Arbeit auf dem Archehof in Rengershausen

Ein freiwilliges Jahr mit seltenen Tieren

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Jennifer Schäfer arbeitet ein Jahr auf dem Rengershäuser Archehof und gewinnt dabei die bedrohten Tierrassen lieb. Mit den Kärntner Brillenschafen kuschelt und tobt die 20-Jährige sehr gerne.Foto: Gerd Faust

Frankenberg-Rengershausen - Mit dem Auto durch jedes Gelände fahren, mit seltenen Schafen kuscheln und dabei mehr Selbstvertrauen lernen: Jennifer Schäfer hat ein Jahr auf dem Rengershäuser Archehof gearbeitet und dabei viele Erfahrungen gesammelt.

Die 20-jährige Jennifer Schäfer aus Hünstetten leistet derzeit ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) auf dem Rengershäuser Archehof. Kurz vor dem Abschluss zieht sie Bilanz.

Was hat dich bewogen, Wiesbaden zu verlassen und ein Jahr lang in der abgelegenen nordhessischen Gemeinde Rengershausen zu arbeiten?

Ich hatte mir überlegt, ein FÖJ zu leisten. Da gab es Möglichkeiten in verschiedenen Bereichen; ich hatte mich für den Bauernhof und für die Landwirtschaft entschieden, denn ich wollte mit Tieren arbeiten. Gleichzeitig wollte ich mal relativ weit weg sein von meinen Eltern, um selbständiger zu werden. Als ich nach Rengershausen kam, war mein erster Eindruck, dass es hier recht ländlich ist. Das finde ich sehr schön.

Was macht ein FÖJ aus und wie bist du dazu gekommen?

Ich hatte zunächst eine Sozialassistentenausbildung begonnen und kannte bereits das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ). In diesem Zusammenhang erfuhr ich vom FÖJ. Das FÖJ will Möglichkeiten bieten, Einblicke in das Berufsleben zu bekommen, sich selbst weiterbilden zu können, sowohl im praktischen Bereich des Berufsalltags, als auch auf Seminaren, die der Reflexion und der Vertiefung dienen. Schließlich soll es eine Möglichkeit sein, herauszufinden, ob das entsprechende Berufsbild eine Perspektive für die eigene Lebensgestaltung sein kann. Am Ende des FÖJ bekommen die Freiwilligen ein Zertifikat ausgestellt, in dem die Weiterbildungen in den Seminaren, aber auch die eigenen Erfahrungen dargestellt sind. Dabei spielen die eigenen Erfahrungen die wichtigste Rolle.

Bei den Weiterbildungen triffst Du auch andere Leute in Deinem Alter, die ähnliche Erfahrungen in ihren Betrieben machen. Wie ordnest du - im Vergleich - deine eigenen Erfahrungen ein; was ist die Besonderheit deines Betriebes?

Andere absolvieren ihr FÖJ in verschiedenartigen Einrichtungen, wie zum Beispiel in botanischen Gärten, auf Höfen mit Behinderten, in Tierparks und in Reitställen. In Frankenberg absolvieren derzeit noch zwei junge Männer ihr FÖJ im Forstamt. Ich finde meinen Betrieb interessant wegen der bedrohten Nutztierrassen: Dülmener Pferde, Kärntner Brillen- und bretonische Ouessantschafe, Rotes Höhenvieh und Weiße Parkrinder, Ayam Cemani-Hühner. Dabei erfahre ich vieles über die theoretischen Hintergründe von Erhaltungszuchten von Pfarrer Uwe Hesse, auch über die Eigenarten der verschiedenen Nutztierrassen und ihre - teils sehr alten - Zuchtentwicklungen. Ich mag diese Tiere in ihrer Vielfalt, in ihrer Besonderheit; Kühe mit riesigen Hörnern etwa, wie man sie in anderen Betrieben gar nicht sehen kann. Oder die Dülmener Pferde mit ihrem dunklen Aalstrich über dem Rücken und den Zebrastreifen an den Beinen. Die Ouessantschafe, die nur wenig größer sind als große Kaninchen und die Brillenschafe mit ihren langen Schlappohren.

