Schüler mit historischem Gerät unterwegs

Frankenberg - ganz schön vermessen

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Frankenberg - Kleine Entdecker, große Forscher, Bastler und Tüftler - all das waren Edertalschüler gestern beimMathematik-Projekttag.

"Die Vermessung der Welt" ist ein Bestseller des Autoren Daniel Kehlmann und eines der meistverkauften deutschsprachigen Bücher der vergangenen Jahre. Der Mathematiker Carl Friedrich Gauß und der Naturforscher und Entdecker Alexander von Humboldt tauschen sich darin - rein fiktiv - miteinander aus und erleben die Forschungsmethoden des jeweils anderen.

Ein wenig wie diese beiden fühlten sich am Mittwoch einige Siebtklässler der Frankenberger Edertalschule. Mit Hilfe der Geometrie, die auch Gauß nutzte, um Niedersachsen zu vermessen, begaben sie sich in Frankenberg auf Entdeckungstour - fast wie der große Humboldt in Südamerika.

Lernen, dann umsetzen

Der Projekttag war eine Idee des Mathelehrers Bernhard Stark und des Doktoranden Jens Jesberg, selbst ehemaliger Stark-Schüler, von der Frankfurter Universität. "In der Schule haben die Kinder erst die Hintergründe wie etwa die Maßstabsberechnung erlernt", erläutert Jesberg das Vorgehen. Gestern durfte das Erlernte dann in die Realität umgesetzt werden: Die Schüler mussten etwa mit Hilfe von Peilungen die Maße der Liebfrauenkirche ausrechnen. Und der Doktorand war überrascht über die Genauigkeit der Ergebnisse, schließlich sind die Instrumente, die genutzt werden, selbst gebaut und alles andere als Präzisionswerkzeuge: "61,6 Meter", "59,6 Meter", "61,8 Meter" riefen die Schüler, die in Kleingruppen arbeiteten, über den Kirchhof - 60,4 Meter sind es in Wirklichkeit und damit grob der Mittelwert der gepeilten Daten. "Das ist auch Sinn und Zweck der Aufgabe, dass die Schüler merken, wofür man diese Methoden einsetzen kann und wofür nicht", erklärt Jesberg. Anschließend sollte die Entfernung vom Burgberg zum Kreiskrankenhaus gepeilt werden, "das wird hoffentlich noch um einiges ungenauer", sagt er.

Technik hinter Google Earth

Lehrer Bernhard Stark hingegen ist trotz der kleinen Mess-Ungenauigkeiten überzeugt von dem Experiment: "Da sehen die Schüler mal, was man so alles mit Geometrie machen kann". Überprüft werden sollen die Ergebnisse im Anschluss im Internet bei Google Earth.

Der Übergang vom Messinstrument der Aufklärung zur Technik von heute hat laut Stark ebenfalls einen didaktischen Sinn: "Es weiß doch kein Mensch mehr, wie Google Earth funktioniert oder warum mir mein Handy anzeigt, wenn ich um die Kirche gehe, wie lang der Weg ist" - die Zusammenhänge, die seit Jahrhunderten existierenden Techniken hinter modernen Anwendungen sollen den jungen Frankenberger Gymnasiasten vermittelt werden.

Die Nachwuchs-Vermesser waren einfach nur begeistert von dieser Art des Unterrichts - die Sonne und die frühsommerlichen Temperaturen taten ihr Übriges. "Das ist nicht so langweilig wie normaler Mathe-Unterricht", sind sich etwa Jeanne Honneff, Lara Vaupel und Anastasia Gavrilenko einig. Ganz sicher würden sie so etwas öfter machen wollen.

Auch Lehrer Stark hätte damit kein Problem: "Sonst fahren sie ja auch ins Theater oder ins Museum, ich habe da kein schlechtes Gewissen, wenn sie mal einen Tag Frankenberg vermessen", sagt er und lacht. Tatsächlich haben jedoch Tage wie dieser ein durchaus ernstes Anliegen, erklärt der Lehrer: "Das Problem ist, dass die Naturwissenschaften und auch Mathematik von den Schülern nicht positiv gesehen werden". Tage wie dieser sollen das ändern.

Daher sei schön zu sehen, wenn die jungen Menschen so viel Spaß wie an der Mathematik hätten.

Ein von vielen Mathe-Lehrern genutztes Mantra muss Bernhard Stark allerdings relativieren: "Das hier werden sie in ihrem späteren Leben ganz sicher nicht mehr brauchen."

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