Frankenberg

Heimatgefühle und Reiz der Metropole

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- Frankenberg (ket). Berlin – Tummelplatz der Künstler und Studenten, enge Hinterhöfe, unzählige Theaterbühnen und Doppeldeckerbusse. Dagegen Battenfeld – weite Flur, Discoabende und großzügige, alte Gehöfte. So unterschiedlich uns diese Wohnorte vorkommen, so verschieden sind auch die Lebensentwürfe von Franziska Krobisch und Roy Röcher, zwei jungen Menschen, die nach ihrem Abitur in Frankenberg zur nächsten Etappe auf dem Weg in das Berufsleben durchstarten.

Waldeck-Frankenberg verliert von Jahr zu Jahr mehr Einwohner. Viele junge Leute zieht es nach dem Abitur zum Studium in die Großstädte und Metropolen, aber nur wenige kehren wieder zurück. 2010 lebten im Schnitt rund fünf Prozent weniger Menschen im Landkreis als noch zehn Jahre zuvor. Wie kann die Region die jungen Leute halten? Politiker und Verantwortliche in der Region suchen nach den Ursachen des Bevölkerungsrückgangs und entwickeln Konzepte, die junge Menschen zum Verbleib zwischen Eder und Diemel animieren sollen. Was bindet die junge Generation an ihren Heimatort? Ist es die Vereinsvielfalt, der Freundeskreis oder die Familienbande?

Franziska Krobisch lebt in einer Wohngemeinschaft im Berliner Szene-Stadtteil Prenzlauer Berg – noch vor einem Jahr genoss sie die kleinstädtische Idylle Frankenbergs. Nach dem Abitur an der Edertalschule 2010 entschloss sich die 20-Jährige, für ihr betriebswirtschaftliches Studium in die Spreemetropole zu ziehen. „Die Großstadt ist gar nicht so anonym, wie viele denken“, sagt sie. Schon nach drei Tagen habe sie jede Menge Leute kennengelernt, mit denen sie auch in der Freizeit viel unternimmt. Franziska besucht gerne kulturelle Veranstaltungen – dafür bietet Berlin hervorragende Voraussetzungen. Mit der Classic-Card kann sie schon für acht Euro ein Konzert oder für zehn Euro eine Opernvorstellung besuchen. Franziska liebt das Spontane, Unvorhersehbare der Stadt und ihrer Bewohner.

Den Menschen in Battenfeld ist dieser Trubel fremd. Keine Parks, in denen man mit Musik vollgedröhnt wird, keine verrückten Hippies und vor allem keine ratternde U-Bahn, die sich auf Stelzen durch ein Meer von Häusern schlängelt. Stattdessen Bodenständigkeit, Ruhe und dörflicher Zusammenhalt. Drei gutbürgerliche Gastwirtschaften, Heide, auf denen Schafe und Ziegen weiden, ältere Herren, die mitten auf der Straße ein Schwätzchen halten.Roy Röcher liebt seinen Heimatort. Es ist diese Beschaulichkeit, das Bekannte, das ihn glücklich macht. Der 20-Jährige engagiert sich in seiner Heimatgemeinde in zahlreichen Vereinen. So singt er gerne im Männergesangverein und im 150-PS-Gospelchor. Auch sportlich ist er aktiv – er spielt Fußball in der SG Battenfeld. Seine Freunde wohnen größtenteils im gleichen Ort. Mit ihnen trifft sich Roy in seiner Freizeit oft. Gemeinsam fahren sie hin und wieder nach Frankenberg oder Geismar in die Diskothek. „Es ist meine Heimatverbundenheit, das Zugehörigkeitsgefühl, das einem Freunde und Vereine geben – eine Einstellungssache“, erklärt Roy seinen Lebensentwurf.

Zurzeit absolviert er den Dualen Studiengang Ingenieurwesen mit der Fachrichtung Maschinenbau am Frankenberger Standort der Technischen Hochschule Mittelhessen und lässt sich bei der Firma Viessmann praktisch ausbilden. Wie Franziska schloss auch Roy voriges Jahr seine Schullaufbahn mit dem Abitur an der Edertalschule ab. Warum er sich für Viessmann und damit für Wal­deck-Frankenberg entschieden hat? „Fast meine ganze Familie ist jetzt schon seit drei Generationen bei Viessmann beschäftigt.

Oma, Opa, Mama, Papa und meine Schwester – alle arbeiteten oder arbeiten dort. Und ich schließlich auch. Das kann man schon eine richtige Tradition nennen“, erzählt Roy stolz. Bis zu seiner Arbeitsstätte hat er es nicht weit – die Werke befinden sich praktisch vor seiner Haustür. Er fühlt sich auch an der Hochschule in Frankenberg wohl und genießt die gleichen Vorzüge wie Studenten „herkömmlicher“ Universitäten: Mit seinem Semesterticket kann er in Hessen kostenlos den öffentlichen Nahverkehr benutzen und bezahlt bei Veranstaltungen lediglich den ermäßigten Eintrittspreis. Nur elf Kommilitonen studieren mit ihm. So haben die Dozenten auch zwischendurch Zeit, um mit Roy zu diskutieren und ihm fachliche Fragen zu beantworten.

Daran ist an der Berliner Humboldt-Universität (HU), an der Franziska studiert, bei einer Masse von 140 Studenten der Betriebswirtschaft gar nicht zu denken. In nur 17 Minuten fährt sie mit Bus und Straßenbahn vom Hauptgebäude der HU nach Hause an den „Prenzlberg“, wie ihn seine Bewohner liebevoll nennen. Von Tristesse ist dort keine Spur. Fast alle Fassaden erstrahlen in hellen, freundlichen Farben. Gepflegte Begrünung umrundet Plätze, an denen sich erstaunlich viele junge Familien mit kleinen Kindern tummeln.

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