Frankenau

Georg Schutte betreibt eine Schäferei mit 300 Heidschnucken

- Lebensräume wie die Heide sind durch Beweidung entstanden. Sie können nur auf dieselbe Art erhalten werden. Die Heid­schnucken haben daher einen Sonderstatus in der Landschaftspflege.

Frankenau. Die Böckchen sind nervös. Die Jährlinge finden es gar nicht lustig, dass sie ihren Stall verlassen sollen. Aber die elfjährige Hündin Babse hat die kleine Herde im Griff. Ganz allein und in aller Ruhe treibt sie die Heidschnucken herum, zieht große Kreise um den Pulk. Wenige Worte von Schäfer Georg Schutte reichen dem erfahrenen Hütehund, um zu verstehen, wohin sie die Herde treiben soll. Dicht aneinandergedrängt flitzen die schwarzgrauen Heidschnucken über die große Wiese. Es dauert drei Minuten, und Babse und Georg Schutte haben die kleine Herde da, wo sie sein soll. Georg Schutte ist Schäfer mit Leib und Seele. Aber er ist auch Naturschützer – nicht nur aus Ideologie, sondern studierter Naturschützer: Er war einer der Ersten, der ein Biologie-Diplomstudium mit dem Hauptfach Naturschutz absolvierte. Naturschutz am Schreibtisch – das war zu unbefriedigend für Georg Schutte. Alles dauerte ihm zu lange, Projekte wurden immer wieder hinausgeschoben. Schutte wollte Ergebnisse, er wollte etwas verändern. „Ich habe mehr davon, wenn ich sehe, dass meine Arbeit etwas bewirkt, zum Beispiel dass nach der Beweidung irgendwo der Enzian wiederkommt“, sagt der Schäfer nachdenklich. Naturschutz ist für ihn kein Spaß, kein Hobby. „Wir müssen ran“, sagt er, „um zu verhindern, dass jeden Tag Arten aussterben!“

Bei Schuttes Herde geht es nicht um die Lammmast, das Schnuckenfleisch ist für ihn nur ein Nebenverdienst, denn vom Fleisch- und Fellverkauf könnte er seine Familie nicht ernähren. Dafür ist das magere, wildähnliche Bio-Schnuckenfleisch in der Region noch zu wenig gefragt – auch wenn sich aktuell ein Hotel mit regionaler Küche als möglicher künftiger Geschäftspartner abzeichnet. Schutte lebt in erster Linie von Aufträgen für Naturschutzflächen, die er mit seiner Herde beweidet (siehe Kasten). Die Heidschnucken schaffen und erhalten seltene Landschaftsformen wie Magerrasen und Heideflächen, indem sie bestimmte Pflanzen abfressen. „Lebensräume, die durch Beweidung entstanden sind, kann man nicht durch Mähen erhalten“, erläutert der Schäfer. Und wo vor drei Jahren noch alles zugewachsen war, wachsen nach regelmäßigem Besuch der grauen Heidschnucken heute wieder Orchideen. Auch dem Enzian wird dank der Schafe wieder ein Lebensraum ermöglicht. Ein Beispiel dafür ist der Mittelberg bei Frankenau. Dort hat er die Tiere im Winter zum ersten Mal gehütet, „sie haben schon ordentlich gekratzt, einiges Gebüsch ist schon weg“. In den nächsten Monaten, da ist der Diplom-Biologe überzeugt, wird sich die Heide dort schnell wieder entwickeln. Damit dies bestmöglich geschieht, muss Schutte den richtigen Zeitpunkt abpassen und darauf achten, was seine Schafe wo abfressen, denn es sollen auch noch genügend Pflanzen blühen können, beispielsweise für Schmetterlinge. Auch wenn er für die Pflege der Naturschutzgebiete bezahlt wird – mit nur 300 Tieren ist es dennoch schwer, wirtschaftlich zu arbeiten, sagt Georg Schutte, der von Freunden „Schnuckenschorsch“ genannt wird. Deshalb plant er, seine Herde auf 500 Tiere zu vergrößern – und das, obwohl schon 300 Schafe viel Arbeit machen. Zur täglichen Pflege und Betreuung der Herde kommt viel Bürokratie hinzu, sagt Schutte. Und Vorschriften: So muss der Schäfer aus der Struthmühle seine Schnucken gegen die Blauzungenkrankheit impfen, obwohl nicht eines seiner Tiere erkrankt war. Andere Schäfer verzeichneten große Verluste bei Muttertieren und Lämmern. „Die Rasse ist einfach sehr robust“, erklärt er sich das. Allerdings sei es biologisch verkehrt, zu impfen, wenn es keinen Anlass dazu gibt. Ihm wäre es deshalb lieber, jeder Schäfer könnte selbst entscheiden, ob er impft. Georg Schutte und seine Frau Julia haben eine gemeinsame Tochter. „Lotte ist fünf und hat noch nie das Meer gesehen“, erzählt der „Schnuckenschorsch“. Ein gemeinsamer Urlaub war bisher nicht möglich, denn die Schnucken machen viel Arbeit und gute Leute, denen er die ganze Herde ein paar Tage lang anvertrauen kann, sind nicht nur rar, sondern auch teuer. Und das Problem, das Schutte von seiner Zeit am Schreibtisch kennt, betrifft ihn jetzt von der anderen Seite: Die Mühlen der Verwaltungen mahlen langsam. Entscheidungen verzögern sich, Aufträge werden später vergeben, andere Pläne werden überhaupt nicht umgesetzt. Seit langem wartet Schutte darauf, dass das Naturschutzgroßprojekt in die Umsetzungsphase kommt. Für den 26. August war die Bewilligung der Gelder angekündigt – doch die Haushaltsberatungen dauerten länger, der Bescheid ist noch immer nicht da. „Und wieder heißt es: Warten.“ Um sich ein weiteres Standbein zu schaffen, will er irgendwann „Urlaub in der Schäferei“ anbieten. Die Idee ist schon recht ausgereift: Ferien im Schäferwagen an der Struthmühle, gedacht für Menschen, die die Ruhe und die vielfältige Natur schätzen. „Der Schwarzstorch und Kolkraben sind hier zu Hause“, erläutert der Biologe, „und hier gibt es Schmetterlinge, die nicht mal ich kenne.“Doch auch weiterhin wird der „Schnuckenschorsch“ mit Babse und den beiden anderen Hunden seine Schafe hüten, auf die Behörden warten und versuchen, ein Stück alter Kulturlandschaft zu erhalten.

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