Rückblick auf vier Monate als Frankenberger Interims-Bürgermeister

Erster Stadtrat Willi Naumann im FZ-Interview

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Frankenberg - Nach vier Monaten an der Spitze Frankenbergs ist Erster Stadtrat Willi Naumann mit der Amtseinführung von Bürgermeister Rüdiger Heß wieder ins zweite Glied zurückgetreten. Der Grüne macht im FZ-Interview keinen Hehl daraus, dass diese Zeit Spuren hinterlassen und auch sein Bild vom Bürgermeisteramt verändert hat.

Von Anfang Dezember bis Ende März war die Bürgermeisterstelle in Frankenberg unbesetzt. Doch von einer Vakanz war nichts zu spüren. Exakt vier Monate übernahm Willi Naumann als Erster Stadtrat die Aufgabe des obersten Repräsentanten der Stadt und Chefs der Verwaltung. Über die Erfahrungen, die Enttäuschungen und die Erwartungen sprach der Bündnisgrüne mit Redaktionsleiter Rouven Raatz.

Am Freitag, 30. März, hatten Sie Ihren letzten offiziellen Tag als „Interims-Bürgermeister“. Welches Gefühl hat beim Verlassen des Stadthauses überwogen, Wehmut oder Erleichterung? Sowohl als auch, da ich in den vergangenen dreieinhalb Monaten ganz tief in die Themen reingerutscht bin. Es kommt allein schon deshalb Wehmut auf, weil ich das ein oder andere Projekt dann doch nicht mehr bis zum Ende verantwortlich begleiten kann. Ich spüre aber auch Erleichterung, vor allem in der Hinsicht, dass ich jetzt nur noch einen Job habe, dem ich mich jetzt wieder ganz und gar widmen kann. Denn in den vergangenen Monaten habe ich schon versucht, beiden Aufgaben, sowohl als verantwortlicher Erster Stadtrat als auch als Betriebsratsvorsitzender von Hettich, voll und ganz gerecht zu werden. Das war anstrengend, insofern bin ich wirklich auch erleichtert.

In den vergangenen vier Monaten haben Sie sicherlich mal nachts wachgelegen und sich überlegt, wie es gewesen wäre, wenn Sie für das Amt des Bürgermeisters kandidiert hätten. Haben Sie bereut, Ihren Hut nicht in den Ring geschmissen zu haben? Ich würde lügen, wenn ich sagen würde: Nein, die Gedanken habe ich mir nicht gemacht. Und da ich nicht lüge: Ja, ich habe darüber nachgedacht. Es gab zwei Dinge, die dabei eine Rolle gespielt haben. Erstens: Ich weiß, dass unsere schwarz-grüne Koalition fest zusammenhält. Und dieses Zusammenhalten wäre für mich auch eine Bedingung gewesen, um als Bürgermeister zu kandidieren. Als Kandidat hätte ich die gesamte CDU-Grüne-Koalition hinter mir wissen wollen. Aber diese Konstellation war schnell ausgeschlossen, nachdem die CDU ihren Bewerber gefunden hatte. Zweitens: Hätte die Koalition einen gemeinsamen Kandidaten aufgestellt, und das wäre ich gewesen, dann wäre ich diesen Weg sicherlich auch gegangen. Aber ich bin nicht blauäugig, und deshalb war von vornherein klar, dass die CDU keinen grünen Bürgermeisterkandidaten aufstellen würde. Und vor diesem Hintergrund wäre meine Kandidatur vermutlich auch ähnlich verlaufen wie bei dem CDU-Bewerber, der angetreten ist.

Aber als verantwortlicher Erster Stadtrat hätten Sie die Wahlkampfzeit doch besonders gut für sich nutzen können? In den vergangenen Monaten, in denen ich den Bürgermeister vertreten habe, haben mir viele Bürger gesagt: Gut gemacht, schön Willi, prima gelaufen. Aber man muss auch sagen: Ich war während des Wahlkampfes außen vor. Ich konnte meine Arbeit als Erster Stadtrat machen – und musste mich auf nichts anderes konzentrieren. Das war sicherlich ein Grund, warum ich das ein oder andere Thema auch gut hinbekommen habe. Aber ich muss auch sagen: Ich hatte viele Helfer, speziell in der Verwaltung, und ich möchte mich dafür bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nochmals herzlich bedanken. Noch mal zurück zur Frage: Ich mache mir auch nichts vor, wenn ich im Bürgermeister-Ranking drin gewesen wäre, wäre die Aufgabe als Erster Stadtrat wesentlich schwerer gewesen.

