70 Jahre Kriegsende in Hatzfeld

"Glaubt mir, ich bin kein Verbrecher"

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Ein Stolperstein in der Fünffensterstraße in Kassel erinnert an den jungen Matrosen. Seine Schwestern Ingeborg Miss und Gisela Nawrotzki legen Rosen nieder, wenn sie dort sind.

Hatzfeld/Kassel - Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Doch in den ersten Tagen nach der Kapitulation wurde ein junger Soldat nach dem Militärgesetz der Nationalsozialisten gerichtet. Zwei Hatzfelderinnen erinnern an ihren Bruder Alfred.

Am 8. Mai 1945 liegt das deutsche Reich unter dem NS-Regime liegt in Trümmern: Die Kapitulation ist endgültig besiegelt. Der zweite Weltkrieg ist vorbei und unzählige deutsche Soldaten sind auf der Flucht. Doch am 9. Mai 1945 werden drei Matrosen in der Geltinger Bucht nach NS-Militärgesetz zum Tode verurteilt und einen Tag später hingerichtet. Weswegen wurden sie verurteilt? Warum wurde trotz der Niederlage noch nach NS- Recht geurteilt? Die drei Verurteilten waren Alfred Gail, 20 Jahre alt, Marinefunker aus Kassel, Fritz Wehrmann, 26 Jahre alt, Matrose aus Leipzig und Martin Schilling, 22 Jahre alt, Obergefreiter aus Ostfriesland.

„Als am 5. Mai herauskam, daß Waffenruhe für uns ist, hielt unser Kommandeur eine Ansprache und sagte, daß wir sicher dem Tommy übergeben würden“, schrieb Alfred Gail in einem Brief an seine Familie. „Dieser Gefangenschaft wollten wir ausweichen und flüchteten, um uns irgendwie nach Deutschland durchzuschlagen, um Euch beschützen zu können.“

Alfred Gail besuchte mit seinen Kameraden Fritz Wehrmann, Martin Schilling und Kurt Schwalenberg in Svendborg auf der Insel Fünen am 5. Mai einen Kameradschaftsabend, der nach der Verkündigung der Teilkapitulation abgehalten wurde. Sie fassten zusammen den Plan, am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang sich von der Truppe abzusetzen, und dann mit einem Boot auf das Festland zu gelangen. Sie wollten sich nach Hause zu ihren Familien durchkämpfen.

Doch nahe einer Anlegestelle wurde die Gruppe von einer Patrouille bewaffneter Dänen gestellt und zurück nach Svendborg gebracht, wo sie zunächst im Keller der Truppenunterkunft unter Arrest gestellt und nach Verlegung des Bataillons in die Geltinger Bucht an Bord des Tenders „Buea“ eingesperrt wurden.

Kapitän Petersenstatuiert ein Exempel

Als die Gefangenen am 7. Mai von der bevorstehenden Gesamtkapitulation erfuhren, keimte Hoffnung auf: Sie rechneten nicht mehr mit drastischen Konsequenzen für ihren Fluchtversuch. Diese Annahme bestätigte sich jedoch nicht. Die vier Soldaten wurden dem Kommodore der Schnellbootwaffe, Kapitän zur See Rudolf Petersen, übergeben, der die Gerichtsbarkeit über die Soldaten ausübte.

Schon einige Tage vorher hatte die Besatzung des Minensuchbootes M-612 den Einsatzbefehl verweigert, was für Petersen auf Illoyalität innerhalb seiner Truppe hindeutete. Diesem Verhalten wollte er mit eisener Härte entgegenwirken und berief schnellstmöglich ein improvisiertes Kriegsgerichtsverfahren für den 9. Mai 1945 ein.

Von Felix Nawrotzki

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