Dachdecker hinterließen ihre Zeichen und Initialen an der äußeren Kirchenwand

Glut mit Helm gelöscht

Folgen des Orkans „Kyrill“: Im Mai 2008 reparierten (von rechts) Dachdeckermeister Thomas Wanzel mit Viktor Fried und Daniel Mütze das Dach des Chorhauses.

Frankenberg. Blitzschläge, Stürme und ganz normale Witterungsschäden – die riesige Dachlandschaft der Liebfrauenkirche mit Kapellen- und Kirchturmspitzen erforderte von den Frankenberger Bürgern immer wieder erhebliche Opfer bei der baulichen Unterhaltung. Letzte schwere Schäden am Schieferkleid richtete der Orkan Kyrill im Januar 2007 an, sodass Dachdecker auf dem Dach des Chorhauses mehrere Tage lang im Einsatz waren. Bei dieser Gelegenheit wurden auch gleich drei kleine Fenstergiebel erneuert.

In früheren Jahrhunderten gehörte es zur Handwerkstradition der Schieferdecker, dass sie nach vollendeten Arbeiten auf dem Kirchendach im unteren Sandsteinbereich, meistens in Türnähe und gut sichtbar auf Augenhöhe, ihr werbendes Zeichen hinterließen: den typischen Dachdeckerhammer, eine Seite zugespitzt und mit scharfer Schneide zum Behauen des Schiefers auf der „Haubrücke“, die andere mit glatter Bahn und stumpfem Ende zum Einschlagen der Nägel. Mindestens sechs solcher Zeichen, meistens mit einer Jahreszahl, den Initialen oder auch dem kompletten Namen des Handwerkers versehen. Älteste Hinterlassenschaft ist ein Dachdeckerhammer neben dem Eingangsportal aus dem Jahr 1810, versehen mit den Initialen „E P“.

Immer, wenn es um die Turmspitze ging, waren die mutigen und schwindelfreien Dachdecker besonders gefragt. Es gab mehrfach Blitzeinschläge, die den Helm beschädigten oder den Wetterhahn von der Spitze fegten. Da wurden dann nicht großartige Gerüste gebaut, sondern die Handwerker stiegen aus einer Turmluke ins Freie und kletterten über eingehängte Dachleitern nach oben – so auch Dachdeckermeister Heinrich Allmann 1935 (Artikel unten).

Zuletzt beschädigte 1978 ein Blitz den Hahn so sehr, dass er sich nicht mehr drehen konnte, im Dezember 1982 riss der Sturm seine beiden Hälften auseinander. „Ein halber Hahn segelte in den Garten von Dr. Rolf Bluttner“, notierte Pfarrer Wittekindt, „die andere Hälfte blieb an einem Strebepfeiler der Kirche hängen.“ Bei der großen Kirchensanierung ab 1978 wurde auch der Kirchturm komplett mit eingerüstet, der Kaufmännische Verein sorgte für Reparatur und Vergoldung, Architekt Wilhelm Finger prüfte mit den Dachdeckern Karl Pilger und Hilmar Löwer die Standfestigkeit des Turmkreuzes, und am 7. September 1985 wurde bei einem Marktfest auch der vergoldete Wetterhahn feierlich wieder aufgesetzt.

Einen heldenhaften Einsatz zur Rettung der Kirchturmspitze hat der Lohgerber und Feuerwehrsteiger Wilhelm Ortwein am 25. Mai 1895 gebracht: Als nach einem Blitzeinschlag die Feuerwehr von der obersten Galerie aus den Brand mit Handspritzen gelöscht hatte, fand sich noch ein Glutnest in der Spitze direkt unter dem Hahn.

Ortwein erstieg zusammen mit dem Hausschlachter Julius Finkeldey „unter Einsatz ihres Lebens die oberste Zinne des Turmes“. Er schlug ein Loch in den Turm und schüttete dann mit seinem Feuerwehrhelm Wasser auf das glimmende Holz. Diese waghalsige Löschaktion, die den Wehrleuten „viele Anerkennung und Dankesbezeugungen einbrachte“, hat er später selbst noch einmal niedergeschrieben.

Von Karl-Hermann Völker

Quelle: HNA

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