"Mord im Pfarrhaus"

Ermittlungen mit staunendem Mund

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Ermittlerpaar wider Willen: Wenn Inspector Slack (Harald Hörl) befragt, untersucht, mutmaßt, sind die Ohren von Miss Marple (Gabriele Heinz) niemals weit entfernt – und stets weit geöffnet. Ihr Schlüsse allerdings sind meist andere.

Frankenberg - Ein Mensch wird ermordet - und dennoch wird gelacht: Auf der Bühne herrscht gewisse Erleichterung über den Tod von Colonel Hampton, im Pub­likum herrscht Erheiterung über das pointierte Spiel der Darsteller.

Frankenberg. Nervosität im Pfarrhaus: Der strenge Colonel Hampton hat sich angekündigt, die Kirchenbücher von Reverend Clement (Karlheinz Balz) zu kontrollieren. Der polternde, herrschsüchtige Mann ist ungeliebt im Dorf: „Irgendwann knallt ihn noch mal jemand über den Haufen - peng!“, prophezeit Pfarrersgattin Griselda (Sabine Eckel) und hat wenig später eine Leiche im Esszimmer. Die Diagnose des Dr. Haycock (Harald Rudolph): Tod durch Genickschuss.

Auf den ersten Schreck folgt Erleichterung allerorten. Dem stets am Rande des Wahnsinns balancierenden Vikar Ronald Hawes (Dirk Schäfer) entfährt ein „Mein Gott, es gibt doch noch Gerechtigkeit. Jeder, der sündigt, soll sterben“ - er selbst aber bediente sich an der Kollekte. Hamptons Tochter Virginia (Ronja Lesiw) hofft auf ein Stück Freiheit - die sie am liebsten mit Männern verbringen möchte. Im Idealfall mit dem Künstler Lawrence Redding (Siegfried Nakowsky), der es jedoch auf ihre Stiefmutter Anne (Nadine Oberender) abgesehen hat. Oder reizt ihn nur das Geld, das die Erbschaft mit sich bringt? Schließlich ist sogar die redliche Hobbydetektivin Miss Marple (Gabriele Heinz) verdächtig, hat der bösartige Colonel ihr doch grinsend mit der Kündigung ihres Mietvertrags gedroht. Und: Sind nicht stets die Gärtner die Mörder?

Rollen punktgenau besetzt

Der „Mord im Pfarrhaus“ wird getragen von der ungewohnten personellen Stärke der Laiengruppe: Marple staunt sich mit fragend offenem Mund durch die Ermittlungen des Inspector Slack (Harald Hörl, zugleich Regisseur). Der ermittelt missmutig mit einem „Äh“, einem „So“ und einen „Naja“ die Einwände der alten Dame hinfort - bis sie ihn schlussendlich als Protokollant ins Pfarrhaus zitiert. Karlheinz Balz knetet sich die Dialoge seines stets zweifelnden Pfarrers aus den Händen. Oberender und Eckel füllen ihre Rolle mit gewohnter Souveränität und Eleganz, komplettiert vom zugleich undurchsichtigen wie charmanten Nakowsky mit wirrem Haar.

Regisseur Hörl ist es gelungen, jede Rolle auf den Punkt zu besetzen: Die Schauspieler leben in ihren Charakteren auf. Julia Balz stampft als Hausmädchen Mary naiv, unbeholfen, liebenswert durch die Szene, bis das liebevoll gestaltete Bühnenbild wackelt. Lesiw wickelt nonchalant den jungen Dennis (Maximilian Kaletsch) und nebenbei das Publikum um den Finger. Rudolph gibt sich ernst und schusselig zugleich - eine neue Facette. Die meisten Lacher aber haben andere auf ihrer Seite: Heinrich Balz hat als Küster nur kurze, dafür pointierte und somit zu Recht mit Applaus bedachte Kurzauftritte. Schäfer, die Augen blutunterlaufen, wirkt abwechselnd wie auf Valium oder einer Überdosis Kaffee - und weckt den Wunsch, ihm stets das Gegenteil zu reichen. Als Empörungsautomat wirbelt im Sari schließlich Renate Göbel als Price Ridley über die Bühne, mit sich überschlagender Stimme, besserwissend und selbstverliebt.

Ein langes Stück ist der „Mord im Pfarrhaus“, doch eines ohne Längen. Ein Stück, bei dem nur eines nicht überrascht - die Erkenntnis: „Miss Marple hört alles, Miss Marple sieht alles.“

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