Kafka-Biograf Reiner Stach berichtet über den Einfluss der Umwelt auf Kafkas Werk

Wer war Franz Kafka?

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Kafka-Biograf Reiner Stach sprach vor Schülern der Edertalschule über den Einfluss von Franz Kafkas Umwelt auf seine Werke.Foto: Marco Steber

Frankenberg - Wer war Franz Kafka? Eine Frage, mit der sich ganze Generationen von Schülern bereits befasst haben.

Kafka-Biograf Reiner Stach widmet sich dieser Frage ebenfalls bereits seit vielen Jahren und ganz so leicht wie vielleicht bei anderen Schriftstellern ist die Antwort nicht. Einen Eindruck vom persönlichen Umfeld des Literaten und dem Einfluss auf seine Texte verschafften sich die Schüler der zwölften Klassen der Edertalschule im Rahmen des „Literarischen Frühlings“.

Wer also war Kafka? Die Antwort „ein deutscher Schriftsteller“ ist insofern richtig, als dass Kafka seine Texte in deutscher Sprache verfasste - jedoch hatte er einen österreichischen, später sogar einen tschechischen Pass. Lange sei man der Meinung gewesen, dass Kafkas Leben gar nicht so interessant gewesen sei, sagt Stach. Und der Einfluss seiner Umwelt auf sein Schaffen falle zunächst nicht auf: „Er war Jude und das Wort Jude kommt nicht vor“, sagt Stach - ebenso wenig wie seine Heimatstadt Prag oder der Erste Weltkrieg. Heute habe sich die Einstellung geändert: „Die Frage der eigenen Identität wird zur Dauerfrage.“ In seinem Tagebuch klagt Kafka: Er sei ein Mensch ohne Wurzeln. Kafka wuchs in Prag auf, allerdings in kleinstädtischen Verhältnissen, denn fast alles spielte sich ausschließlich im Zentrum Prags ab. Prag sei zu jener Zeit fast ausschließlich deutsch gewesen, sagt Stach. Jedoch kamen in dieser Zeit zunehmend Tschechen vom Land in die Stadt. Kafka und seine Geschwister wuchsen somit zweisprachig auf. Die Eltern sprachen Deutsch, das Personal Tschechisch. Und auch bei der Schulwahl stellte sich für die Eltern die Frage: tschechisch oder deutsch - sie entschieden sich, ihren Sohn auf eine deutsche Schule zu schicken.

Die Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen wurden mit der Zeit immer größer und auch die Abneigung der Tschechen gegenüber den Juden nahm zu. Diese seien damals sehr konservativ gewesen. Als Kafka 14 Jahre alt war, versammelte sich eine tschechische Menschenmenge in Prag und begann damit, alles was deutsch war, zu zerstören - bis ihnen der Kaiser Einhalt gebot. Dies habe zu einem Identitätsproblem geführt, sagt Stach. Wie sollten sich Juden verhalten? Viele wählten den Weg der Anpassung. In dieser Zeit und nach den Vorfällen in Prag allerdings wurde die Bewegung des Zionismus stärker, die unter anderem erklärte, dass Juden nur in ihrem eigenen Land in Sicherheit leben könnten - „Für Kafka eine ernst zu nehmende Sache“, sagt Stach.

Die Frage nach der eigenen Identität sei von außen „aufgezwungen“ worden: „Es war eine rationale Reaktion auf die Bedrohung“, sagt Stach. Der Einfluss von Kafkas Umwelt auf seine Werke werde ebenfalls deutlich, betrachte man die Verknüpfungen zwischen sehr Altem und, zumindest für die damalige Zeit, sehr Neuem - wie etwa die Foltermaschine aus „In der Strafkolonie“. Zu Kafkas Zeit kamen neue technische Entwicklungen auf den Markt - Autos, Flugzeuge, das Kino. Zugleich jedoch lebte der Literat in einem „verstaubten Beamtenstaat“. Habe man einen Einblick, dann komme es einem nicht mehr wie ein Wunder vor, dass ein scheinbar so harmloser Versicherungsangestellter einen so scharfen Blick entwickelte.

Von Marco Steber

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