LKA-Kriminalbiologe Harald Schneider referiert an Edertalschule

"Früher oder später kriegen wir sie alle"

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Bei eineiigen Zwillingen stoßen Kriminalbiologen an ihre Grenzen – noch. Dr. Harald Schneider geht davon aus, dass in wenigen Jahren Unterschiede in der DNA gefunden werden.Foto: Patricia Kutsch

Frankenberg - Zwillinge mit DNA-Analysen überführen und ein Phantombild aus mikrobiologischen Spuren am Tatort erstellen - so stellt sich der Kriminalbiologe Dr. Harald Schneider die Zukunft der technischen Möglichkeiten in der kriminaltechnischen Untersuchung vor.

Für das hessische Landeskriminalamt löst der Molekularbiologe Dr. Harald Schneider seit den 90er-Jahren Mordfälle. Mit seinem Team aus mittlerweile 64 Mitarbeitern untersucht er Spuren von Tatorten und Leichen, um der Polizei bei der Tätersuche zu helfen. Regelmäßig tauscht er jedoch sein Labor und seinen Schreibtisch gegen Mikrofon und Leinwand ein. Gestern hat der Battenberger wieder für Biologie-Schüler der Edertalschule einen Vortrag über den genetischen Fingerabdruck gehalten und wie dieser in der Praxis genutzt wird.

„Ich weiß nicht, ob alle gleich noch genüsslich an ihren Butterbroten kauen werden“, kündigte Schulleiter Stefan Hermes den Gast an. Denn Schneider zeigte auch einige Bilder aus realen Mordfällen, während er erklärte, wie die Mörder mithilfe von DNA-Analysen gefunden wurden. So konnte sein Team einen Serienmörder überführen, der vier Frauen in Hessen und Nordrhein-Westfalen umgebracht hatte. Am Seil, mit dem die Frauen erdrosselt wurden, fanden die Biologen Hautschuppen. Das Handy des vierten Opfers hatte der Täter aus Haiger übrigens bei Frankenberg entsorgt.

Wichtig ist für die Arbeit von Schneider auch eine DNA-Datenbank. Derzeit sind etwa 1,1 Millionen DNA-Muster in dieser deutschen Datenbank: 800000 DNA-Muster von bereits verurteilten Menschen und rund 200000 Tatortspuren. Neue Tatortspuren gleichen Ermittler mit der Datenbank ab – auch im Austausch mit zahlreichen anderen Ländern. Mittlerweile gebe es 1500 Treffer im Monat.

Schneider betonte in seinem Vortrag aber auch, dass DNA-Analysen vor allem wichtig seien, um Tatverdächtige zu entlasten. 1993 ist ein Mädchen aus dem Schlafzimmer seiner Eltern entführt worden, wenige Meter vom Haus entfernt wurde es vergewaltigt und getötet. Der Vater habe unter Tatverdacht gestanden. „Sie können sich vielleicht vorstellen, was das für eine Familie bedeutet“, sagte Schneider. DNA vom Tatort entlastete den Vater vom schweren Vorwurf. Das LKA machte dann das erste erfolgreiche Massenscreening weltweit: 1899 Personen gaben DNA-Proben – auch der Mörder.

Schneider erklärte den Abiturienten, dass jeder ständig überall Hautschuppen hinterlässt. Deswegen sprechen Tatorte – wenn man sie zu lesen weis. „Aber unsere Täter lernen“, sagte der Biologe. „Das liegt an diesen unsäglichen CSI-Serien.“ Zigarettenkippen etwa finden sich immer seltener an Tatorten. Dafür werde aber die Technik der Kriminalbiologen immer empfindlicher. „Früher oder später kriegen wir sie alle.“

„Später“ wird es manchmal um einige Jahre: Schneider und sein Team haben sich auf alte Fälle konzentriert. Einer ihrer ersten großen Erfolge: 2001 überführten sie einen Mann, der 1989 eine Frau ermordet hat – sechs Monate zuvor ist der Täter als „geheilt“ aus der Psychiatrie in Haina entlassen worden. Aufgeklärt haben die Kriminalbiologen auch einen Mord von 1972. „Ungelöste Altfälle sind nicht nur für die Polizei dramatisch. Denn die Angehörigen leiden zeitlebens“, erklärte Schneider. Eine Frau habe jedes Jahr eine Todesanzeige für ihre ermordete Mutter geschaltet – und sei erleichtert gewesen, als das Team von Schneider Jahre später den Mörder ihrer Mutter fand. Schneider geht davon aus, dass die genetische Analyse in den nächsten Jahren einige Sprünge machen werde: Bisher können die Biologen bei eineiigen Zwillingen nicht nachweisen, welcher am Tatort war. „Ich schätze, dass können wir in ein bis zwei Jahren feststellen.“

Mittlerweile gibt es neue Lichttechniken, mit denen die Ermittler die Tatorte untersuchen. „Wir können auch schon Tatorte in 3D aufnehmen und so jederzeit wieder anschauen, als wären wir dort.“ Wie lange eine Hautschuppe schon am Tatort ist und ob sie tatrelevant ist, da kommen die Biologen an ihre Grenzen. Allerdings geht Schneider davon aus, dass vielleicht in vier bis sechs Jahren DNA an Standard-Tatorten – etwa bei einem Einbruch – wie ein Buch gelesen und direkt vor Ort analysiert werden kann. Derzeit ist die Analyse noch aufwendig und sehr teuer. Bald könnten Ermittler schon vorläufige DNA-Profile mit einer Smartphone-App erstellen. „Bald werden wir über die DNA auch etwa über Alter, Krankheiten, ethnische Herkunft, Größe und Haarfarbe der Menschen sagen können“, erklärte Schneider. Bisher könne aus der DNA nur die Erbinformation für rote Haare und blaue Augen herausgelesen werden. Die Erstellung eines Phantombilds anhand der DNA sei in Deutschland aber verboten, selbst wenn sie technisch schon möglich wäre – im Gegensatz zu den Nachbarländern.

Schneider hofft, mit seinem Vortrag einige Schüler für die Biologie begeistert zu haben. Er betonte aber „mein Job ist kein Spaß. Man muss häufig an abartige Tatorte, um die Situation zu erfassen und an den richtigen Stellen nach Spuren zu suchen.“

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