Lehrreiche Geschichtsstunden: Caroline und Emma Bitmead aus Australien zu Besuch in Frankenau

Großvaters Absprung über Feindesland

In diesem Waldstück bei Lischeid ging der britische Bomber 1945 nieder. An der Absturzstelle: Jörg Merlau mit Sohn Fin, die beiden Australierinnen Emma und Caroline und André Lange von der Arbeitsgemeinschaft „Luftkriegsgeschichte“.Fotos: Hans-Joachim Adler

Frankenau - Die beiden jungen Frauen begaben sich auf die Spuren ihres Großvaters, eines Weltkriegsfliegers.

Den berüchtigten „Schluss-Strich“ ziehen und die Geschichte ruhen lassen? Das hat noch nie funktioniert. Noch immer bewegen historische Ereignisse. Gerade der Zweite Weltkrieg, obwohl er schon viele Jahrzehnte zurückliegt. Er beschäftigt Menschen über Generationen, wie die Arbeitsgemeinschaft „Luftkriegsgeschichte“ erst vor wenigen Tagen wieder erfahren hat.

Im September erhielt ich einen Anruf von einem Freund aus Sheffield in England. Er kündigte mir einen Besuch aus Australien an. Es gehe um den Absturz einer britischen Lancaster am 9. April 1945 im Wald bei Li­scheid. Schon einen Tag später war auf der Internetseite unserer Arbeitsgemeinschaft die Nachricht einer Frau eingegangen, die um einen Besuch in Frankenau bat. Wir fanden einen Termin morgens um 10 Uhr.

Bitte der Großmutter

Wir erwarteten eine Frau mittleren Alters, die auf den Spuren ihres Vaters war. Doch dem Auto entstiegen zwei junge Frauen. Die eine stellte sich als Caroline Bitmead vor, die andere als ihre Schwester Emma. Während ihrer Europareise hatten sie von ihrer Großmutter Eugenie die Bitte bekommen, sich in Deutschland doch einmal die Absturzstelle der Lancaster anzusehen, in der ihr Großvater als Funker eingesetzt war.

Dieser Lancaster-Bomber vom Typ ME 478 war in der Nacht auf den 9. April 1945 mit dem Ziel Lützkendorf bei Leipzig unterwegs. Von der schweren Flugabwehr bei Leipzig getroffen, hatte der Navigator den nächsten Ausweichplatz errechnet, der bei Juvincourt in Frankreich lag. Auf dem Flug nach Westen häuften sich die Probleme mit den Motoren, die Maschine verlor immer mehr an Höhe. Um Gewicht zu sparen, hatte die Crew schon die Bomben abgeworfen. Doch es reichte nicht: Bei 5500 Fuß Höhe - etwa 1900 Metern - gab Pilot Ferris den Befehl zum Aussteigen.

Wohlbehalten zurück

Alle sieben Besatzungsmitglieder kamen im Umkreis von 15 Kilometern zu Boden, manche bei Gemünden. Schon wenige Tage später waren alle sieben wohlbehalten in England auf ihrem Fliegerhorst zurück. Denn das Frankenberger Land und die Schwalm waren zu diesem Zeitpunkt schon von alliierten Truppen befreit worden, vor Ostern waren sie einmarschiert. So war Bill Bitmead nach sechs Stunden Fußmarsch auf amerikanische Soldaten gestoßen.

Die Maschine zerschellte bei Lischeid. Einiges holten Schrotthändler dort ab, aber Trümmer fanden sich auch Jahrzehnte später noch.

Die Arbeitsgemeinschaft ist dem Absturz nachgegangen. Einiges ist vor acht Jahren an Korrespondenz zwischen Deutschland und Australien hin und her gegangen, dabei hat sich ein Fehler eingeschlichen: Bislang hieß es, Bill Bitmead sei 1951 als Pilot vor der Küste Südenglands abgestürzt und ums Leben gekommen. Falsch, berichtete Caroline Bitmead: Ihr Großvater sei erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts gestorben.

