Frankenberg

Vom Fesselinstrument zum Lebensretter

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- Frankenberg (jos). Männer fürchteten um ihre Freiheit, Frauen um ihren Busen: Ex-Polizist Ferdinand Hagenbach (Ernsthausen) erinnert sich noch gut an die Ablehnungshaltung der Autofahrer gegenüber dem Gurt. Trotz der 1976 eingeführten Gurtpflicht galt Anschnallen mitunter bis in die 80er-Jahre hinein als spießig.

Bis heute ist es Ferdinand Hagenbachs Mission, durch Aufklärungsarbeit den Straßenverkehr sicherer zu machen. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Verkehrswacht geht der 71-Jährige in die Schulen, um jungen Fahrern unter anderem die Wucht des Aufpralls zu verdeutlichen. Genauso besucht Hagenbach aber auch Altenclubs und sensibilisiert dort die Senioren für die Gefahren im Straßenverkehr. „Schon bei einem Aufprall mit 20 Stundenkilometern wirken Kräfte vom achtfachen Körpergewicht des Fahrers“, erklärt der pensionierte Polizist. Unzähligen jungen Leuten hat er gemeinsam mit seinen Kollegen von der Verkehrswacht die Bedeutung des Anschnallens mithilfe des sogenannten Gurtschlittens klargemacht. Darin wird ein Aufprall in Schrittgeschwindigkeit simuliert.

Der Griff zum Sicherheitsgurt – mittlerweile ist er für die meisten Fahrer zu einem Automatismus geworden. Doch das war längst nicht immer so. Als die Bundesregierung vor 35 Jahren das Anschnallen zur Pflicht gemacht hat, gab es heftigen Widerstand. „Viele Autofahrer haben sich gegen den Gurt gewehrt und die Anschnallpflicht einfach ignoriert“, erinnert sich Hagenbach. Er und seine Kollegen bei der Polizei redeten sich sprichwörtlich den Mund fusselig. „Mehr konnten wir nicht tun“, berichtet Hagenbach. Denn erst ab 1984 wurden „Gurtmuffel“ bestraft, bis dahin hatte die Missachtung der Anschnallpflicht keine Konsequenzen.

Männer wehrten sich gegen das Anschnallen, weil sie meinten, es nehme ihnen die Freiheit. „Mit dem Gurt fühle ich mich gefesselt“ – Sätze wie diesen hat Ferdinand Hagenbach zur Genüge gehört. Frauen wiederum sorgten sich um ihren Busen und legten den Sicherheitsgurt nicht an, weil sie negative Auswirkungen auf Form und Volumen fürchteten. Ferdinand Hagenbach hatte den notorischen „Gurtmuffeln“ damals viele schlimme Erfahrungen voraus, die ihm die Bedeutung des Anschnallens drastisch vor Augen führten. Als Polizist musste er nicht nur verheerende Unfälle vor Ort aufnehmen, immer wieder fuhren er und seine Kollegen auch nachts zu Familienangehörigen von Unfallopfern. „Eltern zu sagen, dass ihr Kind gestorben ist – das war für mich das Schlimmste am Polizeidienst“, sagt Hagenbach.

Merh lesen Sie in der FZ vom Freitag, 7. Januar

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