Theater in Frankenberg

Gefangen im mörderischen Kosmos

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Permanent am Rühren oder Schnippeln die fünf Küchenkräfte: Martin Maecker, Uta Eisold, Ronja Losert, Sven Mattke und Tobias M. Walter (von links). Weil das Hessische Landestheater bei der Frankenberger Vorführung keine Fotos erlaubte, stammt dieses Bild a

Frankenberg - Mit Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“ gastierte das Landestheater Marburg zum zweiten mal in dieser Spielzeit des Kulturrings in der Ederberglandhalle. Das Drama zog nicht so viele Zuschauer wie Gogols Revisor, aber das Publikum kam auf seine Kosten.

Gerhard Gluth-Goldmann hatte Schimmelpfennigs Stück zu einem dramatischen Puzzlespiel um zwei vermeidbare Todesfälle in Szene gesetzt. Fünf Schauspieler in permanenter Bewegung auf der Bühne und zwischen Rollen, in 48 knapp verdichteten Szenen. Dramatische Mosaiksteinchen, die erst nach und nach einen Sinn ergeben und sich überkreuzen, während im selben Haus und in derselben Nacht zwei Menschen zu Tode kommen, die einander gesucht haben und sich nie finden sollten.

Der letzte Arbeitsgang der auf vier Mitglieder geschrumpften Küchencrew Goldenen Drachen ist die Beseitigung der Leiche ihres mit Bordmitteln zu Tode kurierten Kollegen, dessen kranker Zahn in Suppe Nummer sechs abgetaucht ist. Denn ein Illegaler kann nun mal nicht zum Zahnarzt gehen. Dieses Wissen ist anscheinend der Aufhänger des Dramas um den „Kleinen“. Mit einem lauten Aufschrei zu Beginn fällt das mittlere Mitglied der Rühr- und Schnippel-Formation in der knapp bemessenen Küche des Thai-China-Imbisses „Der goldene Drache“ mehr als unangenehm auf.

Nicht nur der Gäste wegen - die anderen lang gedienten Mitglieder des Küchenteams müssen ebenfalls um ihren Aufenthalt in Deutschland bangen. Die ersten Erklärungen als Erzähler übernimmt der „junge Mann“, der in der nächsten Szene als Großvater in Erscheinung tritt, als ihn seine 19-jährige Enkelin besucht, die von der „Frau über sechzig“ gespielt wird. Tobias M. Walter und Uta Eisold sind nicht nur in dieser Szene ebenso gegen den Augenschein besetzt, ebenso wie Martin Maecker und Sven Matke, die kurz darauf die Küchenzeile hinter sich lassen, um als Flugbegleiterinnen eben jene Suppe Nummer sechs zu ordern, in der jener kariöse Zahn mit serviert wird, der den „Kleinen“, der nach Deutschland aufgebrochen ist, um seine Schwester zu finden, letztendlich das Leben kosten wird.

Der „Kleine“ ist mit der jungen Schauspielerin Ronja Losert besetzt, die nicht nur den Part des Opfers in einer krassen Operation mit der Rohrzange übernimmt, sondern fungiert in der Parallelhandlung als frustrierter und sturzbesoffenere Mann mit dem gestreiften Hemd, der am Ende ihres Leidenswegs durch die männlichen Bewohner des Hauses die Schwester des „Kleinen“ auf dem Gewissen hat.

Diese zweite noch tragischere Geschichte von Ausbeutung und Tod, überkreuzt sich mit der dramatisch-tragikomischen Zahnoperation im Zentrum des Dramas und beginnt vergleichsweise harmlos als Rezitation von La Fontaines Fabel von der Grille und der Ameise durch Uta Eisold. Im weiteren Verlauf wird aus der Fabel die Realität jenes Miet- und Geschäftshauses, in dem nicht nur der China-Thai-Imbiss seinen Standort hat. In den Etagen darüber wohnen die beiden Stewardessen, der Großvater, seine schwangere Enkelin und ihr darüber erboster Freund oder der sitzen gelassene Mann mit dem gestreiften Hemd. Und noch ein weiterer Stammkunde, der sich im weiteren Verlauf als Ameise entpuppt, die mit den Tanz- und Sangeskünsten der Grille nichts anfangen kann, dafür andere lukrative Tätigkeitsfelder für das Geschöpf ausgemacht hat.

Dabei gerät die Grille an den Großvater, der einmal mehr die Erfahrung macht, dass es mit seiner Männlichkeit nicht mehr weit her ist; den Freund der Enkelin, der seinen Frust über die ungewollte Schwangerschaft brutal an der Mietbraut abreagiert und zuletzt am vermeintlich sicheren Ort an ihren Mörder. Als „Mann im gestreiften Hemd“ setzt sich Ronja Losert ziemlich Brutal auf den Rücken der Grille (Tobias M. Walter) und bricht ihr das Rückgrat.

Die Rollenvielfalt in diesem dramatischen Mosaik, das sich erst zuletzt zum Panorama rundet, sorgt dafür, dass jeder Schauspieler Täter- und Opferrollen übernimmt. Gerade im Handlungsstrang um die Grille werden frühe Momentaufnahmen zu Motiven.

Gerald Gluth-Goldmanns Inszenierung setzt nicht nur beim Untergang der Grille auf mehr anschauliche Dramatik als Maik Priebes Produktion vom Sommer 2010, die größeren Wert auf Nuancen bei der Textausdeutung gelegt hatte. Gerhard Schimmelpfennigs zum „Drama des Jahres“ (2010) gekürtes Stück verträgt beide Vorgehensweisen, und ein wenig ist es Geschmackssache, ob man den inneren Bildern oder viel sichtbarer Bühnenhandlung den Vorrang gibt. Spannend ist dieses dramatische Puzzle allemal.

von Armin Hennig

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