Frankenberg

Festnahme im Gerichtssaal

- Frankenberg (da). Eine Verhandlung vor dem Amtsgericht nahm eine unerwartete Wendung: Einer der beiden Angeklagten wurde von Polizisten abgeführt. Gegen den 32-Jährigen besteht nach Angaben von Annemarie Wied, Sprecherin der Marburger Staatsanwaltschaft, „dringender Tatverdacht“ wegen Veruntreuung und Betrugs.

Der in Hann. Münden lebende Mann war bis zu diesem Frühjahr Geschäftsführer eines Frankenberger Autohandels, dessen Besitzer im September Insolvenz angemeldet hat. Unternehmensberater Harald Althaus aus Dingelstädt hatte die Unterlagen des Geschäfts überprüft und die vermutlichen Betrügereien des Geschäftsführers festgestellt. Der 32-Jährige habe „im großen Stil“ Fahrzeuge gekauft und dafür Kredite bei Autobanken aufgenommen und Fahrzeugbriefe als Sicherheiten hinterlegt, erläuterte Althaus. Die Autos habe er – ohne Briefe – weiterverkauft, „insbesondere ins Ausland“. Die Papiere blieben bei den Banken und wurden nicht ausgelöst.

Brachten Käufer den Wagen zurück, weil sie den Fahrzeugbrief nicht bekamen, soll der 32-Jährige die Autos weiterverkauft, das Geld an die Erstkunden nicht zurückgezahlt haben. Zum Teil, sagte Altmann, habe der Mann Duplikate der Briefe beschafft. „Deshalb besteht der Verdacht des Betrugs im großen Stil.“ Seinen Chef und andere Leute aus dem Umfeld des Betriebs habe er „veralbert, sonst hätte er nicht so lange sein Unwesen treiben können“.

Etwa viereinhalb bis fünf Jahre war er als Geschäftsführer eines Autohandel in Frankenberg beschäftigt. Sein Chef ließ ihm offenbar alle Freiheiten. Die Anklage, die gestern vor dem Frankenberger Amtsgericht verhandelt wurden, könnte demnach die Spitze des Eisbergs sein. Der 32-Jährige saß gemeinsam mit seinem 47-jährigen, ehemaligen Chef auf der Anklagebank. Sie sollen im Herbst 2009 einen gebrauchten Audi A8 verkauft und dafür rund 28 000 Euro eerhalten, aber die Leasingraten des Vorbesitzers nicht abgelöst zu haben. Der neue Käufer erhielt deshalb erst nach Monaten die Fahrzeugpapiere.

Der 47-Jährige soll zudem einen VW Touran ohne Wagenpapiere und Zweitschlüssel verkauft, den Wagen aber beim Vorverkäufer nicht bezahlt haben. Erst Monate später händigte er die Papiere aus. Der Inhaber des inzwischen insolventen Betriebs, ein Deutscher türkischer Herkunft, belastete seinen langjährigen Geschäftsführer. „Ich habe ihm vertraut“, sagte der 47-Jährige. Schon im Oktober 2009 sei der Betrieb in finanziellen Schwierigkeiten gewesen – zu jenem Zeitpunkt wurde der Audi A8 verkauft, obwohl es nach Angaben des 47-Jährigen schon vorher Beschwerden von Kunden gegeben habe.

Auf die Fragen von Richterin Andrea Hülshorst und Rechtsreferendarin Herntrich, warum er seinen Geschäftsführer zu diesem Zeitpunkt noch freie Hand ließ, wich der 47-Jährige aus. Geschäfte mit Autohäusern in Rumänien sollten die finanzielle Schieflage beseitigen: „Über eine Million Euro sollten kommen“, sagte der Autohändler. Auch die Frage der Richterin, wo die dafür benötigten Autos herkommen sollten, konnte er nicht beantworten. Von August bis Dezember 2009 sind Rechnungen an das rumänische Autohaus in Höhe von 170 000 Euro gestellt worden. Mehr Licht ins Dunkel konnte auch die Aussage des 32-Jährigen, der nach eigenen Angaben BWL studiert, nicht bringen. Zu dem Fall mit dem VW Touran könne er nichts sagen, und den Audi A8 habe sein Chef verkauft. Der Kaufpreis sei aufs Firmenkonto überwiesen, aber von Lastschriften „aufgezehrt“ worden.

Mit Blick auf zahlreiche weitere Fälle sagte der 47-Jährige: „Da kommen noch mehrere Sachen raus.“

Der 32-Jährige wurde gestern von der Frankenberger Polizei vernommen und anschließend dem Haftrichter vorgeführt. Ob der Mann in Haft bleibt, stand bis Redaktionsschluss noch nicht fest. Das Verfahren gegen ihn und seinen früheren Chef wird unterbrochen, bis die Ermittlungen abgeschlossen sind.

Kommentare