Sie haben es angesprochen, Sie haben viel positiven Zuspruch erfahren: aus den Reihen der Kommunalpolitikern, auch aus der Stadtverwaltung. Haben Sie eine Erklärung, warum Ihre Arbeit offensichtlich so gut angekommen ist? Meine Erklärung ist vergleichsweise einfach: Ich habe mich so verhalten, wie ich bin. Ich habe immer daran geglaubt, dass ich nur dann eine gute Arbeit abliefern kann, wenn ich authentisch bin. Entsprechend habe ich versucht, mit den Menschen umzugehen. Nur über diese Art und Weise konnte ich mich profilieren. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass die Themen so konzipiert waren, dass sie in dem mir zur Verfügung stehenden Vierteljahr abzuhandeln waren. Und das wussten auch immer meine Gegenüber. Es war immer klar: Mein Engagement ist begrenzt, es kann später noch eine andere Entscheidung kommen. Insofern war es einfacher zu agieren.

Sind Sie stolz darauf, dass Sie so ausgesprochen positiv wahrgenommen wurden? Ja. Weil ich vor allem gemerkt habe, dass ich mit großem Engagement Dinge vorantreiben kann, denen die Menschen folgen. Speziell mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Stadtverwaltung hatte ich ein sehr gutes Verhältnis. In jeder Beziehung habe ich dort geholfen bekommen, auch wenn ich mal ein Problemchen hatte oder Zusammenhänge nicht sofort erkannt habe. Das war auch ein Grund, warum ich etwas glänzen konnte. Aber stolz bin ich vor allem darauf, dass ich innerhalb so kurzer Vorbereitungszeit den Laden am Laufen gehalten habe und dass kein Vakuum entstanden ist.

Wer waren in dieser Zeit Ihre engeren Vertrauten? Auch in meinem privaten Umfeld sind viele an Politik interessierte Menschen. Natürlich habe ich über allgemeine Themen auch mit diesen Freunden gesprochen und Erkenntnisse daraus mitgenommen. Nicht vergessen will ich meine Parteifreunde. Die Grünen haben mir, wo es ging, geholfen, allen voran Uwe Patzer, unser Fraktionsvorsitzender, oder mein Bruder Helmut, der ja auch der Fraktion angehört. Wir haben vieles besprochen, wenn denn kein Amtsgeheimnis darüberlag. Und in der Verwaltung waren es die Abteilungsleiter, die mir Tipps gegeben haben.

War der einzige Profi, den der Grünen-Stadtverband in seinen Reihen hat, nämlich Landtagsabgeordneter Jürgen Frömmrich, auch involviert? Weniger. Seitdem er nach Wiesbaden gegangen ist, sehen wir uns nicht mehr so häufig und besprechen uns nicht mehr so intensiv. Wir haben telefoniert, und er hat mir Tipps gegeben – weil wir beide schon immer ziemlich gerade Furchen geackert haben. Aber er war nicht der entscheidende Ratgeber.

Was war die größte „Enttäuschung“ in der „Amtszeit“? Puh, da habe ich keine direkt greifbar. Eine persönliche Enttäuschung habe ich eigentlich nicht erlebt. In einer Sachfrage habe ich, wenn man es so nennen will, eine Enttäuschung erlitten. Ich hatte mir auf die Fahnen geschrieben, eine Energiegenossenschaft ins Leben zu rufen. Von meinem Vorgänger Christian Engelhardt habe ich diese Arbeit übernommen – er hatte schon einiges in die Wege geleitet. Im Laufe des Erarbeitens der Genossenschaft habe ich allerdings gemerkt, dass dies nicht so einfach geht. Es sind große Schritte notwendig, um ein solches Modell seriös an den Start zu bringen. Das hatte ich mir einfacher vorgestellt. Mittlerweile bin ich aber so weit, dass ich sage, es ist gut, dass wir es noch nicht gemacht haben. Es hat einige Veränderungen gegeben, die uns vor Probleme gestellt hätten, etwa die Kürzung der Förderung von Solarstrom.

Welches Erlebnis wird Ihnen positiv in Erinnerung bleiben? Ebenfalls eine schwere Frage. Mir fällt aber ein Beispiel ein: Die Zusammenarbeit mit den Bürgermeistern des Kommunalen Serviceverbunds Süd, die hat mir richtig Spaß gemacht. Zum einen haben wir menschlich gut zusammengepasst. Wir haben uns gut verstanden. Vor allem konnte ich deren Bedürfnisse aber gut nachvollziehen und habe offensichtlich auch deren Nöte verstanden. Auf der einen Seite sitzt der Erste Stadtrat, der seine große Verwaltung hinter sich hat – und ganz lapidar gesprochen, der schwadronieren kann; auch wenn ich das nicht gemacht habe. Und auf der anderen Seite sitzt der Bürgermeister aus der kleinen Kommune, der in vielen Sachfragen selber in der Verwaltung ran muss. Das war eine tolle Erfahrung, sich über die Probleme auszutauschen und mit den Bürgermeistern zu arbeiten.

