Zehnter Kutschenkorso in Löhlbach

Entschleunigung "mit Sprung"

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Besonderes Prachtexemplar: Die Hochzeitskutsche von Karl Klingelhöfer zog im Löhlbacher Kutschenkorso viele Blicke auf sich.

Haina-Löhlbach - Der Löhlbacher Kutschenkorso ist inzwischen eine Institution: Zum zehnten Mal fand er am Wochenende statt. Mit dabei die Brüder Estor, für die Fahren eine Lebenseinstellung ist.

Komet ist etwas eigensinnig an diesem Samstag. Der Trakehner zieht am Geschirr, reißt hier und da ein paar Blätter vom vorbeiziehenden Baumwerk, schwitzt. Vor ihm Pferde, hinter ihm Pferde - der Herdentrieb. Neben ihm ist Carlos deutlich gelassener. Die beiden Warmblüter ziehen die Kutsche von Reinhard und Dietmar Estor aus Burgholz bei Kirchhain. „Komet!“, ruft Dietmar immer wieder, um das Tier zur Räson zu bringen. Das gemächliche Tempo im Kutschenkorso scheint dem durchtrainierten Hengst ein wenig langsam zu sein. Für die beiden Brüder auf dem Kutschbock aber ist es genau das Richtige.

„Hier kann man sein Leben entschleunigen“, sagt Dietmar tief im Sasselsbachtal zwischen Frankenau und Löhlbach. Auf seiner rechten Seite der Kutsche geht der Blick auf einige Teiche und Höfe, links könnte sein Bruder Reinhard mit dem Arm Blätter vom Hang sammeln, wenn er wollte. „Hier und jetzt könnte es auch 1880 sein“, träumt sich Dietmar in die Vergangenheit.

Diese Zeit hat es den Estors angetan. „Wir sind Sammler“, sagen sie unisono. Elf Kutschen besitzen die Geschwister. Zehn davon sind aus der Zeit von 1860 bis 1900: Ob Doktorwagen, Mylord oder sogar ein Omnibus für neun zahlende Gäste und zwei Kutscher - bei Estors gibt es fast alles. „Damit ist aber auch Schluss“, erklärt Reinhard. Denn das Hobby ist nicht nur eine Frage des Geldes und des Platzes, sondern insbesondere der Zeit.

Hunderte Arbeitsstunden in jeder von elf Kutschen

Die Brüder haben in jede Kutsche Dutzende, wenn nicht Hunderte Stunden Handarbeit gesteckt. Von Berufs wegen handwerklich begabt, nehmen sie jedes Original unter die Lupe, schleifen ab, arbeiten auf, streichen, schlossern. „Nur die Stellmacherei und das Schmieden machen andere“, sagt Dietmar. Selbstverständlich, dass sie ihre Kutschen auf keinen Fall verkaufen würden. „Wir wollen das an die nächsten Generationen weitergeben“, sagen sie - die Kinder und auch die Enkel sind infiziert mit dem „Virus“ des Fahrens.

Genau so muss es sein, wissen die beiden. Denn das Fahren ist heute eben nicht mehr alltäglich. „Wir hatten selbst eine kleine Landwirtschaft“, erinnert sich Reinhard. Wer nicht mit Pferden und Kutschen aufwachse, der könne schwer einen Bezug dazu herstellen. Der begeistere sich vielleicht für die historischen Modelle im mehr als 30 Wagen umfassenden, zehnten Löhlbacher Kutschenkorso, für das beeindruckende Gespann der Licher-Brauerei; der würde selbst sogar mal mitfahren - käme aber nicht auf die Idee, auf dem Bock Platz und die Leinen in die Hand zu nehmen. Denn so entspannend das Fahren auch ist: Nötig ist ein Führerschein, ganz wie beim Auto. Theorie, Praxis, dazu das Training der Tiere, die Pflege der Kutschen: Ein unkompliziertes oder günstiges Hobby ist das Fahren sicherlich nicht. „Wir sind alles Exoten, die einen Sprung haben“, sagt Dietmar und lacht herzlich.

Trotz „Sprung“ gilt: „Wenn wir das machen, dann mit Stil“. Dass manche Fahrer in ihrer Kleidung auch wandern könnten, stört die Brüder nicht. Sie selbst aber sitzen im Staubmantel auf dem Bock. „Freizeitbekleidung“ nennen sie das.

Üblicherweise fahren sie im Frack und Zylinder - echt englisch eben. Dann fahren Brautpaare mit - oder das Fernsehen: VOX, der HR und der WDR drehten schon mit den Brüdern. Entspannung wie anno 1880 ist das dann sicher nicht mehr.

Von Malte Glotz

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