"Die Päpstin" in Hallenberg

Freilichtbühne feiert Premiere

Pompöse Kostüme, ein opulentes Bühnenbild und eine kontroverse Geschichte: Die Darsteller der Freilichtbühne lieferten eine eindrucksvolle Premiere von „Die Päpstin“ ab.Fotos: Armin Hennig

Hallenberg - Kontrovers und hochspannend: Die Hallenberger Freilichtbühne feierte Premiere mit "Die Päpstin".

So viel Publikumsinteresse wie beim Drama über die legendäre Nachfolgerin auf dem heiligen Stuhl gab es seit den Passionsspielen 2010 nicht mehr bei der Freilichtbühne in Hallenberg. Die kontroverse Geschichte der Päpstin zieht und amüsiert das Publikum.

Und dieses hält sich mit seiner Begeisterung nicht zurück, als die medizinisch überaus versierte Päpstin Johanna (Manuela Winter) den unter Schock stehenden Befehlshaber ihrer Garde (Lukas Schöttler) nach dem Kentern ihres Kahns mittels Körperwärme zurück ins Leben holen will und dabei eine Verbindung eingeht, die neues Leben und ihr Ende mit sich bringen wird.

Auf der Linie von Franziskus

Die Figur der Päpstin, die als Johannes Angelus zum Nachfolger von Papst Leo gewählt wurde, ist zwar historisch mehr als umstritten, Kirchenkritik im eigentlichen Sinne enthält die Produktion allerdings nicht. Vielmehr steht das Handeln von Johanna im Mittelpunkt, die ihr Wunsch nach Wissen und Bildung zunächst von einer Notlage in die nächste bringt – für alles, was heutzutage als gut und richtig gilt. Und gerade ihr Einsatz für die Armen und für eine Kirche, die sich um die Menschen kümmert und nicht mit sich selbst beschäftigt ist, liegt ganz auf der Linie von Papst Franziskus. Insofern stehen ihre Gegner für sämtliche nur erdenklichen Laster – für jene, die schon vor über 1000 Jahren kritisiert wurden, wie Ämterkauf und Nepotismus im frühmittelalterlichen Rom, aber eben auch für nach wie vor bestehende Frauenverachtung.

In die Inszenierung der mehr als 1000 Jahre zurückliegenden Handlung am Rhein spielt auch viel Gegenwart hinein, nicht nur in Form der feministischen Sichtweise, sondern gerade bei der Gestaltung der religiösen Eiferer. Als Fundamentalisten unterscheiden sich die Männer des Buches von heute kaum von denen von einst.

Diesen Eindruck erweckt jedenfalls Helmut Mauses Darstellung des Priesters, der seine Frau schon für ein nicht mehr akkurat sitzendes Kopftuch züchtigt und bei Widerspruch erst recht keine Gnade kennt. Der eigene Vater ist in der ersten Hälfte der größte und mächtigste Gegenspieler Johannas.Der Priester ist alles andere als glücklich, als ihm die kräuterkundige Hebamme als drittes Kind eine Tochter präsentiert. Ein Geschöpfchen, das alles wissen will – und damit deutlich mehr, als einer Frau zukommt. Die Frage nach dem Preis des Wissens stellt die kleine Johanna (Tizia Cappel) ihrer Mutter bei erster Gelegenheit. Das Mädchen würde sogar, wie einst Wotan am Quell des Wissens, ein Auge opfern. Der Patriarch aus dem Gruselkabinett, der die ihm suspekte Hebamme der Hexenprobe mit vorhersehbarem tödlichen Ausgang unterzieht, gibt dem Wissensdurst seiner Tochter die Schuld am Tod seines Ältesten Sohnes Matthias, weil der seiner Schwester gegen den Willen Gottes Lesen und Schreiben beigebracht hatte.

Damit sind die Fronten früh geklärt und die inzwischen herangewachsene Johanna (Antje Rosenbaum), die vom Gelehrten Aeskulapius (Georg Glade) aufgrund ihrer raschen Auffassungsgabe unterrichtet wird, begreift schnell die Gesetze der Kausalität. Auf ihrem abenteuerlichen Weg nach Rom, in dessen Verlauf sie die Identität ihres von den Normannen getöteten Bruders Johannes an- und dessen Platz im Kloster Fulda übernimmt, muss Johanna mehr als einmal die Lektion vom richtigen Umgang mit ihrem Wissen und der Wahrheit lernen.

Diese Lektionen erhält der junge Anastasius, der in den Arkaden Roms dabei zusehen muss, wie sein beim Kaiser in Ungnade gefallener Onkel hinterrücks erstochen wird von seinem Vater und rückhaltlosen Förderer, der ihm alle Wege bahnt, ohne die geringste Mühe.

Spiel mit den Ebenen

Im ersten Akt verlegt Birgit Simmler die Handlungskapitel um den späteren Gegenpapst von Kaisers Gnaden auf eine höhere Ebene, während die ebenerdige Bühne mit mehr Nähe zum Publikum Johannas Revier bleibt. Die mittlere Ebene ist zum Beispiel der Liebeshandlung mit dem Grafen Gerold vorbehalten, der mit dem Kaiser nach Rom kommt, aber als Kommandant ihrer Leibwache bleibt, nachdem sie seiner männlich gedachten Aufforderung, ihm in ein neues Leben als Gräfin zu folgen, eine Absage erteilt hat.

Als Papst hat sie mehr Möglichkeiten anderen Menschen Gutes zu tun und im Verlauf des Stückes tut sie auch nichts Schlechtes, zieht nicht einmal ein Verhältnis mit Gerold in Betracht. Denn bis zum eingangs beschriebenen Bootsunglück hält sie sich an die Mahnung ihrer Mutter: „Wenn du glücklich sein willst, gib dich niemals einem Mann hin.“

Das Sagen hat die Päpstin trotz des gemeinsamen Glücks, ehe die Natur während einer Prozession ihr Schlusswort spricht. „Seine Heiligkeit hat ein Kind, es ist ein Mädchen!“, lauten die letzten Worte des Stücks. Damit schließt sich ein Kreis, hatte doch das medizinische Phänomen Johannes Angelus seinen Platz als Leibarzt von Papst Sergius II. (Hartwig Siepe) mit der Bemerkung begonnen „Der Papst bekommt ein Kind“, als man zwecks Entlarvung dem vermeintlichen Scharlatan die Urinprobe einer schwangeren Magd unterschob. In Hallenberg gibt es noch bis zum 7. September Gelegenheit, sich ein Bild der eindrucksvollen Inszenierung Birgit Simmlers zu machen. (ahi)

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