Welche Entscheidungen oder Entwicklungen in den vergangenen vier Monaten schreiben Sie sich alleine als Erfolg auf die Fahne? Gar keine. Eines war für mich immer klar: Ich mache in den knapp vier Monaten nur das, wozu ich legitimiert bin. Und legitimiert bin ich nur vom Parlament, dass ich der Erste Stadtrat bin und in Vertretungsfällen die Bürgermeisterarbeit übernehme. Ich habe mich strikt daran gehalten, was das Parlament vorgegeben hat, nämlich bestimmte Entscheidungen, die schon getroffen waren, weiter zu bearbeiten.

Sie sind in der dritten Periode Mitglied des Magistrates, seit März 2011 Erster Stadtrat. Die Magistratsarbeit war Ihnen also bekannt. Haben diese Monate dennoch den Blick auf das Bürgermeisteramt verändert? Absolut. Insofern, dass man als Bürgermeister ganz dicht dran ist, und die Probleme, die später im Parlament zusammengefasst vorgetragen werden, schon im einzelnen vorher mitbekommt. Es gibt unzählige Schritte, die der Bürgermeister zu gehen hat, die ein Magistratsmitglied nicht mitbekommt. Als Bürgermeister muss man immer zu 100 Prozent auf der Höhe sein, sonst schleichen sich kleine Fehler ein. Die Arbeit am Schreibtisch im Stadthaus, als Chef der Verwaltung, mit all den Nuancen, ist etwas völlig anderes, als im Magistrat zu sitzen. Als Stadtrat erhalte ich Freitag die Vorlagen, denke darüber nach und stimme am Dienstag dann im Magistrat darüber ab. So einfach hat es der Bürgermeister nicht.

Ein weiterer Aspekt ist doch sicherlich die zeitliche Belastung. Ja, das hat schon groteske Züge gehabt. Es gab etliche Tage, an denen ich vielleicht mal kurz zum Umziehen nach Hause gefahren bin, an denen ich aber von sechs Uhr morgens bis 23.30 Uhr in der Nacht durchgearbeitet habe. Dann habe ich meine Familie tageweise nicht sprechen können, weil sie schon alle im Bett lagen, wenn ich daheim war. Außerdem: Das Leben eines Bürgermeisters hört nicht am Freitagabend oder Samstagmorgen auf, sondern geht rund um die Uhr. Als Bürgermeister denkt man auch 24 Stunden als Bürgermeister. Ich habe mich zeitweise gefühlt, als ob ich Fledermausohren hätte. Man hört alles, man hört überall hin, weil man denkt: muss ich vielleicht als Bürgermeister eingreifen.

Wie schwierig fällt es Ihnen, jetzt wieder in die zweite Reihe zurückzutreten? Natürlich bin ich nicht mehr der erste Mann an der Spritze, aber ich werde vieles in die Arbeit als Erster Stadtrat mitnehmen, was ich in den vergangenen Monaten gelernt habe. Denn ich bin niemand, der von heute auf morgen eine Rolle rückwärts macht und seine Meinung ändert. Eines ist aber auch klar: Zum einen bin ich von der Politik als Erster Stadtrat bestimmt, gewisse Aufgaben zu übernehmen, etwa die Urlaubsvertretung des Bürgermeisters. Zum anderen habe ich aufgrund der Erfahrung und Einblicke durchaus Interesse daran, an gewissen Themen weiterzuarbeiten: etwa die Interkommunale Zusammenarbeit. Grundsätzlich würde ich gerne auch weiterhin Verantwortung übernehmen.

Wie läuft generell die Übergabe der Amtsgeschäfte an Bürgermeister Rüdiger Heß? Die Übergabe zwischen Christian Engelhardt und mir war relativ intensiv. Das lag daran, dass ich erst kurz vor seinem angekündigten Abschied in das Amt des Ersten Stadtrates gewählt wurde. Der Status quo ist anders: Alle Projekte, an denen ich gearbeitet habe, habe ich bearbeitet und die Ergebnis auch nachgehalten, also mit den Abteilungsleitung abgestimmt. Der neue Bürgermeister hat inzwischen mit allen Stabsstellen in der Verwaltung gesprochen. Er kann sich also jederzeit auf einen aktuellen Stand bringen lassen. Insofern wird es zwischen uns keine allgemeine Übergabe geben. Wir werden sicherlich noch mal über das ein oder andere Thema sprechen: vielleicht nicht nur die Frage des Umgangs miteinander, sondern wann ich ihn vertreten muss. Vielleicht können wir aber auch einige Felder noch mal genauer abstecken und klären, wie der neue Bürgermeister die Aufgabe des Ersten Stadtrates sieht.

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