Letztes Interview mit Frankenberger Stadtoberhaupt

Bürgermeister Engelhardt: "Einige Diskussionen hätten besser laufen können"

Christian Engelhardt

Frankenberg. 2770 Tage war Christian Engelhardt Bürgermeister der Stadt Frankenberg. Am Mittwoch macht er seinen Chefsessel in der Stadtverwaltung frei. Wir führten mit dem 39-Jährigen ein letztes Interview als Bürgermeister.

Am Donnerstag, 30. Dezember, beginnt er seine neue Herausforderung als Direktor beim Landkreistag in Wiesbaden.

Herr Engelhardt, am 1. Mai 2004 haben Sie das Bürgermeisteramt in Frankenberg angetreten. Am Mittwoch ist Schluss. Was hat Christian Engelhardt in diesen siebeneinhalb Jahren mit Frankenberg verbunden, was war Ihr Markenzeichen?

Christian Engelhardt: Mein Slogan im Jahr 2004 war „frisches Denken für unsere Heimat“. Mein Ziel war, neue Ideen zu entwickeln und diese auch umzusetzen. Das war auch mein Markenzeichen! Mit einer offenen Politik des Miteinanders habe ich Dinge, wie Stadtsanierung, das Familienstadtprojekt, die interkommunale Zusammenarbeit, aber auch verwaltungsinterne Rahmenbedingungen, wie moderne Kosten- und Leistungsrechnung, kaufmännisches Denken oder obligatorische Mitarbeitergespräche mit den Möglichkeiten von Zielvereinbarungen geschaffen. Am meisten verbindet mich mit Frankenberg aber das Thema „Familienstadt“. Nicht nur wegen des Modellprojekts, sondern weil ich hier mein persönliches Familienprojekt leben konnte: In Frankenberg wurde ich mit meiner Frau Daniela standesamtlich getraut und hier sind unsere beiden Töchter geboren.

Sie haben in diesen siebeneinhalb Jahren viel Kreativität entwickelt. Welche waren Ihre größten Erfolge?

Engelhardt: Die Frage nach den größten Erfolgen ist eine Frage, die ich relativieren muss. Es sind verschiedene Dinge, die ich getan habe, die für Menschen unterschiedlich wichtig waren, je nachdem, inwieweit sie betroffen sind. Die größten Projekte in meiner Amtszeit waren sicherlich die Stadtsanierung, bei dem es von Bund und Land hohe Zuschussmittel für die Umgestaltung der Stadt im Bereich des ehemaligen Klosters St. Georgenberg sowie zwischen Fußgängerzone und Eder gibt, die Rathaussanierung zum 500-jährigen Jubiläum des Gebäudes, wozu wir eigens den Verein „Lebendige Altstadt“ gegründet haben, zu dem die Rathausbriefmarke herauskam und das Rathaus-Fest gefeiert wurde. Besonders viel Freude hat auch das Projekt „Familienstadt mit Zukunft“ gemacht, welches sehr viele Facetten hat.

Die weitere interkommunale Zusammenarbeit mit Burgwald, Frankenau, Gemünden, Haina und Rosenthal sehe ich für die Zukunft als nachhaltigen Erfolg, beispielsweise auch das LKW-Fahrverbot in der Innenstadt, die Sanierung des Ederberglandbades, die mit der Analyticon Biotechnologies AG getroffene Vereinbarung, dass diese in das interkommunale Gewerbegebiet Frankenberg-Burgwald umzieht oder aber auch die Ansiedlung eines Standortes der Berufsakademie Nordhessen mit einem Studiengang „Systemsengineering“ in Frankenberg, welche inzwischen hier zu einem Bachelor- und Masterstudienangebot geführt hat.

Hand aufs Herz: Was waren Ihre größten Niederlagen und Misserfolge?

