Verdacht habe man damals nicht gehabt. Laisa sei in Aufruhr gewesen: „Die Kneipe war jeden Abend gerammelt voll.“

Doch dann kamen Geldforderungen. „Das hatte ein ganz anderes Gewicht.“ Für die Laisaer führte Otto Hagenbach die Verhandlungen. Es gab einen Übergabepunkt an der Bundesstraße zwischen Battenfeld und Rennertehausen. „Da sollten wir eine Plastiktüte mit Geld hinhängen“ - wie viel, weiß Erich Althaus nicht mehr.

Aber er erinnert sich noch, wie er und zwei weitere Laisaer Männer sich auf die Lauer legten und bis nach Mitternacht den Übergabepunkt beobachteten. Es kam niemand: „Zum Glück“, sagt Althaus schmunzelnd. Denn das hätte vermutlich eine handfeste Auseinandersetzung gegeben. Geld war übrigens nicht in der Tüte.

Der Verdacht richtete sich gegen Burschen in einem Nachbarort - so schreibt Karin Arnold im neuen Festheft, das zum Rückersfest 2013 erscheint. Die jungen Laisaer hätten mit Ferngläsern einen Feldweg beobachtet, schreibt sie. Sie sahen drei Autos, die ohne Licht unterwegs waren. 1000 Mark seien damals gefordert worden, erinnert sie sich.

Doch die Rückersdiebe meldeten sich nicht mehr. Am Festsamstag, dem Kommersabend, fuhr plötzlich Otto Hagenbach vor und hatte die Figur auf dem Autodach. Sie soll, sagt Erich Althaus, in einer Scheune zwischen Rennertehausen und Birkenbringhausen versteckt gewesen sein. Keiner der beiden Orte soll aber in den Diebstahl verwickelt gewesen sein.

Die genauen Umstände, wie der Rückers wieder auftauchte, sind bis heute schleierhaft. Fest steht: Die Geschichte vom Rückersfest 1978 bewegt die Laisaer noch heute. Sie erzählen vom verregneten Festzug, der verspätet startete - und eben vom ominösen Rückersklau. Aus welchem Dorf die Diebe kamen, wollen die Laisaer zwar nicht verraten - doch dieses Geheimnis dürfte am Samstag beim Rückersstecken gelüftet werden (siehe Kasten).

Das führte dazu, dass in den bislang vier folgenden Festen die „Rückerswache“ eingerichtet wurde. Nach dem Stecken am 9. März passen die Laisaer gut auf den Rückers auf. Erste Stationen befanden sich in Bauwagen auf benachbarten Höfen, inzwischen ist die alte Milchsammelstelle gegenüber dem Rathaus beliebter Treffpunkt - auch in diesem Jahr.

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