Frankenberg

Gerichtsverhandlung wie im Fernsehen

- Frankenberg (apa). Es ging zu wie in einer Fernsehshow: Zuschauer wurden kurzerhand als Zeugen aufgerufen, die Richterin musste das Publikum um Ruhe bitten, und ein Freund des Angeklagten erklärte ungefragt, dass dieser niemals so etwas tun würde.

Ein 47-Jähriger stand wegen vorsätzlicher Körperverletzung, gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Beleidigung gestern vor dem Frankenberger Amtsgericht. Dem Mann, der sich aktuell in der Justizvollzugsanstalt in Kassel befindet, soll einen Jungen gewürgt haben, einen Dorn (ein spitzes Werkzeug) nach dessen Schwester geworfen und außerdem einen 54-Jährigen bedroht haben. Außerdem hatte er mit einem Alkoholspiegel von 2,77 Promille auf der Polizeistation randaliert und die Beamten beleidigt und bedroht. Den letzten Vorwurf räumte er vor Gericht ein.

Zu den drei anderen Vorwürfen gab der 47-Jährige an, sich an nichts zu erinnern, erklärte dann aber auf genauere Nachfragen der Richterin, sich an verschiedene Situationen zu erinnern – unter anderem an eine, als „jede Menge Blagen“ in der Wohnung seiner Frau in Frankenberg gewesen seien. Mittlerweile lebt er von ihr getrennt. Den Dorn trage er immer bei sich, um sich wehren zu können, nachdem er brutal zusammengeschlagen und ausgeraubt worden sei. Er nannte die beiden Zeugen als mögliche Täter.

Die Staatsanwaltschaft bot an, es bei neun Monaten Haftstrafe bewenden zu lassen, falls er gestehe und den beiden betroffenen Kindern die Aussage erspare. Nach der Schilderung der Staatsanwaltschaft, wie er das Mädchen mit dem Werkzeug beworfen haben soll, sagte er zuerst: „Wenn sie das sagt, dann war das so“, schickte dann aber hinterher: „Vielleicht hat ihr Vater ihr das eingetrichtert“. Dann sagte er: „Ich geb’s zu, dann hab ich meine Ruhe.“ Das wollte der Vertreter der Staatsanwaltschaft nicht hinnehmen und fragte nach: „Können Sie sich daran erinnern?“, woraufhin der Angeklagte mit „Nee!“ antwortete. Lediglich an einen Nachmittag mit spielenden Kindern erinnere er sich, die Sache mit dem Jungen, den er gewürgt haben soll, sei etwa im Jahr 2006 geschehen. Später sagte er, es habe auch 2007 sein können. Oder auch 2008 oder 2009. Auf die Frage des Staatsanwaltes, ob es nicht doch 2010 war, gab er keine eindeutige Antwort. Der Angeklagte betonte jedoch, dass er keinesfalls den Dorn nach dem Kind geworfen habe. Damit war das Angebot der Staatsanwaltschaft ausgeschlagen und auch die Kinder mussten aussagen.

Der Zehnjährige berichtete, er sei zu Besuch bei der Tochter des Angeklagten gewesen. Dort habe er zweimal „Hi“ zu dem Mann gesagt, der dann aufgestanden sei und ihn gewürgt habe. Nach diesem Vorfall hatte der Vater des Jungen mit der Mutter des Angeklagten telefoniert. Er habe aufgrund dieses Gespräches darauf verzichtet, eine Anzeige bei der Polizei zu erstatten, sagte der Vater der Kinder vor Gericht aus. Er betonte außerdem, der Angeklagte habe bereits mehrfach Drohungen ausgesprochen, allerdings habe auch er selbst dem 47-Jährigen gedroht. Im September 2010 soll es zu dem zweiten Vorfall gekommen sein: Der Angeklagte soll dabei den Dorn an den Kopf der Elfjährigen geworfen haben, die ebenfalls mit der Tochter des Angeklagten und einigen anderen Kindern gespielt habe. Auch ihr jüngerer Bruder war dabei. Er sagte aus, der Angeklagte habe das Werkzeug geworfen, nachdem er selbst ihm zugerufen hatte: „Ruf dir ein Taxi und fahr nach Hause.“ Dies habe er gesagt, damit der Mann „nicht noch mal so was macht“, erläuterte der Junge vor Gericht. Nachdem das Mädchen am Kopf getroffen worden war, brachte es der Vater ins Krankenhaus.

Da sich im Laufe der Befragung weitere mögliche Zeugen ergaben, wurde die Verhandlung abgebrochen. Sie wird am 4. April fortgesetzt.

Mehr lesen Sie in der FZ vom Dienstag, 15. März

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