Engelhardt: Niederlagen und Misserfolge empfinde ich vor allem dann, wenn es mir nicht gelingt, die Menschen auf dem Weg meines Handelns „mitzunehmen“ und ihr Verständnis zu gewinnen. Denn ich bin sehr konsensorientert und habe daher auch immer bei allen Fraktionen für die von mir vorangetriebenen Vorhaben und Ideen geworben. Vielleicht hätte die eine oder andere Diskussion noch besser laufen können, die eine oder andere Auseinandersetzung vermieden werden können. Aber mit dem von mir Erreichten bin ich zufrieden. Es lässt sich natürlich noch vieles anders und vielleicht auch besser machen. Das darf nun mein/e Nachfolger/Nachfolgerin versuchen.

Wie haben Sie selbst Ihre Arbeit in Frankenberg gesehen: Als zuverlässiger Organisator oder als kreativer Leiter der Stadt? Was haben Sie in Frankenberg zum Leben erweckt?

Engelhardt: Ich habe meine Aufgabe als kreativer Leiter und als Netzwerker verstanden. Meine Aufgabe war es, Ideen zu entwickeln oder aber aufzunehmen und dann durch das Beteiligen der richtigen Stellen und richtigen Personen die Umsetzung zu ermöglichen.

Meine Ideen habe ich schon aufgezählt. Erweckt habe ich nach meiner Meinung: Politische Transparenz, auch durch den Einsatz neuer Medien, Kostenbewusstsein, Bewusstmachung des demographischen Wandels und seiner Folgen, bürgerschaftliches Engagement (z. B. Grünstreifen-Paten, Übergabe des Freibades Rengershausen in Vereinshände, Leih-Omis ...). Ich denke, wir haben in den vergangenen siebeneinhalb Jahren einen offenen, fairen und engagierten Umgang in Frankenberg zwischen Kommunalpolitik, Vereinen und Institutionen und der Bürgerschaft erlebt.

Wie sehen Sie die Zukunft der Stadt? In welche Richtung muss die Stadt sich weiterentwickeln? Wird ein neues Einkaufszentrum die Stadt weiter nach vorn bringen?

Engelhardt: Ich sehe die Zukunft der Stadt durchweg positiv: Die Grundsteine für die weiteren Entwicklungen sind gelegt! Die Stadtsanierung in Frankenbergs Mitte werden wir kurzfristig weiterführen mit der Sanierung der Bahnhofstraße; das Familienprojekt hat die Folgen des demographischen Wandels sichtbar gemacht und konnte trotz vieler Sparmaßnahmen des Landes im Jahr 2009 für weitere fünf Jahre verlängert werden; Frankenberg ist ein Studienstandort; es gibt ein rühriges Vereinswesen; die Bürgerschaft ist engagiert. Es gibt eigentlich keine besondere Richtung, wo sich die Stadt noch hin entwickeln müsste: Sie ist bereits jetzt attraktiv, lebens- und liebenswert. Die Feste und Veranstaltungen - zuletzt das Halloween-Midnight-Shopping - zeigen immer wieder auf's Neue die Anziehungskraft der Stadt auf die Menschen des Umlandes.

Zu der Teilfrage „Wird ein neues Einkaufszentrum die Stadt weiter nach vorne bringen?“ An das eben Gesagte anknüpfend: Eindeutig ja. Frankenberg ist attraktiv, darf sich aber nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Auf dem ehemaligen Balzer-Areal wird eine attraktive Galerie geschaffen, die neugierig machen wird auf die Einkaufsstadt Frankenberg. Im Rahmen der Stadtsanierung wird die Anbindung des Galeriekonzeptes an die Bahnhofstraße und bis in die Fußgängerzone geschaffen. Im Bereich der Fußgängerzone sollen in enger Abstimmung mit dem Kaufmännischen Verein weitere Verbesserungen entstehen. Auch diese wurde bereits in die Wege geleitet.

Herr Engelhardt, heute ist Schluss. Wie werden Sie Frankenberg verlassen – mit einem weinenden oder einem lachenden Auge?

