Julia Franck liest aus ihrem neuen Roman „Rücken an Rücken“

Emotionen aus dem Buch transportiert

+
507085-20120328203000.jpg

- So eindringlich und aufrührend wie die Geschichte ist auch die Art, wie Julia Franck daraus liest: Sie transportiert Emotionen, manchmal gar Kälte in ihren Worten. Die Zuhörer sind beeindruckt.

"Rücken an Rücken" heißt das Buch, das Julia Franck nach ihrem internationalen Erfolg veröffentlicht hat. Für den Roman "Die Mittagsfrau" wurde sie mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

In "Rücken an Rücken" verarbeitet Julia Franck die Geschichte(n) ihrer Familie: die ihrer innerlich zerrissenen Mutter, die ihres Onkels, der sich das Leben nahm, und die ihrer Großmutter, die den Mann, den sie liebte, nicht heiraten konnte. Zugleich greift Julia Franck ein Stück deutsche Geschichte auf: Ihr Buch spielt in der Zeit, in der Deutschland geteilt wurde. Auch dieser Aspekt ist in Francks Biografie begründet: Sie wurde in Ostberlin geboren und kam noch als Kind in den Westen.

Im Rahmen des "Literarischen Frühlings" las Franck am Dienstagabend im Hotel "Die Sonne" drei Auszüge aus ihrem Roman. Durch diese Abschnitte bekamen die Besucher einen Eindruck von der teils erschütternden Atmosphäre des Buches, aber auch von den Rissen, die in Francks realer Familie existiert haben müssen.

Dafür sorgte Julia Franck auch mit ihrer Art zu lesen: mit ungeheurer Präsenz und Eindringlichkeit, zeitweise in einem Tempo, das den rasenden Gedanken der Protagonisten gleichzukommen schien.

Für Schaudern sorgten auch einige Gedichte, die aus der Feder von Francks Onkel stammen und die zugleich seinen "Welt­ekel", wie Julia Franck es bezeichnete, verdeutlichen.

Noch tiefere Einblicke gewährte die Autorin im Anschluss durch die Antworten, die sie Moderatorin und Organisatorin Christiane Kohl gab. So erfuhren die Zuhörer, dass sie noch immer ihre Großmutter vor sich sieht, wenn die schroffe und scheinbar kaltherzige Käthe Brot schneidet. Dadurch, dass sie Verletzungen und Risse aus ihrer Familie in Buchstaben gebannt habe, verlören sie im realen Leben an Potenzial zu verletzen, gab Franck Einblick in ihr Seelenleben. Sie berichtete von dem Verhältnis zu ihrer Mutter, von ihrem Auszug im Alter von nur 13 Jahren und ihrer Hoffnung, dass ihre beiden eigenen Kinder anders aufwachsen.

Christiane Kohl sprach sie auch auf die Kritik an, die besonders auf ihre Darstellung eines Juden abzielte, der sich an einem jungen Mädchen vergeht. Die Autorin machte deutlich, wie befremdlich die Annahme sei, KZ-Überlebende seien ausschließlich Gutmenschen gewesen: Denn das wiederum lege den Schluss nahe, dass Konzentrationslager als "Heil- und Besserungsan­stalten" als solche tatsächlich funktioniert hätten. "Das ist nicht nur historisch fragwürdig, sondern auch absurd", betonte die Schriftstellerin. Das Schreiben über all die Grausamkeiten und Kälte sei für sie mitunter schwer erträglich gewesen. Es sei ihr nicht leicht gefallen, "nicht in die glückvolle Harmlosigkeit" zu fliehen und stattdessen die "Abwesenheit einer Gnade und Formhaftigkeit zu wagen".

Applaus war Julia Franck gewiss, und ihr Autogramm war sehr begehrt. (apa)

Kommentare