Über seine Zeit im Krieg, über das prägende Erlebnis des Absprungs aus einer brennenden Maschine hat er mit seinen Enkelinnen kaum geredet. Wer hätte auch gedacht, dass die beiden einmal in Deutschland auf seinen Spuren wandeln würden.

Nachdem wir uns ein wenig kennengelernt hatten, wurde die Fahrtroute zur Absturzstelle der Lancaster festgelegt. Lischeidliegt an der Bundesstraße 3. Auf der Fahrt nach Süden erzählten die beiden jungen Frauen, dass sie bei ihrer Europareise Portugal, Spanien, Frankreich, Belgien, Holland, Italien, England und Polen bereist hätten. Deutschland stand mit Hannover und Berlin am Ende der Reise auf dem Plan - bis sie der Anruf der Großmutter erreichte und ein Punkt hinzukam.

Nach etwa 50 Minuten war die Stelle erreicht, an der die Lancaster in der Nacht auf den 9. April 1945 flach in den Wald bei Lischeid aufgeschlagen war. Splitter von Plexiglas waren der erste Anhaltspunkt, dass die genaue Stelle des Aufschlages erreicht war. Die beiden jungen Frauen waren nicht für diese Exkursion in den Wald angezogen. Doch es war für sie schon bewegend, ein Stück Plexiglas von dem Flugzeug in der Hand zu halten, mit dem ihr Großvater im Krieg einen Angriff auf Nazi-Deutschland geflogen hat. Und in dem er auch leicht hätte umkommen können.

Da standen wir freundschaftlich plaudernd im Wald bei Lischeid zusammen, während die Generation der Großväter noch Krieg gegeneinander geführt hat. Insofern ist auch das unscheinbare Plexiglas ein Stück Geschichte, aus der die Menschen lernen sollten. Es gilt, die Australier wie Deutsche oder Briten verbindende Wertegemeinschaft zu verteidigen.

Nach der Besichtigung ging es weiter nach Ebsdorf. Jörg Merlau von der Initiative „Fliegerschicksale in Nordhessen“ hatte sich mit an der Absturzstelle eingefunden und führte die australischen Gäste durch das Museum in dem Dorf.

Erinnerungsstücke

Eigens für diesen Tag war eine Kiste mit Überresten der ME 478 ins Museum gebracht worden. Für Caroline und Emma Bitmeadein besonderer Augenblick, als Jörg Merlau ihnen eine Auswahl von Teilen zur Verfügung stellte, die sie mit nach Australien nehmen konnten. Erinnerungsstücke, für die sich auch ihre Großmutter interessieren dürfte. Nach einer Stunde ging es zurück nach Frankenau.

Viele Fragen gab es zu beantworten: Was hat Bill Bitmead nach dem Krieg gearbeitet? Ein Foto zeigt ihn in einer Uniform, die einem Piloten der Royal Air Force sehr ähnlich sieht. Caroline konnte diese Frage beantworten. Ihr Großvater war als Navigator auf einem Containerschiff beschäftigt, das um Australien und benachbarten Ländern herum im Einsatz war.

Für Caroline und Emma stellt sich die Frage, warum er kaum über die Zeit des Krieges mit ihnen gesprochen hat. Eine Frage, die auch vielfach in Deutschland laut wird, denn Erlebnisse aus dieser Zeit wirken bis heute nach, sie haben auch die Generation der Nachgeborenen geprägt. „Warum hat Großvater sich so seltsam verhalten?“ Eine Frage, der in allen Ländern nachgegangen werden sollte, in denen Krieg geführt wurde.

Am Abend war die kleine Reise beendet. Die als Städteplanerin tätige Caroline und die Krankenschwester Emma haben sich verabschiedet. Allen bleibt zu wünschen, dass dieser Tag nicht in Vergessenheit gerät.

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