Engelhardt: Beides. Natürlich freue ich mich auf die neue, interessante Tätigkeit in der Landeshauptsstadt Wiesbaden. Aber ich bin auch sehr nachdenklich geworden die letzten Tage im Amt. Ich gebe hier viel auf, der Bürgermeister-Posten in einer lebendigen Stadt wie Frankenberg ist äußerst spannend und bereichernd. Ich habe lange gezögert, als es darum ging, meine Entlassung beim Magistrat offiziell zu beantragen. Frankenberg und seine Menschen sind mir ans Herz gewachsen. Ich werde die Stadt vermissen.

Das Leben beginnt mit dem Tag, an dem man einen Garten anlegt, sagt ein altes chinesisches Sprichwort. Welchen Garten haben Sie in Frankenberg angelegt?

Engelhardt: Den Landratsgarten! Und, ein „kleines Geheimnis“: Die Gemeinde Burgwald hat mir zur Hochzeit einen Apfelbaum geschenkt, welchen ich auf einer öffentlichen Grünfläche in der Stadt gepflanzt habe. Wo? Verrate ich nicht!

Welche Herausforderungen muss Ihr Nachfolger meistern. Wo müssen neue Wege gegangen und wo muss an alten Konzepten festgehalten werden?

Engelhardt: Mein Nachfolger hat die gleichen Herausforderungen zu meistern, wie ich sie auch hatte im Rahmen meiner siebenjährigen Amtszeit. Besonders wichtig wird in den nächsten Jahren das Thema „öffentliche Finanzen“ werden, dies zeigen die verschiedensten Staatsschuldenkrisen, welche wir aktuell haben. Inwieweit er oder sie an bestehenden Konzepten festhält oder neue Wege geht, das kann ich aus meiner heutigen Sicht nicht beurteilen. Das kommt immer auf die Umstände und zukünftigen Verhältnisse an. Da die Wege der letzten Jahre aber nicht „meine Wege“ waren, sondern meist auf breiter Basis der Frankenberger Politik gestanden haben, spricht vieles dafür, dass in den wichtigsten Themen Kontinuität bestehen wird wird.

Welches Ereignis oder Erlebnis aus Ihrer Frankenberger Zeit wird Ihnen immer im Gedächtnis bleiben?

Engelhardt: Natürlich die Geburt meiner beiden Töchter hier im Frankenberger Kreiskrankenhaus. Besonders bewegend war auch die große Feier zum Jubiläum „500 Jahre Rathaus“ sowie ein eher „kleiner Termin“, nämlich eine Gnadenhochzeit, welche ich Anfang diesen Jahres besuchen konnte.

Wird der Kontakt nach Frankenberg erhalten bleiben?

Engelhardt: Von meiner Seite aus unbedingt. Gerne nutze ich die Kontakte nach Frankenberg auch, um meine/m Nachfolger/Nachfolgerin mit Informationen oder mit dem Vermitteln von Kontakten in Wiesbaden weiterzuhelfen. Letztendlich sind in Frankenberg auch Bekanntschaften und Freundschaften entstanden, welche wir weiterhin pflegen wollen.

Wie sehen Ihre eigenen Erwartungen für die Zukunft aus? Wird das neue Amt eine große berufliche Umstellung werden?

Engelhardt: Ich blicke sehr gespannt in meine eigene Zukunft. Vieles wird sich ändern: Im neuen Amt werde ich viel weniger in der Öffentlichkeit stehen als in den letzten sieben Jahren, denn als Bürgermeister ist man direkt gewählt und den Menschen bekannt; als Direktor des Landkreistages spiele ich öffentlich in Wiesbaden außerhalb des „Politikbetriebs“ keine große Rolle. Ich habe in Wiesbaden viel weniger Mitarbeiter, wenig direkt zu entscheiden, aber wirke bei großen Themen wie Gesetzgebungsvorhaben und politischen Entwicklungen mit. Es ist eben etwas ganz anderes und ich hoffe, es wird mir genau so liegen, wie meine Tätigkeit in Frankenberg. Die Menschen, mit welchen ich besonders viel zu tun haben werde, machen auf mich einen sehr positiven Eindruck, so dass das „berufliche Umfeld“ stimmt. (mjx)

Quelle: HNA

Kommentare