Marburg/Frankenberg:

Eltern: „Wir haben ihm vertraut“

- Marburg/Frankenberg. Die Staatsanwaltschaft wirft einem Mann aus dem Frankenberger Land vor, in zehn Fällen sechs Kinder sexuell missbraucht zu haben. Der Vorsitzende Richter erklärte am Mittwoch, dass aufgrund der Vorgeschichte des Angeklagten die Sicherungsverwahrung in Betracht komme.

In zwei Fällen hatte der Angeklagte die ihm vorgeworfenen Taten bereits beim Prozessauftakt vor zwei Wochen gestanden (wir berichteten). Für den sexuellen Missbrauch an einem dreijährigen Jungen und seiner einjährigen Schwester gibt es allerdings auch stichhaltige Beweise: Der Mann hatte sich mit den Kindern gefilmt. Was die weiteren Vorwürfe betrifft, äußerte sich der Angeklagte aus dem Frankenberger Land nicht. Damit sah das Marburger Landgericht offenbar keine Möglichkeit, den Kindern eine Aussage in der Verhandlung zu ersparen. Drei Mädchen, die zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Missbrauchs in den Jahren 2007 und 2009 zwischen sieben und neun Jahre alt waren, mussten die Fragen des Vorsitzenden Richters Dr. Carsten Paul zu Details der angeklagten sexuellen Übergriffe über sich ergehen lassen. Teilweise wurden der Angeklagte und die Prozessbeobachter während dieser Vernehmungen von der Verhandlung ausgeschlossen. Die Aussagen der Eltern und der in die Ermittlungen eingebundenen Kriminalpolizisten waren allerdings schon eindeutig und detailliert genug, als dass es die Prozessbeobachter schauderte. Zu allen Familien hatte der Angeklagte enge Freundschaften aufgebaut, bevor es zu den mutmaßlichen sexuellen Übergriffen an den Kindern gekommen ist. Die Mädchen, deren Leid erörtert wurde, waren bei dem Angeklagten ein und aus gegangen, übernachteten teilweise mehrere Tage lang in dessen Wohnung. „Wir haben ihm vertraut“, sagte eine Mutter. Sie und ihr Mann hatten ihre jüngste Tochter in die Obhut des Angeklagten gegeben, als sie mit einer älteren Tochter mehrere Tage in einer Klinik verbrachten. „Wir haben um das Leben meiner Tochter gekämpft, und er hat nichts Besseres zu tun, als sich an der Kleinen zu vergehen“, machte die Mutter ihrer Empörung Luft. Sie und ihr Mann treten bei dem Prozess ebenso wie eine weitere Mutter als Nebenkläger auf. Der Angeklagte verfolgte den Prozesstag ohne jegliche Regung. In seiner schwarzen Jeans und mit dem hellen Kurzarmhemd wirkte er unscheinbar. Hätten nicht zwei Rechtsanwälte in schwarzen Roben neben ihm gesessen – man hätte geradezu meinen können, der Mann mit dem schütteren braunen Haar, dem leichten Bauchansatz und der auffälligen Goldkette um den Hals würde auf einer Parkbank sitzen und teilnahmslos sein Umfeld beobachten. Nur als seine Frau als Zeugin aufgerufen wurde, lächelte er ihr kurz zu. Dass die Zeugin keine Angaben machte, schien ihn nicht zu wundern. Ins Rollen gekommen waren die Ermittlungen gegen den 31-Jährigen nach einer Hausdurchsuchung im September vorigen Jahres. Dabei hatte die Polizei einen Computer und weitere Datenträger sichergestellt, auf denen sich Kinderpornos befanden. Im Februar dieses Jahres ist der Mann verhaftet worden. Weil darüber ein Fernsehsender berichtete, erhielt die Polizei Hinweise auf mehrere mutmaßliche Missbrauchsfälle. Die Tochter der Nebenklägerin, die am Mittwoch aussagte, hatte sich erst offenbart, als eine Kripo-Beamtin ins Haus der Eltern gekommen war. „Es sprudelte nur so aus dem Mädchen heraus“, sagte die Polizistin im Gerichtssaal. Das Mädchen habe ihr von zwei Vorfällen detailliert berichtet. Der eine sexuelle Übergriff soll sich im Haus der Eltern ereignet haben, der andere in der Wohnung des Angeklagten. „Es war offenbar ein Geheimnis und ich bin mir sicher, dass sie zum ersten Mal darüber gesprochen hat“, sagte die Beamtin. Auch in einer weiteren polizeilichen Vernehmung hatte sich das Mädchen eindeutig und detailliert geäußert, berichtete ein anderer Beamter. Bei einer Vernehmung im Marburger Amtsgericht hat das Mädchen zuletzt allerdings gemauert und wollte keine genauen Angaben machen. Wie sich das Kind, das laut Angaben seiner Mutter entwicklungsverzögert ist, am Mittwoch äußerte – darüber wollten die Prozessbeteiligten zunächst keine Auskunft geben. „Ihr geht es sehr schlecht und sie möchte den Mann nicht sehen“, sagte die Mutter eines weiteren Mädchens, das aussagen musste. Auch diesem Kind blieb der Weg in den Gerichtssaal nicht erspart – genauso wenig wie einem dritten Mädchen, das mit seiner Aussage die Vorwürfe gegen den Angeklagten bekräftigte. Wie bereits beim Prozessauftakt erörtert worden war, ist der Angeklagte einschlägig vorbestraft. Deshalb hatten ihm mehrere Gerichte unter anderem auch auferlegt, nicht alleine mit unter 14-jährigen Kindern in einem Raum zu sein. Doch das wurde offenbar ebenso wenig kontrolliert, wie es den Menschen im Umfeld des Mannes bekannt war. Auszüge aus mehreren psychologischen Gutachten, die in verschiedenen Justizvollzugsanstalten über den Angeklagten verfasst worden waren, las Richter Paul vor. Mit 16 Jahren soll der Mann demnach Intimkontakt zu einem zehnjährigen Mädchen gehabt haben. Mit 17 hatte er mehrfach Geschlechtsverkehr mit einem zehnjährigen Jungen. Nach Verbüßung einer Jugendstrafe hatte sich der aus Marburg-Biedenkopf gebürtige Mann dann im Jahr 2001 erneut an einem kleinen Mädchen vergangen. Die Eltern hätten ihm das Kind zum Missbrauch quasi angeboten, hatte der Mann gegenüber Psychologen gesagt. Weitere Inhalte der Gutachten legen unterm Strich die Wertung nahe: Der Mann war nicht ernsthaft gewillt, sich therapieren zu lassen, und außerdem stark rückfallgefährdet. Offenbar aus diesem Grund erklärte Richter Dr. Carsten Paul, dass für den Angeklagten die Anwendung des Paragrafen 66 in Betracht komme – gemeint ist damit die Sicherungsverwahrung. Bei der Sicherungsverwahrung müssen besonders gefährliche Straftäter über das Ende ihrer Haft hinaus im Gefängnis bleiben – so soll die Allgemeinheit vor ihnen beschützt werden. Gutachten und Plädoyers Heute soll eine Gutachterin dem Gericht erklären, ob sie die Sicherungsverwahrung für angebracht hält. Staatsanwalt Christian Laubach sagte gegenüber WLZ-FZ außerdem, dass die Beweisaufnahme abgeschlossen werden soll und möglicherweise auch die Plädoyers bereits heute gehalten werden. Mit der Urteilsverkündung ist allerdings frühestens bei einem weiteren Verhandlungstermin Ende des Monats zu rechnen.

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