Was hast du in diesem Jahr, das bald abgeschlossen ist, gelernt, was etwa die Landwirtschaft, das Zusammenarbeiten mit Mitarbeitern, den Umgang mit Menschen betrifft?

Ich habe vor allem gelernt, dass ich sehr viel erreichen kann, auch da, wo ich gedacht hatte, das klappt nicht: Trecker fahren, Ballen fahren. Ich habe aber auch gelernt, die Tiere auf keinen Fall zu unterschätzen. Und was Menschen betrifft: Geduld aufzubringen. Etwa mit den Menschen, die bei der Familie Müller in der Familienpflege leben. Und: Mit dem Auto durch jedes Gelände zu fahren, sich auf Menschen individuell einzustellen und das viel intensiver zu tun, als zuvor in meinem Leben.

Was hat sich in den zehneinhalb Monaten ereignet? Wie bringst du deine Erwartungen, die du am Anfang hattest, mit den Realitäten des Lebens auf dem Archehof in Einklang? Haben sich deine Anschauungen uns Perspektiven in dieser Zeit geändert?

Es hat sich viel ereignet. Ich habe alles auf mich zukommen lassen und gesehen, wie es wird. Dabei habe ich die Realität kennen gelernt. Ich habe mir im Verlauf der Monate immer mehr zugetraut. Es hat sich für mich bestätigt, dass ich Tiere mag; ich hätte gern das ganze Haus voll davon und würde gern mit Tieren arbeiten. Aber das wird wohl nicht mein Beruf werden: Einen eigenen Betrieb aufzubauen wäre finanziell unrealistisch und in anderen Betrieben mitzuarbeiten ist nicht mein Wunsch. Ich werde erst einmal meine begonnene Sozialassistentenausbildung abschließen.

Solltest du noch einmal vor der Wahl stehen, würdest du dich noch mal für ein FÖJ entscheiden und es wieder hier beginnen?

Ich muss sagen, dass hier jetzt mein Lebensmittelpunkt ist, wo sich Positives und Negatives ereignet hat. Ich kann deshalb nicht mehr so unbefangen auf diese Frage antworten, wie noch vor einem Jahr. Dennoch: Wenn ich erneut vor der Entscheidung stünde, würde ich mich wieder für ein FÖJ und für den Rengershäuser Archehof entscheiden.

Im Rahmen des FÖJ wird auch Projektarbeit geleistet. Für welches Projekt hast du dich entschieden?

Ich habe mich dafür entschieden, den Rengershäuser Pfarrgarten im Sinne einer noch größeren Artenvielfalt zu gestalten: Durch die Anbringung weiterer Nisthilfen für Vögel und für Fledermäuse, aber auch den Entwurf und das Aufstellen eines neuen Insektenhotels für Solitärbienen. Diese Arbeiten werden dann beschrieben und mit Bildmaterial dokumentiert; am Ende wird ein Projektordner erstellt und eingereicht.

Welche Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Freiwilligen Ökologischen Jahr werden in deinem weiteren Leben von Bedeutung sein?

Zu lernen, geduldig zu sein; Geduld einzuüben. Oder um es mit der Empfehlung von Pfarrer Uwe Hesse auszudrücken: „Immer die Contenance wahren.“ Und ich möchte die Einrichtung des Freiwilligen Ökologischen Jahres und des Feiwilligen Sozialen Jahres weiterempfehlen an andere Jugendliche: Es ist zwar nur ein Jahr, aber es hilft zur Orientierung für das weitere Leben. Darüber hinaus lernt man viele gleich gesinnte junge Menschen aus ganz Deutschland kennen. Durch den Austausch auf den Seminaren können sich neue Perspektiven eröffnen. (gf)

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