Margot Käßmann in Frankenberg

Gier und Selbstherrlichkeit begegnen

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Margot Käßmann sprach im Rahmen der Mitgliederversammlung der Frankenberger Bank in der Ederberglandhalle über christliche Werte – und stellte dabei das Vertrauen in den Mittelpunkt ihrer gut einstündigen Ausführungen.

Frankenberg - Was bedeuten Werte in Zeiten der Gier, der Egomanie? Viel - das bewies Margot Käßmann am Mittwoch vor knapp 800 gebannten Zuhörern.

Wie man rasch Menschen einfängt, weiß die ehemalige hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann: „Frankenberg, das ist ja nicht fern der alten Heimat. Ich wusste sogar noch, wo ich in Cölbe abbiegen muss“, sagt die gebürtige Marburgerin – und schon weiß sie die knapp 800 Zuhörer in der Ederberglandhalle auf ihrer Seite. Dort bleiben die Gäste für knapp anderthalb Stunden, denn Käßmann präsentiert sich als präzise Denkerin, offene Theologin, Verfechterin von Werten – klar, pointiert, mit einer Prise Humor versehen. Das kommt an im Publikum, das mehrfach lautstark applaudiert. Und es hallt nach, das wird in den Gesprächen in und rund um die Ederberglandhalle im Anschluss mehr als deutlich. Käßmann hat ihr Handwerk auch vier Jahre nach dem Rücktritt von allen kirchlichen Ämtern nicht verlernt.

Wie wenige andere gilt Margot Käßmann in Deutschland als moralische Instanz – nicht trotz, sondern wegen menschlicher Fehler. Zu denen stand sie stets. Und traut sich deshalb auch, das Thema „christliche Werte“ auf Einladung der Frankenberger Bank auf die Agenda zu heben. Zu denen bekennt sie sich – und hebt ihre Bedeutung auch in der heutigen Zeit hervor.

„In Europa spielen religiöse Werte kaum eine Rolle mehr“, merkt Käßmann an – nicht mit Bedauern in der Stimme, sondern mit einem Klang, als spräche sie über eine spannende Herausforderung. Europa unterscheide sich darin von allen anderen Kontinenten. Es dürfe darüber kein Lamento angestimmt werden, denn: „Viele im Land suchen Orientierung.“ Gerade vor dem Hintergrund der Bankenkrise, der Rettung von ganzen Volkswirtschaften, der schwelenden Krise in der Ukraine. Dass jedes Wochenende fünf Millionen Deutsche in die Kirche gingen – und nur 700000 in ein Fußballstadion – wertet sie als Beleg: „Viele glauben an Gott, aber nicht an die Institution Kirche“.

Zehn lebendige Gebote

Geschickt verknüpft die „Alt-Bischöfin“, wie sie sich selbst bezeichnet, christliche Lehre, gesellschaftlichen Diskurs und moralische Theorie miteinander. Ihr Ansatz: Die zehn Gebote. Das kann trocken sein – ist es aber nicht. „Du sollst Vater und Mutter ehren“: Ist das nicht ein Handlungsaufruf, wie wir mit den Alten und Kranken der Gesellschaft umgehen müssen?, fragte sie. „Du sollst nicht töten“: So kommt sie zur Nazi-Zelle NSU. „Diese kleine Mörderbande“ hat das Vertrauen zwischen den Menschen zerstört, klagt Käßmann.

Damit ist sie bei ihrem Thema: Vertrauen. Wie ein roter Faden zieht es sich durch ihren Vortrag: „Du sollst nicht stehlen“ – „Es ist ein ungeheurer Vertrauensverlust für jeden, der schon einmal einen Einbruch erlebt hat“, sagt die Rednerin. Vertrauen in Politik, in Banken? Das sei schwer beschädigt, sagt Käßmann. Und das habe mit Gier zu tun – Gebote neun und zehn. „Die Gier ist ein Wert, der die Menschen bestimmt“, kritisierte die promovierte Theologin. Sie produziere „eine Egomanie, die keine Rücksicht auf andere nimmt“. Wenn eine große Zeitschrift titele „Sei gierig, wenn die anderen ängstlich sind“, dann sei in den vergangenen fünf Jahren nichts gelernt worden. „Haben wir nicht in vielem genug?“, fragt Margot Käßmann und fordert eine „Ethik der Begrenzung“. Denn: „Was wirklich wichtig ist, ist nicht käuflich“.

Kämpferin für Kapitalismus

Doch trotz dieser Kritik zeigt sie sich als Kämpferin für einen sozialen Kapitalismus: „Reichtum ist gut – in einem sozialen Kontext.“ So wie alles Wirtschaften im Kontext, im Verhältnis zueinander stehen müsse: Dieses Verhältnis sei zerrissen, wenn ein Manager stündlich so viel verdiene, wie eine Erzieherin in einem Monat. Und sie verteidigt auch die Banken: „Eine Bank ist nicht gierig. Menschen sind gierig und auch verantwortlich für ihr Tun“.

Und für dieses Tun, dieses Handeln der Menschen seien die zehn Gebote eine bedeutende Richtschnur – nicht nur im religiösen, sondern gerade auch im gesellschaftlichen Sinne. So sei der Geist in Europa bis heute geprägt. Sie zeigt sich überzeugt: „Wenn wir diese Werte ernst nehmen, dafür einstehen, dann habe ich die Zuversicht, die anstehenden Krisen zu bewältigen.“

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